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Griechenland Unternehmer fürchten die Rückkehr der Drachme

Deutsche und griechische Firmenchefs bereiten sich auf das Euro-Aus Griechenlands vor. Insbesondere die Telekom zittert.

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OTE Quelle: dpa

Wenn Willi Verhuven seinen Blick auf Griechenland richtet, legen sich Sorgenfalten auf seine Stirn. Die Situation sei „dramatisch“, sagt der Inhaber des fünftgrößten deutschen Reiseveranstalters Alltours. „Die Buchungen liegen weit unter Vorjahr.“ Offenbar ließen sich die Deutschen „von einigen radikalen Demonstranten und extremistischen Politikern in Athen abschrecken“. Nun will Verhuven Hellas-Urlaub mit Sonderanzeigen ankurbeln.

Nachdem die Bildung einer neuen Regierung gescheitert ist, wählen die Griechen am 17. Juni neu. Etwa zur gleichen Zeit erwarten sie die nächste Tranche aus dem Rettungspaket, die sie dringend benötigen. Inzwischen häufen sich die Befürchtungen, die Griechen könnten die mit den internationalen Geldgebern ausgehandelten Sparvorgaben aufkündigen und damit einen Kurs einschlagen, an dessen Ende die Staatspleite und der Austritt aus dem Euro stünden.

Für Unternehmen in Deutschland wie in Griechenland ist die Rückkehr zur Drachme längst kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Investmentbanker errechnen sogar schon, welchen Wert die Drachme nach einer Wiedereinführung hätte. Bei der Umstellung am 1. Januar 2002 lag er bei 340 Drachmen pro Euro. Schätzungen von Goldman Sachs zufolge müsste die Drachme nach einer Rückkehr um 30 Prozent gegenüber dem Rest der Euro-Zone und mehr als 50 Prozent gegenüber Deutschland abgewertet werden. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass eine Abwertung von mindestens 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Euro- Zone nötig sei. Während sich etwa die Commerzbank schon vollständig von ihren Griechenlandanleihen getrennt hat, sehen deutsche und griechische Unternehmen einer möglichen Rückkehr zur Drachme mit gemischten Gefühlen entgegen.

Das produzieren die Griechen
Sinkendes BIP, steigende ExporteDas griechische Bruttoinlandprodukt sank 2011 laut Internationalem Währungsfonds zum dritten Jahr in Folge – und jedes Mal wird der Rückgang größer. 2009 sank die Wirtschaftsleistung erstmals um 2,34 Prozent, vergangenes Jahr waren es schon fünf Prozent. Insgesamt trägt die Industrie nur ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung bei. Immerhin steigen die Exporte. Lag das Saldo der griechischen Handelsbilanz laut der Welthandelsorganisation vor vier Jahren noch bei -66,2 Milliarden US-Dollar, waren es 2010 nur noch -41,76 Milliarden. Nun veröffentlichte das griechische Statistikamt, das vergangenes Jahr die Exporte um 9,4 Prozent gestiegen seien – ausgelassen haben die Statistiker dabei Mineralölprodukte und Schiffe. Doch was macht die griechische Industrie eigentlich aus? WirtschaftsWoche Online wirft anhand von kürzlich veröffentlichten Zahlen des Deutschen Instituts für Weltwirtschaft (DIW) einen Blick auf die zehn größten verarbeitenden Gewerbe Griechenlands. Quelle: dpa
10. MaschinenMaschinen haben für die griechische Produktion nicht die gleiche Bedeutung, wie in Deutschland. Sie liegen laut DIW lediglich an zehnter Stelle der griechischen Industrien. Ihr Anteil macht gerade mal zwei Prozent an der Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe aus. In der gesamten Europäischen Union beträgt der Anteil 10,9 Prozent. 2010 betrugen die Exporte griechischer Maschinen 1,9 Millionen Euro, gleichzeitig wurden Maschinen im Wert von 11,5 Millionen Euro importiert. Das macht ein Saldo von -9,6 Millionen Euro. Das Bild zeigt einen BMW auf der Automesse in Athen. Quelle: AP
9. Elektrische AusrüstungenElektrische Ausrüstungen liegen für die griechische Industrie an neunter Stelle. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes in Griechenland macht 2,5 Prozent aus – in der EU sind es insgesamt 5,4 Prozent. Quelle: dpa
8. Chemie4,3 Prozent der griechischen Produktion sind chemische Erzeugnisse – ausgenommen ist dabei Mineralöl. In der EU beträgt der Produktionsanteil chemischer Waren generell 6,9 Prozent. Die griechischen Chemie-Ausfuhren sind 2010 laut DIW auf 2,4 Milliarden Euro gestiegen. 2009 waren es noch 2,1 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzsaldo chemischer Erzeugnisse aus Griechenland sank somit auf -4,9 Milliarden. Quelle: dapd
7. Textilien und LederwarenBei Stoffen, Leder und Bekleidung ist der Anteil an der griechischen Produktion größer als in der Gesamt-EU. Sie stellen 4,7 Prozent der Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes, der Anteil ist generell in der EU nur 4,1 Prozent. Quelle: dpa
6. Medizin Der einzige griechische High-Tech-Zweig, der international mithalten kann, ist die griechische Pharmaindustrie, die sich hauptsächlich rund um Athen befindet und auf Generika spezialisiert ist. Pharmazeutika stellen 5,6 Prozent an der griechischen Produktion, in der EU sind es insgesamt nur 4,6 Prozent. Quelle: dpa
5. Gummi- und Kunststoffwaren, Glas, Keramik, Steine und ErdenAcht Prozent am verarbeitenden Gewerbe in Griechenland macht die Produktgruppe rund um Gummi-, Glas- und Steinprodukte aus. In der EU sind es allgemein neun Prozent. Quelle: dpa/dpaweb

Bitter für Hochtief

Als eines der ersten deutschen Unternehmen würde der Essener Baukonzern Hochtief einen Austritt Griechenlands aus dem Euro und eine Abwertung der neuen Währung spüren. Das inzwischen vom spanischen Bauriesen ACS dominierte Unternehmen gehört zu Europas größten Flughafenbetreibern und besitzt am größten griechischen Airport in Athen über seine Tochter Hochtief Airport direkt 26,7 Prozent sowie weitere 13,3 Prozent über Hochtief Airport Capital, eine Investmentgesellschaft, die Hochtief Airport managt. Im Portfolio der Essener ist der hellenische Hauptstadtflughafen die wichtigste Beteiligung. Er brachte mit gut 100 Millionen Euro den höchsten Nachsteuergewinn im Hochtief-Reich, wovon bis zu 40 Millionen im Konzern landen. Umgerechnet in Drachmen bliebe davon im Extremfall nur noch die Hälfte übrig.

Der Essener Bauriese versucht gerade, auch seine Airports zu verkaufen. Fielen die Einnahmen künftig in Drachmen an, würde das den Gewinn eines ausländischen Investors gehörig mindern. Folge: Hochtief bekäme auch deutlich weniger als die mindestens 200 Millionen Euro, auf die Experten den Anteil am Athener Flughafen derzeit schätzen.

Sonderfall Deutsche Telekom

Auf den ersten Blick könnte sich die Deutsche Telekom über die Rückkehr Griechenlands zur Drachme freuen. Der Bonner Konzern hält 40 Prozent an der griechischen Telefongesellschaft OTE. Damit ist Telekom-Chef René Obermann gleichzeitig einer der größten ausländischen Investoren in Hellas überhaupt. Zwar hat OTE im vergangenen Jahr rund fünf Milliarden Euro Umsatz erzielt, dabei aber ein Minus von rund 14 Millionen Euro erwirtschaftet. Der Verlust würde durch die Einführung der Drachme sinken.

Doch das ist ein Sonderfall. Sobald die Telekom in der Ägäis Gewinn macht, würde die dortige Tochter nach Einführung der Drachme weniger überweisen als bei der Abrechnung in Euro.

Noch schlimmer wiegt, dass die Drachme der Telekom Inflationsrisiken bescheren würde. OTE ist als Ex-Monopolist ein reguliertes Unternehmen. Daher darf es Preissteigerungen, zu der die Drachme etwa bei importierten Investitionsgütern oder durch steigende Lohnkosten aufgrund importierter Inflation führen würde, nicht direkt an die Kunden weitergeben. Bis die Regulierungsbehörde dies zuließe, würde viel Zeit vergehen, in der die steigenden Kosten am Gewinn nagen.

Vorsorge bei TUI

Handelswährung Euro TUI-Hotel Akrotiri Beach auf Korfu

Einen Austritt Griechenlands aus dem Euro sehen die meisten Reiseveranstalter hingegen gelassen. Zwar haben sie zu Jahresanfang griechischen Hotelketten Kredite von mehreren Millionen Euro gewährt, damit diese wie üblich in der flauen Wintersaison notwendige Investitionen in ihren Häusern vornehmen können. Im Sommer, wenn die Gäste kommen, werden die Kredite mit den Einnahmen verrechnet. Doch viele machen es wie Marktführer TUI: Das Unternehmen hat mit den Hoteliers vereinbart, dass die Rückzahlung ebenfalls in Euro erfolgt.

Zusätzlich reagieren dürften TUI und Co. erst, wenn die Drachme tatsächlich da ist. Für Urlauber aus dem Euro-Land dürfte Griechenland kurzfristig billiger werden, weil Restaurantbesuche und Ausflüge vor Ort billiger werden. Das würde den Tourismus beflügeln, der rund 20 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Mittelfristig müssten die Veranstalter im Falle der Drachme mit den Hoteliers aber neue Verträge verhandeln. TUI verweist auf das Beispiel Ägypten und die Türkei. Dort werden jährliche Vorauszahlungen an die Hoteliers und die Bezahlung der Unterkünfte nicht an die jeweilige Landeswährung gekoppelt, sondern an den Euro. Reiseveranstalter wie Hoteliers haben beide ein Interesse an einer stabilen Währung, um Wechselkursrisiken auszuschließen. Daher sei es „sehr wahrscheinlich, dass auch nach einer Wiedereinführung der Drachme der Euro das Fundament der touristischen Zusammenarbeit wäre“, heißt es offiziell bei TUI.

Lokaler Anker für die Allianz

Auch wenn Griechenland für die Allianz ein relativ kleiner Markt ist, wäre der Abschied des Landes vom Euro ein gewisses Problem für den Versicherer. Denn der Gewinn fiele dann in Drachmen an, und der Umtausch in Euro würde die Überweisungen an die Konzernzentrale unter sonst gleichen Umständen mindern. Prämieneinnahmen in Drachmen sieht die Allianz allerdings gelassen . „Die würden wir dann eben mit Kapitalanlagen in lokaler Währung besichern“, heißt es im Konzern.

Europas führender Versicherer, der in Griechenland im Lebens-, Sach- und Unfallversicherungsgeschäft aktiv ist, wendet sich allerdings vehement gegen einen Austritt Griechenland aus der Euro-Zone. „Die Folgen für das Land wären verheerend, und deswegen muss das unbedingt vermieden werden“, sagte Oliver Bäte, Controlling-Vorstand bei Allianz. Das „Basisszenario“ sei nach wie vor, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibe.

Aus für griechische Banken

Am schlimmsten würde ein Euro-Austritt die griechischen Banken treffen, die ohnehin schon unter Kapitalflucht und den Folgen des Schuldenschnitts leiden. „Das wäre ihr Todesurteil“, sagt Bankenexperte Nikolaos Georgikopoulos von der New York University. Schon jetzt ist die Kapitaldecke der Banken zu dünn, entspricht weder den Vorgaben der Europäischen Zentralbank noch denen von Basel II. Georgikopoulos spricht von negativem Eigenkapital.

Seit Beginn der Krise im Oktober 2009 sind die Einlagen des Privatsektors um 74 Milliarden Euro geschrumpft, eine Summe, die einem Drittel des griechischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. 16 Prozent der Kredite haben die Banken bisher als faul deklariert, eine Quote, die Georgikopoulos aber für zu niedrig hält. In der Woche nach der Wahl Anfang Mai sind die Einlagen nach Angaben der Tageszeitung „Proto Thema“ alleine um drei Milliarden Euro gesunken.

Europa



Auch griechischen Unternehmern bereitet das Ausstiegsszenario große Sorge. Kostas Maltezos, Geschäftsführer des griechischen Matratzenherstellers Coco-Mat, bezeichnet die Konsequenzen eines Abschieds vom Euro als „katastrophal“. Der Heimatmarkt des Unternehmens, das edle Naturmatratzen im Preis von 1600 bis 7000 Euro herstellt, würde zusammenbrechen. Zwar käme es billiger, wenn er seine 220 Mitarbeiter künftig in Drachmen entlohnen könnte. Gleichzeitig würden Importe wie Naturlatex und Kokosfasern aber teurer. Coco-Mat, das 2011 einen Umsatz von 63 Millionen Euro erzielte, ist in der glücklichen Position, den Banken kein Geld zu schulden, weil es auf Kredit verzichtet. Insgesamt rechnet Maltezos aber mit einer „sehr instabilen Lage“.

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