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Griechenland Athen begeht ökonomischen Selbstmord

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Probleme mit den Banken

Dass die Privatwirtschaft eine wichtige Rolle spielt, um das Land wieder zum Laufen zu bringen, das verstehe die neue Regierung offenbar nicht, klagt auch Alexander Macridis. In der Lagerhalle des Industriehändlers Chryssafidis am Rande von Athen stehen überall Kartons herum. Junge Männer auf Gabelstaplern räumen Regale aus. Macridis entschuldigt sich für das Chaos. „Nein, wir packen hier nicht alles zusammen, wir machen noch nicht dicht“, beeilt sich Macridis zu sagen. „Unser Lager ist zu klein, wir bauen ein neues dazu.“

Alexander Macridis, Chef des Industriehändlers Chryssafidis Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Der hochgewachsene Mann mit der hippen Hornbrille und dem schicken grauen Anzug ist Chef eines der ältesten Lieferanten für Industrie-Zubehör, hauptsächlich für den Hoch- und Tiefbau. Rund 75 Prozent seines Geschäftes macht das Unternehmen in Griechenland, der Rest kommt aus Bulgarien. Chryssafidis liefert Ventile, Rohrsysteme, Armaturen, Beschläge, Kolben und Kupplungsstücke, Rohrverlegungssysteme und Installationszubehör an rund 300 verschiedene Kunden. „Wir haben alles auf Lager“, sagt Macridis, dessen Urgroßvater das Unternehmen 1882 gründete.

Die Krise, erzählt Macridis, habe sein Unternehmen nur überstanden, weil er sich frühzeitig um eine günstigere Finanzierung bei den Banken bemüht habe. Als Mitte 2008 die US-Investment Bank Bear Stearns kollabierte und Konkurrent JP Morgan Chase die Bank übernahm, um sie vor der Insolvenz zu retten, sei er nervös geworden. „Mir war klar, dass sich da etwas in der Finanzwelt zusammenbraut, was die gesamte Weltwirtschaft erfassen könnte. Unsere Kreditwürdigkeit bei den griechischen Banken war sehr gut, also verlängerte ich Ende 2008 die Kreditlinien zu besseren Konditionen.“ Das war gerade noch rechtzeitig bevor die Eurokrise losging.

„Wir sind froh, dass wir überhaupt noch da sind“

Sein gutes Gespür für die Finanzwelt verdankt der 53-Jährige seiner Vergangenheit an der Wall Street. Denn eigentlich strebte der junge Alexander genau dort eine Karriere an. Von 1987 bis 1989 arbeitete Macridis, der an den US-Eliteuniversitäten Harvard und Yale studiert hatte, bei Goldman Sachs in New York. Dann kam der Hilferuf seiner Mutter aus Athen. Der Onkel, der das Unternehmen bis dahin geführt hat, war verstorben. Der damals 24-jährige Alexander sollte übernehmen. Er tat es. „Ich hatte nicht die geringste Ahnung von diesem Geschäft mit Ventilen und Pumpen.“ Dabeigeblieben ist er bis heute.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

Ungeschoren durch die Krise kam auch Macridis mit seiner Firma Chryssafidis nicht davon. Anfang 2008 beschäftigte er noch 120 Menschen, die einen Umsatz von 32 Millionen Euro erwirtschafteten. Heute hat Macridis nur noch 80 Mitarbeiter. Der Umsatz ist auf 20 Millionen Euro gesunken. „Wir sind froh, dass wir überhaupt noch da sind“, sagt Macridis. Das verdanke er neben der eigenen frühzeitigen finanziellen Vorsorge auch seinen Geschäftspartnern etwa in Deutschland, die dem Unternehmen immer noch liefern – trotz der angespannten Lage in Griechenland. „Bisher haben wir immer pünktlich zahlen können“, sagt Macridis.

Europa



Wenn sich nicht schnell einiges ändere in Griechenland, dann drohe dem Land allerdings ein Dritte-Welt-Status, fürchtet Macridis. Auch die neue Regierung habe es bisher nicht verstanden, den Menschen zu erklären, warum Griechenland Reformen dringend benötigt, um aus der Krise zu kommen. „Wir brauchen Investitionen von außen und die kommen nur, wenn wir uns öffnen, wenn wir also Bürokratie abbauen, Berufsgruppen öffnen, ein neues Steuersystem einführen“, fordert der Unternehmer. „Die Zeit rennt uns davon. Wenn wir nicht bald eine Lösung mit den EU-Partnern finden, dann ist hier in Griechenland bald nichts mehr übrig von der Wirtschaft.“

Die Not in der Heimat treibt Unternehmer Macridis zu riskanten Abenteuern. Mitte vergangenen Jahres hat er ein Team von zwölf Ingenieuren für ein Bauprojekt nach Nigeria geschickt – zusammen mit der Leventis Gruppe, einem Investor aus Zypern. „Da geht sonst kaum einer hin. Wir müssen unsere Chance nutzen. Wir müssen etwas Neues wagen, um außerhalb von Griechenland wachsen zu können. Es ist hart, aber haben wir eine andere Chance?“

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