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Griechenland-Pleite "Neue Kredite für Griechenland verschlimmern die Situation"

Kehrtwende: Die griechische Regierung will den Reformauflagen nun zustimmen – und so an neue Kredite kommen. Lucas Flöther glaubt nicht, dass dies die Probleme löst. Er muss es wissen. Flöther ist Insolvenzverwalter.

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"Grexit macht Griechen wieder wettbewerbsfähig"
Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn Quelle: dpa
Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir Quelle: dpa
Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) Quelle: dpa
Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras Quelle: AP
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Quelle: dpa
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Quelle: REUTERS
Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping Quelle: dpa

Das Hin und Her im Griechenland-Poker geht in die nächste Runde. Regierungschef Alexis Tsipras ist offenbar bereit, den Spar- und Reformauflagen der internationalen Geldgeber nun doch zuzustimmen, um an neue Kredite zu kommen. Die braucht Athen dringend. Das Land ist de facto pleite. Und das seit Jahren. Seit 2010 wird der Euro-Staat nur noch mit Hilfe der internationalen Geldgeber vor der Insolvenz bewahrt. Doch trotz der Milliardentransfers nach Athen ist der griechische Schuldenberg inzwischen wieder auf Rekordhöhen angewachsen. Die Politik hat sich in eine Sackgasse manövriert. Zeit, über den Tellerrand hinauszublicken und nach Lehren aus der Realwirtschaft zu schauen, in denen Insolvenzen keine Seltenheit sind.

Dann gilt es, zu retten, was auf den ersten Blick nicht mehr zu retten ist und eine akzeptable Lösung für beide Seiten zu finden: für die Gläubiger und für den insolventen Kreditnehmer. Diese Aufgabe übernehmen Insolvenzverwalter. Lucas Flöther zählt zu den renommiertesten seiner Zunft. Der Sanierungsexperte ist Sprecher des Gravenbrucher Kreises, dem Zusammenschluss der führenden Insolvenzverwalterkanzleien. Flöther glaubt, dass die laufenden Griechenland-Verhandlungen unter falschen Vorzeichen geführt werden, dass die Debatte um Hilfsprogramme und Reformen am eigentlichen Problem vorbeigeht.

Zur Person

„Der griechische Staat ist völlig überschuldet und deshalb nicht mehr handlungsfähig“, so Flöther im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Neue Kredite zu gewähren, ohne den Kern des wirtschaftlichen Problems zu beseitigen, verschlimmern diese Situation nur.“ Sein Credo: Ein Schuldenschnitt müsse her.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther glaubt, dass die laufenden Griechenland-Verhandlungen unter falschen Vorzeichen geführt werden.

Den aber verweigern die Europäische Union, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds den Griechen. Die Geldgeber hoffen, mit einem Paket aus Reformen auf der einen und neuen Finanz-Hilfen auf der anderen Seite die griechische Wirtschaft aufpäppeln zu können – und langfristig ihr verliehenes Geld wiederzusehen.  Flöther versetzt diesen Hoffnungen einen Dämpfer. „Wenn ein Unternehmen überschuldet ist, aber weiterbestehen soll, dann wird es saniert, sprich: entschuldet. Das muss auch mit Griechenland geschehen.“

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

Es bräuchte nun eine Instanz, die neutral und mit einem analytischen Blick auf die Fakten in der Griechenland-Krise schaut. „Ein Insolvenzverwalter würde bei einem Unternehmen nun genau feststellen, welche Vermögenswerte da sind und welche Einnahmen in den kommenden Jahren zu erwarten sind. Daraus ergibt sich, wie hart der Haircut sein muss“, erklärt Flöther.

Noch nicht zu spät

Im Falle Griechenlands dürfte das kein Problem sein. Der IWF, die EU-Kommission und die griechischen Behörden haben umfangreiches Datenmaterial, aus dem die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, der Steuereinnahmen und der Sozialausgaben recht genau prognostiziert werden kann. Verhältnismäßig einfach zu ermitteln, sind auch die Vermögen: Goldbestände, Staatsunternehmen sowie Beteiligungen an privatwirtschaftlichen Betrieben und Grundstückswerte.

„Wir sind in der Praxis längst davon weg, alle Vermögenswerte eines insolventen Unternehmens zu Geld zu machen“, unterstreicht Flöther. Vielmehr werde genau geschaut, welche Infrastruktur nötig für einen Neuanfang ist und beispielsweise welche Maschinen oder Fahrzeuge eine Firma braucht. „Griechenland steht nicht zwangsläufig vor dem Ausverkauf“, leitet der Insolvenzverwalter auf den Umgang mit dem Euro-Krisenland ab. Aber alles müsse zur Disposition stehen.

Ein Tabu-Thema gäbe es aus seiner Sicht allerdings für die weiteren Verhandlungen: die Schuldfrage. Ob sich Griechenland in den Euro gemogelt, die Austeritätspolitik der Geldgeber die griechische Wirtschaft abgewürgt oder sich der IWF zu unnachgiebig gezeigt habe, müsse in den weiteren Gesprächen ausgeblendet werden. „Im deutschen Insolvenzrecht haben wir uns schon lange von der Schuldfrage gelöst“, so Flöther. Wer für was verantwortlich ist, sei höchstens eine Frage des Strafrechts. „In einem Insolvenzverfahren geht es nur darum, das Unternehmen zu erhalten, indem man es einem Restrukturierungsprozess unterzieht. Das muss auch bei Griechenland im Vordergrund stehen.“

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

Noch sei es nicht zu spät für eine Einigung mit den Geldgebern, glaubt Flöther. Aber: „Wartet man mit einer Sanierung zu lange, ist das Vertrauensverhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern irgendwann völlig zerrüttet.“ Dieser Moment scheint unweigerlich näher zu kommen.

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