WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Griechenland Syriza treibt das Land ins Abseits

Der Rückhalt der Linksregierung in Athen bröckelt, aber nur sehr langsam. Mehr Gefahr als vom Volk droht Ministerpräsident Tsipras aus den eigenen Reihen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Alexis Tsipras vor Syriza-Parteianhängern Quelle: dpa Picture-Alliance

Es ist kein Jahr her, da wollte Gabriel Sakellaridis Athen einnehmen. Der damals 33-jährige Syriza-Politiker trat zur Wahl des Bürgermeisters an und verlor gegen den Gemäßigten Giorgos Kaminis. Jetzt aber könnte es mit dem Sturm auf Athen doch noch klappen: Sakellaridis ist mittlerweile nicht nur 34, sondern auch Regierungssprecher von Alexis Tsipras – und er hat einen Spezialauftrag von seinem Chef: Er soll vor allem die Athener mobilisieren, bei einem möglichen Referendum am Sonntag nicht nur abzustimmen, sondern auch für die Syriza-Position, also gegen Europa, zu votieren. Und Sakellaridis macht seinem Ruf als Lautsprecher alle Ehre: Er polemisiert, er lockt, er lärmt.

Kurz: Er gebärdet sich, wie es zum allgemeinen Erscheinungsbild seiner Partei passt. Alle Macht in Griechenland gehört seit Januar der linken Regierungspartei Syriza, deren Politiker zu Populismus und Utopien neigen. Sie glauben an die ultimative Lösungskompetenz des Staates, misstrauen Unternehmern und locken das einfache Volk mit Forderungen nach Sozialleistungen. In der Europapolitik steht die Partei für eine beinahe sozialistische Interpretation des Solidaritätsgedankens der Europäischen Union: Man fordert die Angleichung der Lebensverhältnisse, indem schwächere Länder das Geld der Stärkeren in ihre Realwirtschaft pumpen – damit am Ende angeblich alle profitieren.

Rentner stürmen die Banken
Tumultartige Szenen in Griechenland Quelle: dpa
Ohne Karte gab es kein Geld Quelle: dpa
Griechische Rentner strömen zu den Banken Quelle: dpa
Frust und Sorge Quelle: dpa
Griechische Rentner strömen zu Banken Quelle: dpa
Verschlossene Geldhäuser Quelle: dpa
Griechenland und seine Gläubiger - IWF, Europäische Kommission und Europäische Zentralbank - hatten sich nicht einigen können, welche Reformen Athen im Gegenzug für die letzten 7,2 Milliarden aus dem Rettungspaket für das Land umsetzen muss. Mit Ablauf der Frist am Dienstag ist das Geld aus dem Rettungspaket verfallen. So konnte Griechenland auch fällige Kredite über 1,6 Milliarden Euro nicht an den IWF zurückzahlen. Quelle: dpa

Die griechischen Wähler sind begeistert: Trotz der durch den nicht abgelösten IWF-Kredit am Dienstag offensichtlich gewordenen Zahlungsunfähigkeit und einiger Pro-Europa-Demonstranten in Athen, steht die Mehrheit im Land vorerst zur Führung, die es gewählt hat. Die Syriza-Bewegung mit Tsipras an der Spitze nährt die Illusion, Griechenland könne sich mithilfe der Kredite vom Rest Europas ohne Strukturreformen bis zur Wettbewerbsfähigkeit durchmogeln. Und glaubt derweil eisern daran, die Europäer würden irgendwann nachgeben, weil auch in der EU niemand das Euro-Aus der Griechen wolle, schon wegen der Ansteckungsgefahr für andere.

Populismus?

Da winken sie ab, die Mitglieder und Funktionäre von Syriza. Populistisch sei man nicht. Man habe eine Mission, erklären sie und meinen das ernst. Es gehe nicht um Griechenland, sondern um die Zukunft Europas, sagt die Syriza-Abgeordnete Hara Kafantari: „Wir müssen die Vorherrschaft der Neoliberalen in der EU beenden. Wenn die schädliche Austeritätspolitik nicht endet, wird sie Europa zerstören.“

Die von Athen vorgeschlagenen Sparmaßnahmen

Die Syriza-Bewegung wirkt wie die Studenten-Fachschaft von Soziologen, die mit dem Examen im Verzug sind. Hier tummeln sich Anarchisten, Kommunisten, Etatisten, Euro-Gegner, Abtrünnige der linken Pasok-Partei. Insgesamt eine Menge linker Idealisten.

Im eigentlichen Sinne ist Syriza keine Partei , sondern ein loses Bündnis von Linksrevolutionären, die tatsächlich etwas verändern wollen, nicht einfach nur an die Macht kommen wollten, um an der Macht zu sein.

Und so war es nach dem Wahltriumph vom Januar nur eine Frage von Wochen, bis sich Strömungen bildeten und sich zentrifugale Kräfte in Bewegung setzten.

Tsipras hätte die Partei rasch in die Mitte führen können, damit sie eine handlungsfähige Regierung mit realistischer Politik stützen kann, glaubt der Athener Politikwissenschaftler Dimitris Keridis. „Aber er war überhastet, unerfahren, unvorbereitet und hat sich zu sehr am eigenen Triumph erfreut.“

So spotten Griechen über ihre Geldautomaten
Die Situation im Land sei nur mit Humor zu ertragen, meint der griechische Journalist Vagelis Theodorou, der diese Fotomontage ins Netz stellte. Quelle: Handelsblatt Online
"Herr, erbarme dich!" schreibt er zu einem Foto, dass ein überarbeitetes Bild einer Prozession zeigt. Statt einer Monstranz trägt eine Gruppe Männer im Anzug einen Geldautomaten spazieren. Einer der Träger: der ehemalige griechische Ministerpräsident Antonis Samaras, Amtsvorgänger von Alexis Tsipras. Das Originalbild der Prozession scheint aus dem Jahr 2011 zu stammen. Quelle: Handelsblatt Online
Vielfach geteilt wurde in Griechenland am Wochenende dieses gestellte Foto. Quelle: Handelsblatt Online
„Nur Abhebungen über 500 Euro. Wir haben keine 50, 20 und 10 Euro-Scheine. Gehen Sie für Wechselgeld zur deutschen Botschaft." Quelle: Handelsblatt Online
Ein beliebtes Spiel: Die Anzeige eines Geldautomaten mit einem anderen Motiv austauschen. Ein griechischer Experte für Gasgeräte teilte diese Bildmontage, die auf den Videospiel-Klassiker Pacman im Geldautomaten-Display zeigt. Quelle: Handelsblatt Online
Der griechische Comedian „Blink Mike“ wählte ein anderes Motiv. Er kombinierte Bilder von riesigen Rockkonzerten und einem Truppenaufmarsch aus dem Filmepos „Herr der Ringe“ und verglich sie mit dem Gedränge vor griechischen Geldautomaten. Quelle: Handelsblatt Online
Das Foto eines Geldautomaten auf der Insel Mykonos, geschmückt mit einem ironischen Zettel: „Kein Geld hier. Nur Liebe!“ Quelle: Handelsblatt Online

Stattdessen ging es also drunter und drüber innerhalb dieser Patchwork-Partei. Geschichten über Machtspielchen kursierten und kursieren immer wieder. Mal sollte der Stuhl von Regierungschef Tsipras intern wackeln, mal jener von Finanzminister Yanis Varoufakis. Und die „linke Plattform“ um den Kommunisten Panagiotis Lafazanis lag mit den „Theoretikern“ um den Finanzminister im Clinch.

Langsam bildete sich eine Front gegen die Moderaten, zu denen anfangs auch Tsipras zählte, denn der verhandelte ja und opponierte nicht bloß. Seit er sich auf die Seite der Radikalen schlug, ist das Lager der Realisten aber in Auflösung. Nur wenigen Einzelfiguren dämmert es, dass das Chaos sie alle den Posten kosten könnte. Einer davon ist Giannis Dragasakis. Der ist Ökonom und als Vize-Regierungschef für Wirtschaft und Finanzen zuständig. Er versteht die komplexen Zusammenhänge und drängt Tsipras zur Absage des Plebiszits.

Er ist aber nun Außenseiter. Seit Tsipras am vergangenen Wochenende nachts per Fernsehen das Referendum ankündigte, sind die Flügelkämpfe befriedet – zumindest vorerst.

Kurs der radikalen Linken

Mitte der Woche sitzt eine Beraterin des Regierungschefs in einem Café im Stadtteil Kolonaki und stellt zufrieden fest: „Im Moment gibt es keine Strömungen mehr.“ Tsipras sei es mit seinem Schwenk auf den Kurs der radikalen Linken gelungen, die Partei zu einen. War es also das, was Alexis Tsipras mit dem Ausstieg aus den Verhandlungen bezweckte? Eine gespaltene Partei zu vereinen?

Wie schafft es eine solche Strömung, in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen? Vielleicht, weil die Mitte der Gesellschaft sich mittlerweile darstellt wie in Perama, einem Arbeiterviertel außerhalb von Athen. Jeder spürt hier die aufgestaute Frustration in den Straßen und Cafés. So wie bei Tarros, einem braun gebrannten Vorarbeiter am Bau: „Die jungen Männer hier arbeiten zwölf Stunden am Tag und verdienen trotzdem nur 300 Euro im Monat“, schimpft er. Wenn sie überhaupt Arbeit bekommen. Er selbst sei ein Jahr auf der Suche gewesen, ehe er im Januar einen Job gefunden habe. Der Mann will die Drachme zurück, sagt er: „Unsere wirtschaftliche Lage war viel besser, als wir den Euro noch nicht hatten.“

"Der Euro ist stabil, der Euro ist stark"
Stärker als gedacht"Scheitert der Euro, scheitert Europa" ist einer der Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vielen in Erinnerung bleiben. Mittlerweile wurde er ein wenig umgedeutet, an Griechenland dürfe der Euro nicht scheitern, hieß es kürzlich. Bisher sieht es danach auch aus, die Gemeinschaftswährung hält sich trotz des eskalierenden Griechenland-Dramas überraschend stabil. Auf Wochensicht verläuft die Entwicklung des Euro zum Dollar seitwärts, die Verluste vom Handelsbeginn am Montag hat die Gemeinschaftswährung wieder ausgeglichen. "Während sich die Lage in Griechenland zuspitzt, zeigt sich der Devisenmarkt weiterhin gelassen", schreibt die Commerzbank in einem Kommentar. Aus Sicht der Analysten liegt das vor allem an der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Lorbeeren gehören der EZB, die mit ihrem Versprechen, dass sie all ihre Instrumente nutzen würde, um Ansteckungseffekte einzudämmen, Spekulationen binnen kurzer Zeit den Garaus gemacht hat." Quelle: REUTERS
Retter in der NotOffenbar gibt es einige, deren Vertrauen in den Euro vor allem auf dem Engagement der Zentralbank fußt. Alle glauben das aber nicht: "Die Wette gegen den Euro war gefährlich und verlustreich”, sagt Ray Attrill, Chef-Devisenstratege der National Australia Bank in Sydney. „Es gibt genug Leute, die daran glauben, dass ein Austritt Griechenlands keine signifikanten Ansteckungseffekte haben wird und dass die EZB und die EU-Politiker alles tun werden, um den Euro zu stützen. Ich gehöre nicht dazu“. Quelle: dpa
Positive oder negative Folgen?Die Folgen eines Austritts des Landes aus dem Euro („Grexit“) würden am Devisenmarkt sehr unterschiedlich bewertet, begründet Lutz Karpowitz von der Commerzbank die geringe Reaktion der Märkte auf Griechenland-Meldungen. So sei die Gruppe derjenigen, die einen Austritt als positiv für den Euro bewerte, etwa gleich groß wie die Gruppe, die ihn negativ sehe. „Nach einem Grexit dürfte allerdings schnell klar werden, dass Ansteckungseffekte ausbleiben“, erwartet Karpowitz. Anfängliche Verluste würde der Euro zügig wieder gutmachen. Quelle: dpa
Ansteckungseffekte ja oder nein?Eine mittel- bis langfristige Gefahr für den Euro könnte von möglichen Ansteckungseffekten anderer Euro-Länder wie Spanien oder Portugal ausgehen. Österreichs Finanzminister rechnet nicht damit: "Der Euro ist stabil, der Euro ist stark", sagte Hans Jörg Schelling am Dienstag in Wien. Er erwarte durch den ungelösten Schuldenstreit mit Griechenland keine Finanzkrise. Selbst wenn sich die Griechen bei dem geplanten Referendum gegen die Vorschläge der internationalen Geldgeber aussprechen sollten, erwarte er keine "Ansteckungseffekte" für die Euro-Zone. Quelle: REUTERS
Untergang abgesagt?Insgesamt hält die Mehrheit der Analysten die Gefahr für den Euro für deutlich geringer als vor einigen Monaten. "Ein "Grexit" wird nicht mehr mit dem Ende des Euro verknüpft", sagt Claudia Windt, Analystin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Insgesamt habe die Untergangsrhetorik deutlich abgenommen. Quelle: dpa
VertrauensproblemEin Grexit könnte weniger ein Ansteckungs-, als ein Vertrauensproblem für den Euro werden. "Ein Austritt Griechenlands dürfte den Euro merklich schwächen", sagt Bernd Krampen, Analyst bei der NordLB. Davon würde zwar die heimische Exportwirtschaft profitieren, gesamtwirtschaftlich wäre der Vertrauensverlust allerdings problematisch. Quelle: REUTERS
Grexit oder Graccident Quelle: Marcel Stahn

Man findet in den Straßen von Perama schwerlich jemanden, der für ein Sparpaket stimmen würde. Stattdessen sprechen sie von Würde, die die linke Regierung den Griechen zurückgegeben habe. Wie weit die Gläubiger den Unterhändlern in den Verhandlungen entgegengekommen sind, weiß hier keiner. Nur die einfachen Botschaften der Syriza dringen durch.

Deswegen herrscht trotz versiegender Geldautomaten kaum Panik. Ruhig stehen die Menschen vor den Geldautomaten an, die täglich nur noch 60 Euro ausspucken. Für die allermeisten Griechen ist das mehr als genug; Renten und Gehälter waren am Freitag vor der Eskalation zumeist pünktlich auf den Konten. Die Straßencafés in Athen sitzen voll, man plaudert.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Normales Leben auch auf den Inseln des Landes. „Noch haben wir keine Probleme, unsere Waren zu bestellen“, sagt die Kassiererin im Supermarkt in Gouves, einem kleinen Touristenort an der Nordküste von Kreta. Und wenn sich das in den nächsten Wochen ändern sollte, hätten sie die besten Orangen, Oliven und wunderbaren Wein doch ohnehin auf der Insel. Auch mit Kreditkarte können die Kunden in ihrem Laden weiterhin bezahlen. „Nur eins darf nicht passieren, dass die Touristen wegbleiben – das würde uns hart treffen.“ Doch Kreta-Urlauber bekommen von den Demonstrationen in Athen ohnehin nichts mit.

Die Einheimischen schon: Mietwagen-Verleiher Vasilis sitzt in seinem Büro vor dem Fernseher, wo der Livestream zur Krise läuft. Dauerbeschallung mit Tsipras, Merkel und Co. Nur den Ton hat Vasilis ausgeschaltet. „Ich kann es nicht mehr hören“, sagt er. „Die Politiker erzählen uns sowieso nicht die Wahrheit. Sie haben sich völlig vom Volk entkoppelt.“ Er sagt: „Wir brauchen den Euro. Deshalb werden mein Sohn und ich und unsere ganze Familie auch für Europa und den Euro abstimmen.“ Bis dahin arbeitet aber auch er unter verschärften Bedingungen: Kunden, die bar bezahlen, bekommen Rabatt.

Europa



Im Westen Kretas, in der Hafenstadt Chania, hat bereits eine Tankstelle an der Hauptstraße zur Altstadt geschlossen. Einige Kilometer weiter läuft der Tankservice zu den üblichen Preisen, aber: „Bis zur nächsten Woche nehmen wir nur Bargeld an, weil wir den Sprit gegen Bargeld einkaufen müssen“, sagt der Tankwart einer BP-Tankstelle.

„Die meisten Griechen spüren jetzt, wie sich ein Staatsbankrott anfühlt“, sagt der Athener Politikwissenschaftler George Tzogopoulos, bislang sei das ja alles nur Theorie gewesen. Dadurch werde die Abstimmung über das Sparprogramm zu einer Abstimmung für oder gegen den Euro – und da sei die Mehrheit der Griechen entschieden für den Euro. Er sei daher optimistisch, dass Griechenland am Ende doch noch zur Vernunft zurückfinde.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%