Griechenland Grexit stellt Ansteckungsfahr auf die Probe

Griechenland droht die Staatspleite mehr denn je. Die Angst, einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone könnten andere Länder folgen, wächst. Dabei könnte ein Grexit auch eine neue Chance für den Euro bedeuten.

Grexit Quelle: dpa

Noch stehen die Zeichen nicht auf "Grexit", die Euro-Finanzminister bekräftigten auch am Samstagabend noch einmal, Griechenland solle Mitglied der Euro-Zone und der Europäischen Union bleiben. Nach den erfolglosen Verhandlungen steuert Athen aber immer weiter auf die drohende Staatspleite zu.

Gründe für den Verbleib Griechenlands im Euro gab es viele, nicht alle haben überzeugt. Einer der ernst zu nehmenden war die Angst, dem Ausscheiden eines Landes aus der Währungsunion könnten andere folgen. Diese Gefahr haben Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, bis zuletzt beschworen.

Um dieses unkalkulierbare Risiko zu vermeiden, sind sie dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras schier unendlich weit entgegengekommen – viel weiter, als es nach den Spielregeln der Europäischen Währungsunion überhaupt möglich war. Doch letztlich hat alles nichts genutzt.

Nun ist die Gefahr akut und die Ansteckungsgefahr geht von den Finanzmärkten aus: Wie werden sie reagieren? Kommt es so, wie viele befürchten, werden Investoren nun womöglich mit zig Milliarden gegen den Euro wetten, ihr Geld jetzt auch aus Portugal oder Spanien abziehen – und damit weiteren und noch größeren Kapitalabflüssen den Weg bereiten? Dann kommt es womöglich doch zu einer Krise, wie sie die Welt nach der Lehman-Pleite schon einmal erlebt hat.

Die Angst ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Immerhin handelt es sich mit Portugal und Spanien um Länder, die in den vergangenen Jahren mit europäischen Notkrediten vor einer drohenden Pleite gerettet werden mussten. Auch Italien, das bislang zwar ohne Hilfen ausgekommen ist, steht wegen seiner schwächelnden Wirtschaft und eines noch lange nicht vollständig abgebauten Reformstaus unter Beobachtung der Märkte.

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

Es steht zu vermuten, dass die Börsen dieser Länder ab Montag einbrechen werden, dass Investoren aus den Staatsanleihen dieser Länder fliehen und deren Renditen kräftig in die Höhe schnellen werden. Dies erschwert die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen und der Staaten und hat das Zeug, den Süden Europas erneut in eine schwere Krise zu stürzen.

Der Stress an den Finanzmärkten hatte deswegen bereits in den vergangenen Tagen merklich zugenommen. Sollte, wie nun zu erwarten steht, die gesamte Bankenlandschaft eines Euro-Landes in die Pleite rutschen, wird dies unweigerlich ein Beben an den Finanzmärkten auslösen, dessen Erschütterungen weit über das Epizentrum in Griechenland hinausreichen. Dann muss es sich erweisen, ob sich der Rest der Euro-Zone in den vergangenen fünf Jahren ausreichend stabilisiert hat, den zu erwartenden Erschütterungen Stand zu halten.

 

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa
Die Institutionen, die in den vergangenen Jahren Griechenland immer wieder mit neuen Krediten ausgeholfen haben, haben sich schließlich dafür selbst verschuldet. Ein Beispiel dafür ist der europäische Rettungsschirm EFSF, dem der griechische Staat 131 Milliarden Euro schuldet. Um das Geld aufzutreiben, hat der EFSF Anleihen an Fonds, Banken und Versicherungen verkauft. Diese Anleihen sind mit staatlicher Garantie versehen. Die Euro-Staaten müssten dafür geradestehen, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr tilgt. Deutschland etwa müsste mit 39 Milliarden Euro einspringen, Frankreich mit 29 Milliarden Euro. Quelle: Handelsblatt Online
Dasselbe Prinzip gilt für die 104 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen, die die Europäische Zentralbank in ihrer Bilanz hält. Sollte es zu einem „Grexit“ kommen und die EZB die Anleihen Griechenlands im Portfolio abschreiben müssen, dann müssten die Staaten der Eurozone nach dem vereinbarten Kapitalschlüssel das Eigenkapital der EZB aufstocken. Deutschland wäre über die Bundesbank mit rund 29 Milliarden Euro dabei. Quelle: dpa
Ein kritischer Posten sind auch die etwa 50 Milliarden Euro, mit denen Griechenland bei seinen eigenen Banken verschuldet hat. Die Institute wären bei einem offiziellen Staatsbankrott sofort pleite. Sparer müssten um ihre Einlagen fürchten. Quelle: REUTERS

Dafür  spricht, dass sich die Wirtschaft in den beiden Reformländern Spanien und Portugal seit Ausbruch der Euro-Krise merklich erholt hat. In Spanien wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr das Niveau des Krisenjahres 2008 schon fast wieder erreichen. Auch Portugals Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr schon fast wieder so hoch ausfallen wie 2010. In beiden Ländern ist die Arbeitslosigkeit zwar noch immer viel zu hoch, doch die Arbeitslosenquoten sinken nun bereits das zweite Jahr in Folge. In beiden Ländern hat sich auch der Anteil der Exporte an der Wirtschaftsleistung merklich erholt.

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