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Griechenland-Krise Athen lässt der Brüssel-Poker kalt

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Ein paar Straßenzüge weiter beißt Lolas Antonias in ein belegtes Brötchen, das in einer Bäckertüte steckt. Er hört den Lärm nicht mehr und von der Demo heute Abend hat er auch nichts gehört. Will er auch nicht. Der Mitt-Fünfziger betreibt hier im Zentrum von Athen sei 23 Jahren eine Apotheke sagt: „Ich bin müde von ihren ewigen Versprechungen“, sagt er. Bisher habe noch jede griechische Regierung das Wahlvolk mit falschen Hoffnungen eingeseift, die sie dann bald zu enttäuschen. So sei es auch mit Alexis Tsipras, sagt der Apotheker und nimmt hinter der Ladentheke einen tiefen Zug seiner selbstgedrehten Zigarette.

Bayer, Stada, Sanofi-Aventis – in den Regalen der Apotheke wartet ausnahmslos Marken-Arznei aus anderen EU-Ländern auf den Verkauf. Im Inland gibt es praktisch keine Pharma-Hersteller mehr. Wenn Griechenland aus dem Euro flöge, das weiß Antonias, könnte er sich diese Importe nicht mehr leisten. Die Regale blieben leer, er könnte den Laden dicht machen. Doch der Apotheker hat keine Angst, er glaubt nicht an den Euro-Austritt. „Das ganze ist ein Spiel“, sagt er. „In Athen weiß jeder Politiker, dass die EU und Angela Merkel den Grexit aus politischen Gründen nicht zulassen werden, weil sonst Italien, Spanien oder Frankreich folgen könnten.“ Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf pokere auch Alexis Tsipras.

Sicher zählt der Apotheker nicht zu den Vollkasko-Griechen, die kein Verständnis fürs Sparen haben. Er weiß, dass sein Land über die Verhältnisse gelebt hat und den Gürtel enger schnallen muss. Doch er meint, es müsse anders gespart werden. Auf Druck der EU solle Athen die Verwaltung auf Effizienz trimmen, die Korruption bekämpfen und die Steuerflucht stoppen. Anschließend brauche es ein Konjunkturprogramm, denn ohne Geld und nur mit Sparen könne Griechenland weder wachsen noch die Arbeitslosigkeit kleinkriegen. Aber solche Schnitte wolle keine Regierung in Athen ran, sagt er, auch die von Tsipras nicht. „Stattdessen stehen jetzt alle Privatunternehmer unter dem Generalverdacht der Steuerhinterziehung“, klagt Lolas Antonias.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

Für Apotheken steigen die Belastungen. Unter der alten Regierung habe er die Preise per gesetzlicher Vergaben um die Hälfte senken müssen, sagt Antonias zulasten des Gewinns. Mit Tsipras Reformplänen wird ihm nun eine höhere Gewinnsteuer zulasten gelegt, wobei immerhin die Umsatzsteuer beim Minimalsatz von sieben Prozent bleiben darf. „Aber es läuft darauf hinaus, dass eines Tages nur noch die großen Apothekenketten am Markt überleben können“, fürchtet Antonias.

Europa



Irgendwann ist Abend – und der Krach ist wieder da. Der namenlose Kommunist hat seinen Lautsprecherwagen am Panepistimio-Platz geparkt, wo eine Kundgebung der extremen Linken in vollem Gange ist. Die Redner haben ihren Verstärker an die städtischen Lautsprecher gekoppelt, die an jeder Laterne hängen. So kann sich über einen Radius von zweihundert Meter kein Passant der Parolen entziehen.

Sara, eine IT-Fachangestellte, wirkt genervt: „Heute demonstrieren wieder die Kommunisten. Das sind meistens alte Leute. Die glauben, sie müssten besonders laut ins Mikro brüllen, damit sie jemand versteht.“ Dabei kann sie den Zorn der Protestierenden nachvollziehen: Die Regierung kürzt ihnen die Renten und sie verstünden nicht, dass da kein Weg dran vorbeiführe. „Ich habe erwartet, dass es zu Steuererhöhungen und weiteren Einsparungen kommt“, gibt die junge Frau mit dem Kurzhaarschnitt zu.

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