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Griechenland-Krise Das Ende des deutschen Sommermärchens

Deutschland dominiert, aber es führt nicht. Das ist der Kern des Zorns, den Deutschland auf sich zieht. Von der viel geforderten Übernahme von Verantwortung in der Welt keine Spur. Deutschland muss lernen, was Größe ist.

Finanzminister Wolfgang Schäuble wird auf einem diffamierenden Plakat in Athen als

Nach dem Staatsstreich kam der Boykottaufruf. „Sie haben Alexis Tsipras gekreuzigt“, sagte ein Teilnehmer nach dem 17-stündigen Verhandlungsmarathon in Brüssel. Sie wollten Griechenland aus dem Euro-Raum drängen, bekräftigte Frankreichs Staatspräsident François Hollande. Sie haben nicht nur die „komplette Kapitulation“ Griechenlands, sondern auch einen „Regimewechsel und die totale Demütigung“ betrieben, schrieb Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Die „Ignoranz“ und „Grausamkeit“ der Deutschen, urteilte US-Ökonom Jeffrey Sachs, sei wirklich einmalig: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Irgendwann am Sonntag war er aufgetaucht, der Hashtag des Tages, der kommentierende Sammelbegriff, auf den sich die globale Netzgemeinde verständigte, um die Rückkehr des hässlichen Deutschen zu verkünden: #ThisIsACoup (Dies ist ein Putsch). Mehrere Hunderttausend Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter verurteilten das von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble durchgesetzte „Diktat“ der Sparvorschriften.

Schäuble als Totengräber der EU
Le Monde über Schäuble Quelle: Screenshot
Schäuble-Vergleich mit dem IS Quelle: Screenshot
Schäuble-Karikatur Quelle: Screenshot
Kritik an Deutschland karikatur Quelle: Screenshot
Heftige Häme im Netz Quelle: Screenshot
Google wird Schäuble Quelle: Screenshot
Durch den Fleischwolf gedreht Quelle: Screenshot

Der Tenor: Deutschland beraubt Griechenland seiner Souveränität. Deutschland tritt als ökonomische Besatzungsmacht auf in Europa. Deutschland reißt (mal wieder) die Herrschaft über den Kontinent an sich – diesmal nicht mit militärischen, sondern mit fiskalischen Mitteln.

Lasst die Wut fließen

Kein Wunder, dass tags darauf ein weiterer Hashtag die Runde machte: #BoycottGermany. Ein Aufruf zur Konterrevolution durch Konsumverzicht.

Mittlerweile haben sich die Gemüter beruhigt. Social Media sind, jeder weiß es, Kanäle zur Verbreitung augenblicklicher Ereifereien. Sie dienen der sofortigen Triebabfuhr, und das ist aus volkstherapeutischer Sicht gesund: Fließt die Wut schön dünn und regelmäßig, kann sich das aufgestaute, nachtragende Gefühl des Ressentiments gar nicht erst bilden.

Wie die Euroländer über das dritte Hilfsprogramm entscheiden

Wird die Grünen-Vorsitzende Simone Peter auch noch in einem Jahr behaupten, die Bundesregierung habe in Brüssel „die Axt an das Ansehen“ der Deutschen und an „die Grundwerte Europas angelegt“? Vielleicht nicht. Auch ist nicht vollends auszuschließen, dass ökonomische „Theorien“ aus Übersee, die ausgerechnet am Beispiel eines peripheren, rettungslos bankrotten Landes und seiner klientelistisch organisierten Eliten das Scheitern einer „erpresserischen Austeritätspolitik“ demonstrieren wollen, in den nächsten Wochen wieder ein wenig an Differenzierungskraft gewinnen.

Umgekehrt hat die „Bild“ ihren mehrwöchigen Kreuzzug für den Grexit (und gegen „die Griechen-Verarsche“) – ein Musterbeispiel für staatstragenden Fanatismus – gleich nach der Einigung in Brüssel abgeblasen: Ihr Pas de deux mit der Bundesregierung sieht jetzt wieder deutlich gefälligere Ausdrucksweisen im Takt der europäischen Einigung vor.

Die Banalität des Guten

Und doch hat sich etwas verändert: Das deutsche Sommermärchen, das halbe Dezennium um das Jahr 2006, in dem Deutschland weltweit gemocht wurde als zivilisiertes, freies, wohlhabendes, gesetzestreues, bescheidenes und umsichtiges Land – es ist vorbei.

Deutschland wird nicht mehr für die „Banalität des Guten“ (Timothy Garton Ash) bewundert. Sondern für die Dürre seiner ökonomischen Potenz verachtet.

Deutschland dominiert, aber es führt nicht – das ist der substanzielle Kern des Zorns, den Deutschland derzeit auf sich zieht. Es verordnet ökonomische Standardprogramme und exportiert deutsche Regeln, will Europa wettbewerbsfähiger machen und nach seinem Vorbild formen – aber als politischer Hegemon, der sein nationales Interesse mit Großzügigkeit gegenüber Nationen verfolgt, die er seinem Einfluss ausgesetzt wissen will, tritt Deutschland in Europa nicht auf.

Sicher, „führen“ heißt nicht „zahlen“ – im Falle von Griechenland schon gar nicht.

Merkel als Pfändungsbeamtin

Umgekehrt ist es höchst fragwürdig, nationales Eigentum zu beschlagnahmen und die Rückformatierung von finanziellen Schulden in moralische Schuld zu betreiben. Dass Merkel mal wie eine Pfändungsbeamtin in Erscheinung tritt, die Griechenland mit Kuckucks-Aufklebern pflastert, mal wie eine Zuchtmeisterin, die ungehorsame Schüler straft, ist ohne eine erkennbare hegemoniale Selbstverpflichtung Deutschlands in Europa mindestens unangemessen.

"Schäuble zerstört die europäische Idee"
Angela Merkel (Bundeskanzlerin) Quelle: dpa
Gregor Gysi (Linken-Fraktionschef) Quelle: dpa
Sigmar Gabriel (SPD-Parteichef) Quelle: REUTERS
Katrin Göring-Eckardt (Grüne Fraktionschefin) Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
„Ich habe mehr zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung getan, als alle meine Vorgänger.“ Quelle: dpa
Sahra Wagenknecht (Linkspartei) Quelle: dpa

Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) – sie alle haben vor anderthalb Jahren mit breiter Brust angemahnt, dass Deutschland in der Welt mehr „Verantwortung“ übernehmen müsse. Von dieser Verantwortung sind die Deutschen seither abgerückt – auch in Europa.

Ist es wirklich nötig, daran zu erinnern, dass Berlin bis heute ein sicherheitspolitischer Maximalschuldner ist, der den geopolitischen Gläubigerschutz der Vereinigten Staaten genießt? Wo wäre, wenn auch nur in Umrissen, ein Deutschland erkennbar, das gegenüber Europa mit der gleichen selbstinteressierten Großzügigkeit auftritt wie die USA gegenüber Europa?

Deutschland muss sich entscheiden. Es ist vermutlich das einzige Land, das seine politische Identität aus historischer Schuld bezieht. Es hat eine beispiellose Erfolgsgeschichte hingelegt als sich selbst bindende Mittelmacht in Europa. Es überweist seit Jahrzehnten Milliarden nach Brüssel, um seinen Einfluss zu beschränken. Seit der Finanzkrise geht das nicht mehr.

Deutschlands ökonomische Potenz ist erdrückend. Es kann sich nicht mehr klein machen, sich nicht mehr einreihen als Freund unter Freunden.

So paradox es klingt: Um Europa zu einen, muss Deutschland jetzt lernen, was Größe ist – und wie man Größe zeigt.

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