Griechenland-Krise Alexis Tsipras pokert so hoch wie nie

Obwohl Griechenland faktisch bankrott ist, wähnt sich Ministerpräsident Alexis Tsipras auf dem Zenit der Macht: Mit dem Rückenwind des Referendums reist er zum Krisentreffen in Brüssel, um über neue Hilfen zu verhandeln. Der neue Finanzminister Euklid Tsakalotos präsentierte wider Erwarten kein neues Sparkonzept.

Alexis Tsipras reist zum EU-Sondergipfel nach Brüssel. Quelle: AP

In dieser schweren Krise rückt fast die gesamte politische Elite Griechenlands zusammen: In Athen trafen sich die Spitzen sämtlicher Parteien bei Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos, um Auswege aus der Krise zu besprechen. Es heißt, das mit Ausnahme der Kommunisten-Partei KKE alle den Schuldenschnitt forcieren.

Zuvor hatten einige Parteien widerspenstiges Personal abgebaut: Bei der konservativen Nea Demokratie trat mit Ex-Ministerpräsident Antonis Samaras ein Protagonist des Spar- und Reformkurses zurück. Dessen Nachfolger Alexis Tsipras, der amtierende Regierungschef, setzte den unter den EU-Finanzministern verhassten Kämmerer Yanis Varoufakis vor die Tür.

Es ist also angerichtet: Mit stolzer Brust kann Tsipras heute nach Brüssel reisen, wo um 18 Uhr der Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs beginnt. Zuvor traf sich bereits die Eurogruppe, um zähneknirschend über mögliche neue Hilfen für Griechenland zu beraten. Varoufakis' Nachfolger Euklid Tsakalotos legte dabei wider Erwarten keine schriftlichen Vorschläge zur Lösung der Schuldenkrise vor. Der Minister habe seine Amtskollegen nur mündlich informiert. EU-Diplomaten sagten, man warte nun auf einen neuen Antrag der griechischen Regierung: "Dafür müssen sie einen neuen Brief schicken, der Reformvorschläge enthält“, hieß es.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Tsipras hatte vor dem Referendum in einem Brief Hilfen aus dem ESM in Höhe von 29 Milliarden Euro beantragt. Dieser Antrag muss nun überarbeitet werden. Werden die Spar-Kommissare aus dem Rest der Union einknicken vor dem kleinen Land im Südosten, dessen elf Millionen Einwohner das schmerzhafte Sparen leid sind?

Tsipras jedenfalls weiß sein Land hinter sich. Innerhalb der politischen Elite steht freilich steht seine Syriza-Bewegung geschlossen wie nie zu ihrem Anführer. Vor wenigen Tagen war die linksradikale Senkrechtstarter-Partei, die im Januar die Parlamentswahlen haushoch gewonnen hatte, ein wirrer Haufen aus Anarchisten, Alt-Kommunisten, Keynesianern oder einfach programmlosen linken Weltverbesserern in Batik-Hemden. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Partei am Sparkurs entzweit – nun sind sie vereint im Glauben, dass die Griechen ja eigentlich viel zu viel gespart haben in den vergangenen fünf Jahren.

Griechenlands Verflechtungen mit Russland

Am wichtigsten allerdings dürfte für Tsipras das Ergebnis des Referendums vom Sonntag sein: Mehr als 61 Prozent der Griechen haben gegen den harten Sparkurs gestimmt, dessen Details den wenigsten bekannt waren. Wie auch? Der Vorschlag der Gläubiger, über den abgestimmt war, lag zum Zeitpunkt des hastigen Referendums längst nicht mehr auf dem Tisch.

Sei's drum, die Griechen haben über eine Grundsatzfrage abgestimmt: Sie wollen abweichen vom Spar- und Reformkurs, ohne den Euroraum verlassen zu müssen. Das könnte auch bei Populisten in anderen Ländern wie Podemos (Spanien) oder Front National (Frankreich) rasch Nachahmer finden. Sollte man den Griechen wirklich solch eine Extrawurst braten?

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