WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Griechenland-Krise Das Ende des deutschen Sommermärchens

Seite 2/2

Die Banalität des Guten

Und doch hat sich etwas verändert: Das deutsche Sommermärchen, das halbe Dezennium um das Jahr 2006, in dem Deutschland weltweit gemocht wurde als zivilisiertes, freies, wohlhabendes, gesetzestreues, bescheidenes und umsichtiges Land – es ist vorbei.

Deutschland wird nicht mehr für die „Banalität des Guten“ (Timothy Garton Ash) bewundert. Sondern für die Dürre seiner ökonomischen Potenz verachtet.

Deutschland dominiert, aber es führt nicht – das ist der substanzielle Kern des Zorns, den Deutschland derzeit auf sich zieht. Es verordnet ökonomische Standardprogramme und exportiert deutsche Regeln, will Europa wettbewerbsfähiger machen und nach seinem Vorbild formen – aber als politischer Hegemon, der sein nationales Interesse mit Großzügigkeit gegenüber Nationen verfolgt, die er seinem Einfluss ausgesetzt wissen will, tritt Deutschland in Europa nicht auf.

Sicher, „führen“ heißt nicht „zahlen“ – im Falle von Griechenland schon gar nicht.

Merkel als Pfändungsbeamtin

Umgekehrt ist es höchst fragwürdig, nationales Eigentum zu beschlagnahmen und die Rückformatierung von finanziellen Schulden in moralische Schuld zu betreiben. Dass Merkel mal wie eine Pfändungsbeamtin in Erscheinung tritt, die Griechenland mit Kuckucks-Aufklebern pflastert, mal wie eine Zuchtmeisterin, die ungehorsame Schüler straft, ist ohne eine erkennbare hegemoniale Selbstverpflichtung Deutschlands in Europa mindestens unangemessen.

"Schäuble zerstört die europäische Idee"
Angela Merkel (Bundeskanzlerin) Quelle: dpa
Gregor Gysi (Linken-Fraktionschef) Quelle: dpa
Sigmar Gabriel (SPD-Parteichef) Quelle: REUTERS
Katrin Göring-Eckardt (Grüne Fraktionschefin) Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
„Ich habe mehr zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung getan, als alle meine Vorgänger.“ Quelle: dpa
Sahra Wagenknecht (Linkspartei) Quelle: dpa

Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) – sie alle haben vor anderthalb Jahren mit breiter Brust angemahnt, dass Deutschland in der Welt mehr „Verantwortung“ übernehmen müsse. Von dieser Verantwortung sind die Deutschen seither abgerückt – auch in Europa.

Ist es wirklich nötig, daran zu erinnern, dass Berlin bis heute ein sicherheitspolitischer Maximalschuldner ist, der den geopolitischen Gläubigerschutz der Vereinigten Staaten genießt? Wo wäre, wenn auch nur in Umrissen, ein Deutschland erkennbar, das gegenüber Europa mit der gleichen selbstinteressierten Großzügigkeit auftritt wie die USA gegenüber Europa?

Deutschland muss sich entscheiden. Es ist vermutlich das einzige Land, das seine politische Identität aus historischer Schuld bezieht. Es hat eine beispiellose Erfolgsgeschichte hingelegt als sich selbst bindende Mittelmacht in Europa. Es überweist seit Jahrzehnten Milliarden nach Brüssel, um seinen Einfluss zu beschränken. Seit der Finanzkrise geht das nicht mehr.

Deutschlands ökonomische Potenz ist erdrückend. Es kann sich nicht mehr klein machen, sich nicht mehr einreihen als Freund unter Freunden.

So paradox es klingt: Um Europa zu einen, muss Deutschland jetzt lernen, was Größe ist – und wie man Größe zeigt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%