Griechenland in der Krise Vom Hoffnungsträger zur Hassfigur

Im Rest Europas wird der griechische Premier zum Außenseiter – aber in Athen verspielt er alles Vertrauen, vor allem in der Elite von Politik und Wirtschaft. Nun kündigt er ein Referendum über die Sparprogramme an.

Alexis Tsipras Quelle: dpa

Der Grieche Dimitrios Titopoulos ist Unternehmer, ein ziemlich umtriebiger sogar. Trotzdem war er noch im Februar eher für als gegen die linksextreme Syriza-Koalition um den Ministerpräsidenten Alexis Tsipras – auch wenn das ein Populist ist, der glaubt, der Staat könne alles regeln. Das sieht ein Geschäftsmann natürlich anders, aber: „Es war ein Hoffnungsträger für viele“, so Titopoulos, „leider hat er politisch mit seiner Zockerei bloß Porzellan zerschlagen.“ 

In seinem Umfeld hört Titopoulos von Unternehmern, die nicht einmal die Löhne ihrer Leute nicht bezahlen können. „Die Wirtschaft steht still“, sagt der Geschäftsmann, der für den chinesischen Solarhersteller Jingli in Athen die Geschäfte führt und nebenher Agrargüter seines Landes auch nach Deutschland exportiert. Investieren kann er in dieser Phase nur außerhalb Griechenlands. „Keiner vertraut uns Griechen mehr“, sagt er. Dabei hätte es so weit nicht kommen müssen. Im Februar habe es in Brüssel Gesprächsbereitschaft mit dem neuen Premier gegeben, der so viel Rückhalt in der Heimat hatte. „Er hätte nur ein detailliertes Spar- und Reformprogramm vorlegen müssen“, sagt Titopoulos mit Betonung auf „und“, er hätte es durchgebracht. 

Nicht erst der in der Nacht zum Freitag gescheiterte EU-Gipfel hat deutlich gemacht, wie sehr sich Tsipras in die Sackgasse manövriert hat: Egal, welchen Deal er in Brüssel abschließt – es ist klar, dass ihn seine Fraktion dafür zerreißen und er nichts durchs Parlament bringen wird. So hoch wie unrealistisch sind die Erwartungen an die politischen Praktiker, die in Brüssel und Athen im Feuer stehen. Womöglich wird Tsipras gar keine Zugeständnisse machen, sondern das Handtuch werfen. Nun aber hat der griechische Regierungschef am frühen Samstagmorgen zunächst überraschend ein Referendum über die Sparprogramme für den 5. Juli angesetzt. Da am Dienstag bereits eine Rückzahlung an den Internationalen Währungsfonds (IWF) von rund 1,6 Milliarden Euro ansteht, wollte er „eine kleine Verlängerung“ des laufenden Hilfsprogramms beantragen. „Manche der Institutionen und der Partner haben wohl die Absicht, ein ganzes Volk zu demütigen“, warf Tsipras den Geldgebern vor. „Am Samstag wird das Parlament tagen, um diese Volksabstimmung zu genehmigen“, sagte der griechische Premier weiter. „Ich werde das Ergebnis Eurer Entscheidung akzeptieren“, sagte Tsipras. „Die Partner haben uns ultimativ aufgeordert, noch mehr Sparlast zu akzeptieren.“ Dies würde aber ein weiteres Schrumpfen der griechischen Wirtschaft bewirken. „Wir tragen die historische Last, die Demokratie zu festigen. Diese Verantwortung zwingt uns, auf Grund des Willens des Volkes zu entschieden.“

Die von Athen vorgeschlagenen Sparmaßnahmen

Schulden nicht zu bezahlen, würde das Vertrauen endgültig zerstören

Aber auch Neuwahlen wären für den Athener Ökonomen Nikos Vettas nicht das „Worst Case“-Szenario: „Griechenland könnte seine Verbindlichkeiten im Ausland eine zeitlang einfach nicht bedienen und als eine Art Zombie trotzdem Mitglied in der Eurozone bleiben“, fürchtet der Chef der Denkfabrik Foundation for Economic & Industrial Research, auf deren Frühindikatoren auch die EU-Kommission vertraut. Kurzfristig wäre das verkraftbar: Im Inland könnte der Staat seinen Leistungen weiter nachkommen, da der Haushalt ohne Zins und Tilgung überschüssig ist. So blieben auch die Griechen ruhig. 

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

Langfristig hätte das Zombi-Szenario dramatische Folgen: „Die Unsicherheit wäre noch größer, das Vertrauen endgütig zerstört“, warnt Vettas. So steht bloß fest, dass auf absehbare Zeit gar keine Investitionen ins Land kommen werden – keine griechischen, erst recht keine aus anderen Ländern. Nicht einmal die Chinesen investieren dieser Tage in ein Land, dessen Zukunft am seidenen Faden hängt. Und in den nun mehr fast leeren Vorstadt-Cafés stellt man sich die Frage: Wie soll es weitergehen? 

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