Griechenland So verdienen Griechenlands Milliardäre an der Krise

Während die Mittelschicht unter dem Sparkurs ächzt, profitieren Griechenlands Oligarchen von der Krise. Möglich machen das Steuerprivilegien, Vetternwirtschaft und Korruption.

Kostas Vaxevanis Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

So wie die Solstice N, der Name heißt ins Deutsche übersetzt Sonnenwende, in diesen Tagen vor der Westküste Afrikas in Richtung der senegalesischen Hauptstadt Dakar kreuzt, ist sie ein relativ unspektakuläres Schiff: Sie ist 222 Meter lang, transportiert Container, verrichtet ihren gewohnten Dienst. So wie Tausende Frachter tuckert sie tagein, tagaus über die Meere. So weit nichts Besonderes. Außergewöhnlich wird die Geschichte der Solstice N erst, wenn man weiß, unter welchem Namen sie noch vor drei Monaten durch die Weltmeere schipperte und was dann mit ihr passierte: Da hieß das Schiff William Shakespeare und gehörte deutschen Privatanlegern. Rund 13 Millionen Euro hatten sie 2007 zum Bau des Schiffes beigesteuert. Doch statt Gewinne mit dem Containerschiff zu erwirtschaften, ist ihr Kapital nun dahin: Die eigens zur Finanzierung des Frachters gegründete Firma hat Anfang Juni beim Amtsgericht Hamburg Insolvenz angemeldet.

Während die Träume deutscher Privatanleger mit dieser Insolvenz platzen, geht ein anderer Traum weiter: der vom ungestörten Geschäftemachen in einem krisengeplagten Land.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

Denn als sich die Insolvenz der Besitzgesellschaft der William Shakespeare abzeichnet, ist schnell ein Interessent für das Schiff gefunden: der griechische Schifffahrtskonzern Navios, ein an der Wall Street börsennotiertes Unternehmen unter dem Kommando der Selfmade-Reederin Angeliki Frangou. Die Griechin kauft im Frühjahr 14 Schiffe aus dem Kreditportfolio der HSH Nordbank zum Notverkaufspreis. Während nahezu zeitgleich ihr Heimatland mit den internationalen Geldgebern um sein wirtschaftliches Überleben ringt, kann Frangou in großem Stil in neue Schiffe investieren: Neben 14 Millionen Dollar Eigenkapital bekommt sie problemlos eine Finanzierung weiterer 135 Millionen Dollar gestemmt.

Was zunächst zusammenhanglos scheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als durchaus zusammenhängend: Denn Angeliki Frangou genießt, wie sämtliche griechischen Reeder, seit Jahrzehnten nahezu Steuerfreiheit. Teile ihres Vermögens sind das Geld, das dem griechischen Staat fehlt. Ein politisches Geschenk, das half, die griechischen Reedereien liquide zu halten und ihre Eigner zugleich sagenhaft reich machte. Angeliki Frangou findet das nicht weiter sonderbar. Für die von der Verfassung garantierte Quasisteuerfreiheit ihrer Branche hat sie eine eigenwillige Rechtfertigung: Die Schifffahrtsunternehmen würden ihr Geld ja auch auf den Weltmeeren fern staatlicher Grenzen verdienen, warum sollten sie dann einem einzigen Staat Steuern zahlen?

Frangou ist ein Teil jener Elite Griechenlands, die die Krise in ihrem Heimatland als persönliches Konjunkturprogramm betrachten, meist ganz legal. 2014 zählte Griechenland 565 Millionäre, das sind fast zwölf Prozent mehr als im Jahr davor. Ihr Reichtum ist 2014 laut der Schweizer Bank UBS im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent auf rund 70 Milliarden Dollar gestiegen. Seit Jahresbeginn ging es ähnlich weiter. Noch nicht enthalten in der Summe sind jene Beträge, die die griechische Elite im Ausland bunkert. Der deutsch-österreichische Schattenwirtschaftsexperte Friedrich Schneider schätzt sie auf 10 bis 15 Milliarden Euro.

Zu verdanken haben Griechenlands Reiche das nicht nur ihrem unternehmerischen Geschick und ihrem internationalen Kontaktnetz. Sie profitieren von Privilegien, wie Frangou und ihr Konkurrent Spiros Latsis, einer der reichsten Griechen, ebenso die Multi-Unternehmer Stavros Psycharis, Vardis Vardilogiannis. Wenn das nicht hilft, bedienen sich manche von ihnen auch der Vetternwirtschaft wie zum Beispiel Andreas Vgenopoulos. Andere greifen zu Korruption und Steuerhinterziehung. Entsprechende Vorwürfe gibt es gegen Mitglieder des Bau- und Medien-Clans Bobolas, den Banker Laurentis Laurentiadis.

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