WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Griechenland-Krise Schluss mit der Erpressung!

Griechenland steht vor der Pleite. Am Abend gibt es wohl in Brüssel ein weiteres Spitzentreffen, um Auswege aus der Krise zu finden. Die Geldgeber stehen unter Zeitdruck, sie drohen ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren.

Die deutschen Protagonisten im Krisen-Countdown
Wolfgang Schäuble: Der RealistDer Bundesfinanzminister (CDU) spricht von „gegenseitigem Vertrauen“ und von „anstrengenden“ Verhandlungen mit Griechenland. Er will das Land im Euro halten, er sagt aber auch zu einem möglichen Grexit: Das sei eine “Entscheidung des griechischen Volkes“. So klingt einer, der einen Grexit nicht mehr für eine Katastrophe hält. Quelle: AP
Angela Merkel: Die VerhandlerinDie Bundeskanzlerin pflegt ihre Marke und vermeidet öffentliche Aussagen zu Griechenland. Wenn sie etwas sagt, steht sie fest zu Griechenland im Euro-Raum. Alles andere verbietet sich. Dabei setzt die Kanzlerin weiter auf die Kraft der Verhandlungen - im Zweifel auch ohne den griechischen Ministerpräsidenten. Beim Treffen von IWF, EZB, Jean-Claude Juncker und Francoise Hollande Anfang der Woche blieb Tsipras außen vor. Quelle: AP
Sigmar Gabriel: Der VorsichtigeDer Bundeswirtschaftsminister (SPD) hält sich mit öffentlicher Kritik an Griechenland zurück, sieht den Ball aber nun in Athen. Die Gläubiger hätten ihre Vorschläge gemacht. „Es hängt jetzt von Griechenland ab", so Gabriel. Gleichzeitig warnte er vor „gigantischen“ Konsequenzen einer Insolvenz. Die Wahrheit sei: "Wenn der erste Stein aus dem europäischen Haus herausbrechen würde, dass dann Europa in einem anderen Aggregatzustand wäre." Quelle: dpa
Jens Weidmann: Der MahnerDer Bundesbank-Präsident ist der Mahner der Bundesregierung. Er macht hinter den Kulissen Druck. Vor allem die Bankenfinanzierung in Athen macht ihm Sorgen. Denn die griechische Zentralbank hilft den klammen Geschäftsbanken im Land mit Notfallkrediten, um sie mit Liquidität versorgen. Doch mit dem Geld kaufen die Banken vor allem kurzlaufende Staatsanleihen oder verlängern diese – das gleicht einer monetären Staatsfinanzierung. Weidmann warnt vor einer Destabilisierung des Finanzsystems und fordert, dass Banken Staatsanleihen künftig mit Eigenkapital in der Bilanz absichern müssen. Quelle: dpa
Martin Schulz: Der UngeduldigeEr ist kein direkt Beteiligter, aber einer, der Tacheles redet. Griechenland habe gegenüber Europa „eine Bringschuld“, so Schulz, „weil es viel Solidarität von der EU erfahren hat". Deshalb müsse Athen Reformen voranbringen, bei der Reform seiner Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung, bei einer gerechteren Verteilung der Lasten, besonders auch bei der Besteuerung der großen griechischen Vermögen. Dann wird der SPD-Politiker noch deutlicher: "Leider sehen wir da bisher noch nicht das, was sich viele auch in Griechenland vorgestellt haben." Quelle: dpa
Bernd Riexinger: Der VerteidigerDer Linken-Chef nimmt seinen Parteifreund Tsipras aus Griechenland in Schutz. Schuld an der Misere seien die alten Eliten und Vorgängerregierungen. Die Linke fordert einen Schuldenschnitt und mehr Zeit für Reformen. Entlastung der kleinen Leute müsse durch eine Millionärssteuer finanziert werden. Zudem müsse Deutschland „die Zwangsanleihe, die Nazi-Deutschland Griechenland abgepresst hat“ zurückzahlen. Quelle: dpa
Simone Peter: Die VerständnisvolleGrünen-Parteichefin Simone Peter forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, den Konfrontationskurs gegenüber der griechischen Regierung zu beenden. "Es geht nicht um Gewinnen oder Verlieren, sondern um einen guten Kompromiss, der Griechenland endlich wieder Luft zum Atmen gibt und mit sozial-ökologischen Investitionen das Wirtschaftswachstum ankurbelt." Quelle: dpa

Die griechische Reformliste hat die Geldgeber überrascht – im negativen Sinne. Nach wochenlangen Hin und Her und etlichen Gesprächen, im kleinen wie im großen Kreis, war man in Brüssel optimistisch, dass Griechenland die Botschaft verstanden habe und nun liefern werde. Die neue Reformliste sollte den Durchbruch in den Verhandlungen über die Freigabe einer eigentlich längst fälligen Kredittranche bringen. Erwartet wurden klare Vorschläge, wie gespart und wie die Wirtschaft fit gemacht werde. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht: kein Wort zu etwaigen Rentenanpassungen, keine verlässlichen Vorschläge, wie die Staatsschulden in den Griff zu bekommen sind.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

Statt endlich an einer tragfähigen Lösung mitzuarbeiten, warnte Alexis Tsipras Europa in einem Interview. Sollte Griechenland die Eurozone verlassen müssen, könnten Spanien oder Italien dieses Schicksal teilen. In der Folge könnte dies zum Zusammenbruch der Währungsunion führen, so Tsipras gegenüber der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“. „Es wäre der Anfang vom Ende der Eurozone.“ Die Kosten für die europäischen Steuerzahler würden enorm sein.

Die Behauptung ist weder neu, noch originell. Ist sie richtig? Fakt ist: Einen Euro-Austritt eines Landes gab es bisher nicht, vollständig kalkulierbar sind die Folgen nicht. Es gibt schlicht kein Vergleichsfall, auf den man schauen könnte. Dennoch scheint eine Kettenreaktion weitestgehend unwahrscheinlich. Grund sind hauptsächlich die Rettungsmechanismen, die die Eurogruppe in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Und auch die europäischen Banken haben ihre Hausaufgaben gemacht, indem sie ihr Griechenland-Engagement drastisch heruntergefahren haben.

Was droht Griechenland und seinen Banken?

Teuer für den Steuerzahler wäre ein Griechen-Kollaps gleichwohl. Milliarden an Rettungskrediten müssten abgeschrieben werden. Aber: Die finanzielle Belastung steigt, je länger das griechische Drama inszeniert wird. Und damit: die Anfälligkeit Europas für Erpressungsversuche.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Mit den Drohgebärden aus Griechenland muss Schluss sein. Je mehr Geld nach Griechenland aber fließt, desto unwahrscheinlich ist dies. Eine Freigabe der Kredittranche über mehr als sieben Milliarden Euro, und ein mögliches drittes Rettungspaket von 30 bis 50 Milliarden Euro, würde die Griechen in ihrem Glauben bestärken, Europa scheue den „Grexit“ und werde alles tun, um diesen zu verhindern. Koste es, was es wolle.

Die Geldgeber müssen diesen Irrglauben beseitigen. Oder damit leben, dass sie erpressbar sind. Von Griechenland – aber auch von jedem anderen Euro-Land, das lieber prassen statt sparen will.

Dem Autor auf Twitter folgen:

.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%