WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Griechenland-Krise Eurorettung schadet dem Mittelstand

Banken erliegen durch die Draghi´sche Nullzinspolitik der Versuchung, ihr Geld am Aktienmarkt zu investieren statt Kredite zu geben. Das gefährdet die Investitionstätigkeit des Mittelstands.

EU-Flagge und Griechenland-Flagge wehen nebeneinander in Athen Quelle: AP

Unsympathisch wirken sie nicht, die neuen jungen Vorstände der Griechenland AG. Wie Turnschuhunternehmer – unkonventionell, selbstbewusst, aggressiv.

Nur, die griechische Wirtschaft ist kein hochfliegendes Technologieunternehmen mit einem märchenhaften Wachstumspotential. Das sollten die neuen Vertreter der griechischen Interessen bei ihren Verhandlungen mit den Euro-Rettern nicht aus den Augen verlieren.

Aber die neue griechische Philosophie dürfte sich – wenn nicht Mehrheiten – so doch zumindest eine starke Stimme verschaffen. In Spanien wird sie bereits gehört. Frankreich und Italien dürften schnell folgen und in Portugal wird man sich nach leidvollen Anstrengungen verwundert die Augen reiben.

Für die Euro-Story hat die Rückrunde begonnen; jetzt flattern die Rechnungen für das seit Einführung der Gemeinschaftswährung unbedarfte Schuldenmachen auf den Tisch. Gleich zu Beginn steht sozusagen eine englische Woche, denn kurz aufeinander folgen entscheidende Spieltage.

Reaktionen in den Medien

Erst vor wenigen Tagen erklärte die EZB mit ihrem Staatsanleihekaufprogramm den monetären Dammbruch, dem die Kanzlerin nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Nun folgt der fiskalische Dammbruch. Die südliche Eurozone wird ihre Forderungen nach sehr viel mehr Zeit für die Haushaltskonsolidierung und nach schuldenfinanzierten staatlichen Konjunkturprogrammen durchsetzen. Die Kompromissformel wird am Ende lauten man habe sich auf die Notwendigkeit von wachstumsfördernden Investitionen geeinigt.

Unbestritten ist, dass eine Investitionsoffensive ein probates Mittel gegen die Eurosklerose wäre. Das DIW beklagt immer wieder die zu niedrige Investitionsquote in den Euroländern, die spürbar unter dem OECD-Durchschnitt liegt. Insbesondere Deutschland, das stark auf forschungs- und wissensintensive Wirtschaftsbereiche ausgerichtet ist, investiert deutlich zu wenig. Preisbereinigt ging die Bruttoinvestitionsquote für die Ausrüstungsinvestitionen im verarbeitenden Gewerbe seit dem Jahr 2000 um gut 3 Prozentpunkte auf knapp 17 Prozent der Wertschöpfung zurück.

Wer in Griechenland zur Wahl steht
Alexis Tsipras, Chef der radikalen Linken Syriza in Griechenland. Quelle: dpa
Tsipras Quelle: dpa
der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras Quelle: dpa
Samaras Quelle: Screenshot
Evangelos Venizelos, Pasok-Chef, Quelle: dpa
Dimitris Koutsoumbas, Parteiführer der Kommunistischen Partei KKE Quelle: dpa
Ilias Panagiotaros, Abgeordneter der Partei Goldene Morgenröte Quelle: dpa

Aber ob die überschuldeten Staaten, alimentiert durch 1.140 Milliarden Euro Fresh Money der EZB, gute Investoren abgeben, muss bezweifelt werden.

Die Milliarden werden via Bankensektor im Wesentlichen die Aktienmärkte haussieren lassen und den Status Quo in der Finanzierung der Staaten zu künstlich niedrigen Zinsen sicherstellen. Für öffentliche Investitionen wird Draghi - „whatever it takes“ – nachlegen und dann bleibt abzuwarten was passiert.

Zunächst sind Staatsausgaben nämlich stets überwiegend konsumtiver Natur. Die größten Einzelpositionen sind in allen westlichen Ländern Sozialausgaben und Personalausgaben. Nicht nur in Griechenland, wo freigesetzte Staatsdiener in den öffentlichen Dienst zurückgeholt werden sollen, sind die Beamtenpensionen eine tickende Zeitbombe.

So kreditwürdig sind die Eurostaaten
Das Centrum für europäische Politik (CEP) hat die Kreditfähigkeit der Euro-Staaten analysiert. Einen besonders intensiven Blick haben die Wissenschaftler auf Belgien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien geworfen. Das Resultat: die Probleme, die zur Euro-Krise geführt haben, bestehen weiterhin - und haben sich sogar auf weitere Länder ausgeweitet. Quelle: dpa
Die Kreditfähigkeit von Spanien nimmt erstmals seit Einführung des Euros zu. Die Ampel für Spaniens Kreditwürdigkeit steht auf grün, das CEP vergibt beim Schuldenindex eine Wertung von 2,3. Ein positiver Wert des CEP-Default-Indexes bei gleichzeitigem gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsüberschuss bedeutet: Das Land benötigt in der betrachteten Periode keine Auslandskredite, es steigert daher seine Kreditfähigkeit. Diese positive Entwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land noch weitere Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen umsetzen muss, um die in den Krisenjahren drastisch angestiegene Staatsverschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Quelle: dpa
Auch für Irland steht die Ampel auf grün. Der ehemalige Krisenstaat hat, wie die kontinuierliche Zunahme der Kreditfähigkeit seit 2010 zeigt, die Krise überwunden. Der Schuldenindex beträgt 6,7, ist also deutlich positiv. Aufgabe muss es nun sein, die Investitionen, die auf fast Null gesunken sind, zu steigern, um die Wirtschaft wieder voran zu treiben. Quelle: dpa
Für Portugal zeigt die Ampel dagegen rotes Licht: Zwar erodiert die portugiesische Kreditfähigkeit noch immer. Der ununterbrochene Anstieg des Schuldenindexes seit 2011 zeigt jedoch, dass Portugal erhebliche Anstrengungen unternommen und Anpassungen bewältigt hat. Derzeit beträgt der Index -2. Unbeschadet dieser positiven Entwicklungen ist es allerdings fraglich, ob Portugal bereits ohne weitere Finanzhilfen auskommen wird, wenn das Anpassungsprogramm Mitte 2014 ausläuft. Quelle: dpa
Auch Italien gehört zu den Ländern mit einer "verfestigten abnehmenden Kreditfähigkeit", wie es beim CEP heißt. Die seit 2009 zu beobachtende Erosion der Kreditfähigkeit von Italien dauere an. Gegenüber 2012 habe sich der Verfall beschleunigt. Es sei fraglich, ob sich dies auf absehbare Zeit ändere. Denn die hierfür notwendigen Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen seien von der italienischen Regierung bisher nicht ergriffen worden. Quelle: dpa
Ganz mies ist die Lage in Griechenland: Mit einem Wert von -9,8 hat Griechenland die schlechteste Kreditwürdigkeit aller 31 untersuchten Staaten. Die Kreditfähigkeit des Landes verfällt weiter und zwar deutlich schneller als die aller anderen Euro-Länder. Die Wiedererlangung der griechischen Kreditfähigkeit ist nicht absehbar, die Ampel steht auf dunkelrot. Quelle: dpa
Eine negative Überraschung kam in diesem Jahr aus dem Norden Europas: Belgien und Finnland weisen im ersten Halbjahr 2013 erstmals eine abnehmende Kreditfähigkeit auf. Da beide Länder noch über Auslandsvermögen verfügen, ist die Schuldentragfähigkeit allerdings noch nicht unmittelbar bedroht, die Ampel zeigt gelb-rot. Der CEP-Default-Index liegt im Falle Belgiens bei -0,5, bei Finnland beträgt er -0,1. Ein negativer Wert kann auf zwei Arten entstehen: 1. Die Nettokapitalimporte übersteigen die kapazitätssteigernden Investitionen. Das Land konsumiert über das im Inland erwirtschafteten Einkommen auch einen Teil des Nettokapitalimports. Die Volkswirtschaft verschuldet sich folglich im Ausland, um Konsumausgaben finanzieren zu können. 2. Kapital verlässt das Land, so dass der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo positiv ist. Gleichzeitig jedoch schrumpft der Kapitalstock. Das Land verarmt. Quelle: dpa

Dagegen nehmen sich die Investitionen des Staates gering aus und sie enden – sicher nicht nur in Deutschland - oft in finanziellen Katastrophen,  wie der Berliner Flughafen zeigt.

Wenn der Staat, animiert durch Finanzierungskosten an der Null-Linie, Privatisierungen stoppt bzw. umkehrt und sich in Projekten tummelt, deren ökonomischer Nutzen kaum erkennbar oder marginal ist, dann wird nicht nur die Staatsquote unaufhörlich steigen. Die Wirtschaft wird sich strukturell derart verschlechtern, dass man nicht mehr weit entfernt ist von dem berühmten Keynes´schen Ausspruch, man könne doch die Leute Flaschen eingraben und wieder ausgraben lassen, solange nur ein konjunkturförderndes Arbeitseinkommen dabei entsteht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%