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Griechenland-Krise Wer drängt Griechenland zum Grexit?

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Estland, Lettland, Litauen, Niederlande und Finnland

Estland

Viele ärmere Länder sind genervt von Griechenland. Darunter Estland. Dessen Präsident Toomas Hendrick Ilves unterstrich, dass es für sein Land eine schwere Belastung wäre, wenn es für immer neue Griechenland-Kredite bürgen müsse. Regierungschef Taavi Roivas sagt, Reformen seien „unvermeidbar“. Für Estland ist es – wie für die baltischen Nachbarn aus Lettland und Litauen – unverständlich, dass Griechenland den Beamtenapparat noch immer nicht zurückgefahren hat und rigide die Steuern bei Wohlhabenden eintreibt. Das estnische Credo: Entweder Athen verspricht harte Reformen – oder es muss raus aus der Euro-Zone. Roivas machte deutlich: Die griechische Regierung habe die Wahl zwischen „schlechten und schlechteren“ Entscheidungen.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Lettland

Nicht nur Estland, auch Lettland und Litauen lehnen neue Zugeständnisse für Griechenland ab. Die baltischen Länder haben besonders unter der Finanzkrise gelitten. Sie mussten ihren Bürgern harte Einschnitte zumuten, um die Haushalte in den Griff zu bekommen. Ähnliches fordern sie nun auch von Griechenland. „Die Letten verstehen die Griechen nicht“, so Finanzminister Janis Reirs. Die lettische Wirtschaft sei ab 2008 um 20 Prozent eingebrochen; Lettland steuerte um und reduzierte den Staatsapparat um rund die Hälfte. Griechenland solle sich ein Beispiel nehmen – oder aus dem Euro austreten, finden die Letten.

Litauen

„Wir sehen ein Land, das schlemmen möchte und sich von anderen das Geld für die Feier geben lassen möchte.“ Die litauische Staatschefin Dalia Grybauskaite hat wie viele ihrer Landsleute ebenfalls genug von griechischen Sonderwünschen. Schließlich sei der Mindestlohn in Griechenland noch immer höher als in ihrem Land.

Das „Basisszenario“ sei zwar, dass Griechenland Mitglied der Euro-Zone bleibe. Dafür müsse es aber auch seinen Teil beitragen. Litauen macht derzeit nicht den Eindruck, faule Kompromisse zu akzeptieren. Die Balten umzustimmen, wird eine der größten Aufgaben der Euro- und Griechenland-Retter.

"Grexit macht Griechen wieder wettbewerbsfähig"
Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn Quelle: dpa
Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir Quelle: dpa
Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) Quelle: dpa
Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras Quelle: AP
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Quelle: dpa
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Quelle: REUTERS
Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping Quelle: dpa

Niederlande

Auch die Niederländer – seit Anbeginn Verfechter einer stabilitätsorientierten Eurozone – haben die Geduld mit Griechenland längst verloren. „Eine Währungsunion erfordert gegenseitige Verpflichtungen. Wenn man die nicht will, dann hört es auf“, sagte Finanzminister und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem vor dem niederländischen Parlament. Die niederländische Regierung wolle sich weiter für den Zusammenhalt der Eurozone einsetzen, betonte der Sozialdemokrat. „Doch nicht um jeden Preis, etwa, dass wir als Eurozone unsere Glaubwürdigkeit völlig aufgeben müssten.“

Auch die niederländische Öffentlichkeit plädiert offen für den Grexit. Die Zeitung „De Telegraaf“ schrieb nach dem Griechen-Referendum, dass „ein Austritt aus der Eurozone für das Land das beste Szenario“ sei. „De Volkskrant“ ergänzte: „Die Euroländer können es sich nicht erlauben, dass für einen von ihnen die Spielregeln nicht gelten.“

Finnland

Zu den größten Griechenland-Kritikern zählt neben den Balten und den Niederländern auch Finnland. Deren Finanzminister Alexander Stubb nannte – genervt von immer neuen leeren (!) Versprechen der Griechen – die Sondergipfel „eine Verschwendung von Flugmeilen“. Finnland steckt selbst in einer wirtschaftlichen Krise; das Land braucht Geld für Reformen und sieht nicht ein, Griechenland immer weiter zu unterstützen. Diese Position spiegelt die Meinung der finnischen Bevölkerung wider, die ähnlich Griechenland-müde wie die deutsche ist. Schon vor drei Jahren zauderten die Finnen – und ließen sich nur gegen Pfand für ihre Rettungskredite auf Finanzhilfen ein.

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