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Griechenland-Krise Wer drängt Griechenland zum Grexit?

Die 18 Euro-Partner Griechenlands suchen nach einer Lösung der Krise. Dabei sind die jeweiligen Ansätze höchst unterschiedlich. Wer die Griechen im Euro halten will, welche Nationen auf den Grexit drängen – und wie Griechenlands Chancen sind.

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2-Euro Münze Quelle: dpa

Bis Sonntag muss eine Lösung her. Darauf haben sich die Euro-Länder mit Griechenland verständigt. Entweder, dann steht ein drittes Hilfsprogramm für Athen – oder das Land geht Pleite und muss aus dem Euro-Raum ausscheiden.

Die zentrale Frage ist, ob eine große Mehrheit der Länder dem Hilfegesuch der Griechen entgegenkommt und neue Kredite über den Rettungsschirm ESM gewährt. Während beim ESM-Vorgänger, dem Rettungsschirm ESFS, das Votum einstimmig sein musste, reicht es laut ESM-Regularien, wenn 85 Prozent des Kapitals zustimmen. Jedenfalls in "besonders eilbedürftigen Verfahren". Die Griechenland-Rettung dürfte dazuzählen. Deutschland schultert mit 27,15 Prozent der Gesamtsumme den größten Anteil – und könnte eine Rettung locker blockieren. Litauen oder Slowenien aber nicht.

Fakt ist: Europa ist in der Frage, wie mit Griechenland umgegangen werden soll, gespalten. Neben einigen wenigen Hellas-Verstehern, gibt es eine breite Front von Ländern, die klare Regeln für neue Gelder fordern – aber einem dritten Hilfspaket wohl nicht im Wege stehen würden. Mindestens fünf Länder dürften hingegen nur sehr schwer zu einem Kompromiss zu bewegen sein.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

Wir haben die Positionen der 18 Euro-Partner Griechenlands zusammengetragen, aufsteigend von den größten Griechenland-Verstehern bis zu den größten Grexit-Befürwortern – und schätzen am Ende ein, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines Bündnisses gegen weitere Griechenland-Hilfen ist.

Zypern

Präsident Nicos Anastasiadas gilt als Freund der Griechen und fordert einen Schuldenschnitt. Die Verbindlichkeiten müssten auf ein solides Niveau gesenkt werden.

In einer Regierungsansprache rief er alle Parteien bei erster Gelegenheit dazu auf, eine Vereinbarung zu erreichen, die Griechenland in der EU und im Euro hält, Perspektiven für die Zukunft schafft – und bessere Bedingungen.

Wir werden Griechenland bei der Umstrukturierung unterstützen, so dass eine nachhaltige „Umschuldung“ möglich wird.“

Italien

Regierungschef Matteo Renzi zählt zu den größten Griechenland-Verteidigern in der Euro-Zone. Die Motive sind ähnlich wie bei Frankreich: Italien hat Angst, dass der Grexit doch Domino-Effekte auslösen und Zweifel an der Zukunft Italiens im Euro-Raum wecken könnte. Zudem will Renzi, dass sich Europa vom Sparen verabschiedet und eine keynesianische Politik verfolgt, sprich: Die EU soll Geld locker machen, Investitionsprogramme auflegen und so Wachstum schaffen.

Frankreich

Das Land nimmt eine Schlüsselrolle in den Verhandlungen ein. Nach außen sind Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Francois Hollande bemüht, Gemeinsamkeiten in der Griechenland-Frage zu finden und zu betonen; Hollande nickt pflichtschuldig, wenn Merkel auf gemeinsamen Pressekonferenzen davon spricht, dass Solidarität und Solidität „zwei Seiten einer Medaille“ sind. Dennoch sind die Franzosen deutlich aufgeschlossener, wenn es um Hilfen für Griechenland geht als andere Euro-Länder.

Zu groß ist die Angst, dass der Grexit auf Frankreich übergreifen, die heimische Wirtschaft schwächen und das Geldleihen teurer machen könnte. Frankreich werde „alles“ tun, um „Griechenland in der Euro-Zone zu halten“, verspricht Premierminister Manuel Valls. Auch ein Schuldenschnitt dürfe kein Tabu sein.

Wie stehen Griechenland, Spanien und Co. da?
Bruttoinlandsprodukt, BIP, Griechenland, niedrigsten Stand, Spanien, Irland, Portugal, Wirtschaftskraft, Level
Die Lohnstückkosten sind in Griechenland, Irland und Spanien vergleichbar hoch. Für Griechenland senkt das die Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung deutlich herab.
Griechenland, Spanien Arbeitslosigkeit, jeder vierte Erwerbsfähige ohne Arbeit, Portugal, Irland Krise, Anstieg, Eindämmung
Alle vier Länder haben den Abbau der Staatsausgaben verbessert. Besonders Griechenland war hier auf einem guten Weg, bis im Januar Syriza an die Macht kam.
Mit dem Abbau der Staatsverschuldung haben alle vier Länder noch ein Problem und sind noch weit entfernt von einem akzeptablen Stand. Am besten schlagen sich hier Spanien und Irland.
Krisenfolgen, Auflagen, Wende, Irland, Spanien, Portugal, Konjunktur, Reformen, Griechenland, Krise

Luxemburg

Gemischte Gefühle bei Luxemburgs Premier Xavier Bettel. „Wir sind nicht mehr fünf vor Zwölf, aber 30 Sekunden vor Zwölf,“, sagte der luxemburgische Premier Xavier Bettel. Einen Schuldenschnitt schließt er aber aus. „Ich habe eine Verantwortung dem luxemburgischen Steuerzahler gegenüber“, so Bettel beim Auftakt des Krisengipfels in Brüssel. Ein Euro-Austritt wäre eine „Lose-Lose-Situation“, bei der jeder verlieren würde, sowohl Griechenland als auch die Eurozone und die EU. Aber: Eine Einigung wird an Luxemburg nicht scheitern – zumal das Land aktuell die EU-Ratspräsidentschaft innehat und deswegen qua Amtes bei der Kompromisssuche gefordert ist.

Belgien, Österreich, Malta und Irland

Belgien

Als engagierter Europäer ist Belgiens Premier Charles Michels „tieftraurig“ über die Entwicklung der Ereignisse. Er gilt aber auch als „kompromisslos“ und „legalistisch“ solange es um den Respekt der Demokratie gehe. Solange Tsipras an der Macht ist und rechtmäßig gewählt wurde, ist er zwangsläufig auch der einzige Ansprechpartner für Europa.

„Natürlich ist es heute politisch undenkbar – zumindest für einige Mitgliedsstaaten – an den Schulden Griechenlands selbst etwas zu verändern. Doch wir sollten einer Follow-up-Klausel zustimmen, die uns ermöglicht – falls wir feststellen, dass die griechische Regierung entsprechende Reformen durchführt – dann im Oktober eine Debatte über die Schuldenlast zu eröffnen“, wird Belgiens Premier aus ungenannten Quellen während des Gipfels am Dienstag zitiert.

Welche Länder der Euro-Zone gegen die Haushaltsregeln verstoßen

Österreich

Von wegen harte Haltung: Alle, die denken, Österreich steht mit einer Griechenland-kritischen Position fest an der Seite der stabilitätsorientierten Länder, sehen sich getäuscht. Österreich wägt ab, Bundeskanzler Werner Faymann denkt auch offen über eine Brückenfinanzierung der Europartner nach.  „Zuerst bräuchte man ein (Hilfs-)Programm. Dann kann man überlegen, ob – bis das Programm beschlossen ist – man eine Finanzierungsbrücke baut“, sagte Faymann am Rande des Sondergipfels der Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder am Dienstag in Brüssel.
Faymann wies aber darauf hin, dass bisher konkrete Reform- und Sparvorschläge Athens fehlten. Diese gelten als Voraussetzung für finanzielle Unterstützung der Europartner. Sollte es bis Sonntag keine Vereinbarung geben, müsse ein Plan B vorbereitet werden.

Irland

Irland ist für eine Umschuldung Griechenlands, sagte der irische Finanzminister, Michael Noonan, am Dienstag. Irland wolle aber keine „harte Linie“ gegen Griechenland fahren. „Ich habe immer gesagt, dass Griechenland Teil der Eurogruppe bleiben soll. Wir sind bereit zu verhandeln – und müssen schauen, was wir dabei erreichen können.“

Griechenland brauche eine wachsende Wirtschaft – und er hofft, dass die Programme zu einem Wachstum und zu neuen Arbeitsplätzen führen. Er verwies auf Maßnahmen, die Irland ergriffen hatte wie die Verlängerung von Laufzeiten und die Reduzierung der Zinsen.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

Die Bevölkerung ist deutlich skeptischer: Medien stellen der „irischen Art“ des Umgangs mit der Schuldenkrise die „griechische Art“ gegenüber. Der Tenor: Irland habe hart gespart, von den drastischen Kürzungen haben sich Teile der Bevölkerung bis heute nicht erholt. Dies sollten doch bitte auch die Griechen tun. Dennoch: Irland wird einer Einigung nicht im Wege stehen.

Malta

Der maltesische Finanzminister Edward Scicluna nannte ein Ausscheiden Athens aus dem Euroraum eine „realistische Möglichkeit“. Das Wort „Grexit“ wird jetzt in den Mund genommen - noch vor kurzem war dagegen etwas verschämt vom sogenannten Plan B die Rede gewesen. Die Chancen stünden 50:50, dass Griechenland die Eurozone verlassen müsse.

Ein Austritt müsse untersucht werden – und mit den „besten Absichten“ und nicht mit einem um sich schlagenden Stock durchgeführt werden. Sein Ministerpräsident, Joseph Muscat, lehnt eine Abschreibung der Schulden ab .

Portugal, Spanien, Slowakei, Deutschland und Slowenien

Portugal

Lissabon vertritt die Ansicht, die griechische Regierung müsse selbst entscheiden, ob sie weiterhin zur Eurogruppe gehören möchte. Hilfe von außen sei nur „nach den Bedingungen“ der Währungsgemeinschaft möglich, betont Ministerpräsident Pedro Passos Coelho. Portugal hatte es geschafft, die Auflagen zu erfüllen, die mit einem 2011 gewährten internationalen Hilfsprogramm im Umfang von 78 Milliarden Euro verbunden waren.

Es wäre unklug, einen Austritt der Griechen nicht in Betracht zu ziehen. Für die Euro-Zone sei entscheidend, dass sie gemeinsam und geschlossen reagiere. Dies müsse von der Europäischen Zentralbank und den einzelnen Notenbanken vorbereitet werden. Niemand sei gegen die aktuellen und künftigen Folgen der Griechenland-Krise gewappnet.

Spanien

Im Herbst wählt das Land ein neues Parlament. Die konservative Regierung hat Angst, dass ein Verhandlungserfolg der Griechen Auswirkungen auf die Wahl haben könnten – und auch in Madrid linksradikale Kräfte deutlich an Stimmen hinzugewinnen. Deswegen gibt man sich hart und schließt vorschnelle Hilfe für Griechenland aus.

Spanien

Gleichzeitig fürchtet man – wie in den anderen Programmländern – Ansteckungsgefahren und ein Hochschnellen der eigenen Zinskosten bei der Kreditaufnahme. Kurzum: Einem Deal – als harte Verhandlung nach außen verkauft – würden Portugal und Spanien wohl nicht im Wege stehen.

Deutschland

Auch wenn sich die griechischen Bürger auf den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble eingeschossen haben: Die Bundesregierung zählt längst nicht zu den größten Bremsern in der Griechenland-Frage. Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß, dass die Deutschen mit großer Mehrheit weitere Hellas-Hilfen ablehnen. Selbst in ihrer eigenen Partei sind neue Finanzspritzen ein umstrittenes Thema. Dennoch will Merkel einen Grexit verhindern. Sie hofft, durch eine harte Haltung in den Verhandlungen, möglichst viele Reformversprechen der Griechen zu provozieren – um dann gesichtswahrend einem dritten Hilfspaket zustimmen zu können. Trotz der Kritik aus den eigenen Reihen wird der Bundestag dem nicht im Weg stehen: Zu groß ist die Mehrheit der Großen Koalition im Parlament.

"Die Griechen brauchen jetzt Hilfe"
Sigmar Gabriel Quelle: dpa
Angela MerkelBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht nach der klaren Absage der Griechen an ein Reform- und Sparprogramm vorerst keine Basis für Verhandlungen über ein neues Rettungspaket für Athen. „Angesichts der gestrigen Entscheidung der griechischen Bürger gibt es zurzeit nicht die Voraussetzungen, um in Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm einzutreten“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Das Ergebnis der Volksabstimmung sei eine Absage an den Grundsatz für europäische Hilfen, nach der Solidarität und Eigenanstrengungen untrennbar verbunden seien. Die Bundesregierung bekenne sich weiter zu diesem Grundsatz. Man bleibe aber natürlich gesprächsbereit: „Die Tür für Gespräche bleibt immer offen.“ Quelle: REUTERS
Estlands Regierungschef Taavi Rõivas Quelle: dpa
Europäer wollen Steuerschlupflöcher für Unternehmen schließen Quelle: AP
Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner SinnHans-Werner Sinn empfiehlt Griechenland zur Rückkehr zu einer eigenen Währung: "Die Drachme sollte sofort als virtuelle Währung eingeführt werden", erklärte er. Euro-Banknoten sollten bis auf Weiteres für Barzahlungen genutzt werden. Sinn erwartet von dieser Maßnahme einen baldigen "kräftigen Wirtschaftsaufschwung" für Griechenland, da die neue Drachme rasch abwerten würde. In der Zwischenzeit sollte Griechenland "großzügige" humanitäre Hilfen erhalten, forderte er am Montag. Zudem solle Athen die Möglichkeit erhalten, nach einer Gesundung gestärkt in den Euro zurückzukehren. Quelle: dpa
Nicolás MaduroVenezuelas Präsident hat das Ergebnis des griechischen Referendums begrüßt. „Das Volk Griechenlands hat gesprochen und die europäischen Behörden müssen das griechische Volk respektieren. Es ist ein großer Sieg über den Finanz-Terrorismus des IWF. Genug der kapitalistischen Ausbeutung.“ Griechenland habe mit dem von Ministerpräsident Alexis Tsipras einberufenen Referendum einen „historischen Schritt gemacht“. Aus Sicht Venezuelas habe sich der Kampf gelohnt, sagte Maduro am Sonntag bei einer Militärparade zum venezolanischen Unabhängigkeitstag. „Glückwünsche an das griechische Volk, das dem IWF und den Blutsaugern der Weltbank „Nein“ gesagt hat.“ Quelle: dpa
Katrin Göring-EckardtGöring-Eckardt will nach dem griechischen Referendum neue Verhandlungen und eine Stabilisierung Griechenlands. Zum Ausgang des Referendums sagte sie am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“: „Es ist nicht als Nein für Europa gemeint und nicht als Nein für den Euro. Das ist ein Auftrag für beide Seiten, jetzt wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren“. Zunächst müsse jetzt der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras einen Vorschlag machen, dann müsse es darum gehen, das Land zu stabilisieren. Sie könne sich beispielsweise eine Umschuldung vorstellen, „damit erst einmal ein paar Jahre Ruhe ist in Griechenland“. Ein Schuldenschnitt sei vonseiten der Gläubiger ohnehin nicht durchzusetzen. Quelle: dpa

Slowakei

Die Slowaken, ein eher armes Land in Europa, haben nie wirklich verstanden, warum sie den Griechen mit Bürgschaften helfen müssen. In der Slowakei beträgt das Durchschnittseinkommen 880 Euro. Wenn sie höre, dass einige griechische Rentner mehr als 1000 Euro im Monat bekämen, finde sie das "empörend", zitiert die Nachrichtenagentur afp eine Kellnerin aus Bratislava.

Die Politik sieht das ähnlich. Ein Schuldenschnitt sei eine „absolut rote Linie für sein Land“, sagte der slowakische Finanzminister Peter Kazimir. Allerdings gebe es auch „weichere“ Maßnahmen, die die griechische Schuldenlast etwas mildern würden, zum Beispiel eine Streckung der Laufzeiten der Hilfskredite. Mit dem Referendum habe Griechenland ein „Krisenszenario“ heraufbeschworen – und den „allmählichen Rückzug“ aus der Eurozone eingeleitet. Ich möchte ehrlich sein und kann es (einen „Grexit“) nicht ausschließen.“

Slowenien

Auf eine ehrliche und konstruktive Lösung hofft der slowenische Regierungschef Miro Cerar – und er erwartet von der griechischen Regierung keine Experimente mehr. Sein Land sei immer solidarisch gewesen, und habe finanzielle Verpflichtungen für Griechenland übernommen.

Nun erwarte man "eine konstruktive Kooperation" und die "Umsetzung von einigen wesentlichen Strukturreformen", fuhr Cerar fort. Finanzminister Dusan Mramor pflichtete bei. Griechenland sei nicht bereit, genügend zu ändern und das sei insbesondere inakzeptabel, weil "Slowenien gezeigt hat, dass gut überlegte Maßnahmen zu einem substanziellen Fortschritt" führen können. Griechenland solle also die slowenische Lektion lernen.

Slowenien hätte nach der Banken- und Finanzkrise 2008 beinahe selbst unter den Rettungsschirm gemusst. In Slowenien wurde eine Bad Bank geschaffen und das Land mit dem höchsten Anteil an staatlichen Unternehmen in der EU, muss nun 13 von ihnen verkaufen.

Estland, Lettland, Litauen, Niederlande und Finnland

Estland

Viele ärmere Länder sind genervt von Griechenland. Darunter Estland. Dessen Präsident Toomas Hendrick Ilves unterstrich, dass es für sein Land eine schwere Belastung wäre, wenn es für immer neue Griechenland-Kredite bürgen müsse. Regierungschef Taavi Roivas sagt, Reformen seien „unvermeidbar“. Für Estland ist es – wie für die baltischen Nachbarn aus Lettland und Litauen – unverständlich, dass Griechenland den Beamtenapparat noch immer nicht zurückgefahren hat und rigide die Steuern bei Wohlhabenden eintreibt. Das estnische Credo: Entweder Athen verspricht harte Reformen – oder es muss raus aus der Euro-Zone. Roivas machte deutlich: Die griechische Regierung habe die Wahl zwischen „schlechten und schlechteren“ Entscheidungen.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Lettland

Nicht nur Estland, auch Lettland und Litauen lehnen neue Zugeständnisse für Griechenland ab. Die baltischen Länder haben besonders unter der Finanzkrise gelitten. Sie mussten ihren Bürgern harte Einschnitte zumuten, um die Haushalte in den Griff zu bekommen. Ähnliches fordern sie nun auch von Griechenland. „Die Letten verstehen die Griechen nicht“, so Finanzminister Janis Reirs. Die lettische Wirtschaft sei ab 2008 um 20 Prozent eingebrochen; Lettland steuerte um und reduzierte den Staatsapparat um rund die Hälfte. Griechenland solle sich ein Beispiel nehmen – oder aus dem Euro austreten, finden die Letten.

Litauen

„Wir sehen ein Land, das schlemmen möchte und sich von anderen das Geld für die Feier geben lassen möchte.“ Die litauische Staatschefin Dalia Grybauskaite hat wie viele ihrer Landsleute ebenfalls genug von griechischen Sonderwünschen. Schließlich sei der Mindestlohn in Griechenland noch immer höher als in ihrem Land.

Das „Basisszenario“ sei zwar, dass Griechenland Mitglied der Euro-Zone bleibe. Dafür müsse es aber auch seinen Teil beitragen. Litauen macht derzeit nicht den Eindruck, faule Kompromisse zu akzeptieren. Die Balten umzustimmen, wird eine der größten Aufgaben der Euro- und Griechenland-Retter.

"Grexit macht Griechen wieder wettbewerbsfähig"
Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn Quelle: dpa
Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir Quelle: dpa
Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) Quelle: dpa
Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras Quelle: AP
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Quelle: dpa
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Quelle: REUTERS
Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping Quelle: dpa

Niederlande

Auch die Niederländer – seit Anbeginn Verfechter einer stabilitätsorientierten Eurozone – haben die Geduld mit Griechenland längst verloren. „Eine Währungsunion erfordert gegenseitige Verpflichtungen. Wenn man die nicht will, dann hört es auf“, sagte Finanzminister und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem vor dem niederländischen Parlament. Die niederländische Regierung wolle sich weiter für den Zusammenhalt der Eurozone einsetzen, betonte der Sozialdemokrat. „Doch nicht um jeden Preis, etwa, dass wir als Eurozone unsere Glaubwürdigkeit völlig aufgeben müssten.“

Auch die niederländische Öffentlichkeit plädiert offen für den Grexit. Die Zeitung „De Telegraaf“ schrieb nach dem Griechen-Referendum, dass „ein Austritt aus der Eurozone für das Land das beste Szenario“ sei. „De Volkskrant“ ergänzte: „Die Euroländer können es sich nicht erlauben, dass für einen von ihnen die Spielregeln nicht gelten.“

Finnland

Zu den größten Griechenland-Kritikern zählt neben den Balten und den Niederländern auch Finnland. Deren Finanzminister Alexander Stubb nannte – genervt von immer neuen leeren (!) Versprechen der Griechen – die Sondergipfel „eine Verschwendung von Flugmeilen“. Finnland steckt selbst in einer wirtschaftlichen Krise; das Land braucht Geld für Reformen und sieht nicht ein, Griechenland immer weiter zu unterstützen. Diese Position spiegelt die Meinung der finnischen Bevölkerung wider, die ähnlich Griechenland-müde wie die deutsche ist. Schon vor drei Jahren zauderten die Finnen – und ließen sich nur gegen Pfand für ihre Rettungskredite auf Finanzhilfen ein.

Einigungschance liegt bei "50,5 Prozent"

Was folgt daraus? Wie realistisch ist der Grexit? "Die Wahrscheinlichkeit eines Ausscheidens Griechenlands aus der Währungsunion ist in den vergangenen Tagen gestiegen", sagt Oliver Höing, Dozent am Jean Monnet Lehrstuhl an der Universität Köln. "Dennoch glaube ich noch, dass irgendwie ein Weg gefunden wird, den Grexit zu verhindern." Höing schätzt die Chancen auf eine Einigung auf 50,5 Prozent ein, wetten würde er auf einen glimpflichen Ausgang der Krise aber nicht.

Der europäische Rettungsfonds ESM

Eine Schlüsselrolle kommt den beiden Schwergewichten Frankreich und Deutschland zu. Sie müssen einen Kompromiss finden, den beide Seiten ihren Blöcken verkaufen können. Während Frankreich das Lager der Griechenland-Versteher repräsentiert, hoffen die Athen-Kritiker auf eine "eiserne Kanzlerin". Bei allen wichtigen europäischen Entscheidungen in der Vergangenheit sei es so gewesen, dass sich der Europäische Rat um die beiden Führungsnationen gescharrt habe, weiß Höing. Handeln Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Hollande einen Kompromiss aus, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Einigung "fundamental". Einzig: Deutschland darf Frankreich (und damit den Griechenland-Befürwortern) nicht zu weit entgegenkommen. Sonst meutern möglicherweise die Griechenland-Gegner.

Die Kritik im Baltikum und bei Slowenen, Slowaken, Finnen und Niederländer ist - wie oben gezeigt - sehr groß. Die Slowakei scherte schon einmal aus; beim ersten Hilfspaket hielt sich die Slowakei raus. "Im Nachgang musste sich das Land häufiger den Vorwurf gefallen lassen, unsolidarisch zu sein", so Höing, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit der Konstruktion und Arbeitsweise des Rettungsschirms ESM befasst hat. "Die Slowakei musste sich viel Kritik bei den Treffen der Euro-Gruppe gefallen lassen; eine Zeit lang hatten sie es schwer, glaubhaft in der Euro-Rettungspolitik mitreden zu können." Die Folge: Nach einem Regierungswechsel änderte die neue slowakische Führung den Kurs und beteiligte sich an den EFSF-Krediten für Irland und Portugal sowie an den Griechenland-Hilfen aus dem zweiten Rettungspaket.

Europa



Dass ein Land die Griechenland-Rettung stört, ist also mathematisch (nur Deutschland, Frankreich und Italien haben durch die 85-Prozent-Regel de facto ein Vetorecht) unwahrscheinlich - und politisch sowieso. "Ein einziges kleines Land wird sich nicht isolieren wollen", sagt Höing. "Denkbar aber ist, dass eine Koalition der Kleinen geschmiedet werden könnte." Sollten sich die Balten, Finnland, die Niederlande, Slowenien und die Slowakei von Deutschland schlecht vertreten fühlen und zusammentun, würden sie zwar immer noch nicht eine 85-Prozent-Mehrheit verhindern können. "Politisch wird dann aber der Druck auf die anderen Staaten sehr hoch, diesem Willen zu widersprechen". Selbst in Deutschland könnte die Bundesregierung dem Volk ihr mögliches "Ja" zu Griechenland-Hilfen nicht mehr seriös verkaufen.

Griechenland sollte sich also nicht zu sicher sein, neue Hilfen zu bekommen. Die Regierung von Alexis Tsipras muss ein ambitioniertes Reformprogramm vorlegen. Tut sie das, stehen die Zeichen eher auf Einigung denn auf Grexit. Macht Athen einmal mehr seine Hausaufgabe nicht, könnte Europa den Daumen endgültig senken.

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