Griechenland Varoufakis will Europa revolutionieren

Die Griechen-Spitze steht für eine neue attraktive Linke. Sie fordert die etablierte Politik heraus und träumt von einem Lateineuropa. Wie gefährlich ist die Mischung aus Vulgär-Keynesianismus und Pop-Marxismus?

Yanis Varoufakis Quelle: REUTERS

Vielleicht sollten wir die Geschichte des Yanis Varoufakis, dem derzeit wohl heißesten Politiker Europas, noch einmal neu schreiben. Der Aufstieg zum Schrecken europäischer Finanzminister und deutscher Steuerzahler begänne dann nicht mit jener griechischen Wahl Ende Januar, die Europa ein neues Phänomen des Linkspopulismus und der Euro-Krise einen Brandbeschleuniger bescherte – sondern an einem Oktoberabend 2011.

Varoufakis hat sich bis dahin vor allem mit ökonomischer Theorie beschäftigt. Er hat sich in Kreisen marxistischer Exil-Griechen in England und linker Ökonomen in den USA einen Namen gemacht, im Großen und Ganzen aber ist er ein Mann fern der Praxis geblieben. An diesem Abend holt sie ihn in Form einer E-Mail ein.

Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

Absender: Ein Amerikaner namens Gabe Newell. Er schreibt: „Ich bin der Chef einer Videospielfirma. Wir haben gerade ein paar Probleme. Hätten Sie Interesse, uns zu beraten?“ Varoufakis hat – und wird „Economist-in-Residence“ der Valve Corporation. Die Softwarefirma erfand die Ego-Shooter-Spiele Half-Life und Counter-Strike. Da geht es darum, Gegner durch geschicktes Taktieren und Manövrieren kampfunfähig zu machen und auf den richtigen Moment zur Attacke zu warten.

Streit mit Schäuble

Dreieinhalb Jahre später, Athen. Varoufakis kommt dem Besucher im verwinkelten Vorzimmer seines Ministerbüros entgegen, die Lederjacke liegt auf einem der roten Polstersessel. Er streckt die Hand aus. „Ich bin Yanis“, sagt er. Varoufakis gibt sich charmant und gewinnend. Angesprochen auf seinen Kollegen Wolfgang Schäuble, schwärmt er: „Eine faszinierende Persönlichkeit.“ Es sei „eine Ehre, seine Bekanntschaft gemacht zu haben“. Varoufakis sagt: „Ich schätze unseren offenen Meinungsaustausch.“ In der Sprache der Diplomaten bedeutet das: Wir streiten heftig.

Die wenigen Szenen beschreiben das Spektrum, das dieser Mann bedient: Der Spieltheoretiker und Ego-Shooter, der in Allein-gegen-alle-Manier die Euro-Gruppe aufmischt, aber auch als Menschenfänger seine Gegenüber fasziniert. Es sind Szenen, an die Europa sich wird gewöhnen müssen: Varoufakis mag der extremste seiner Art sein. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht durch ihn, seinen Chef Alexis Tsipras oder den spanischen Podemos-Chef Pablo Iglesias ein neuer Typ Linkspopulist: unorthodox im Vorgehen; ungestüm in der Wirtschaftspolitik; gnadenlos in der Gegnerschaft zur klassischen Politik. Und Südeuropäer.

Da können sich Nordeuropas Politiker noch so sehr über den wurstigen Furor, ja die Chuzpe echauffieren: „Das Phänomen bedeutet eine Zeitenwende“, sagt Tim Bale, Berater beim Thinktank Policy Network.

Bislang stützen sich Populisten in Europa auf kulturelle Vorbehalte: die Vaterlandsbewahrerin Marine Le Pen in Frankreich, der Salon-Rassist Matteo Salvini in Italien, der Euro-Feind Bernd Lucke in Deutschland. Varoufakis, Tsipras, Iglesias sind anders. Sie argumentieren materiell statt kulturell. Ihre Alternative: eine Mischung aus Vulgär-Keynesianismus, also Staatsausgaben für alles, und Pop-Marxismus, ergo Dirigismus mit Sex-Appeal.

Sozioökonomisches Lateineuropa

Varoufakis’ Chef Alexis Tsipras schrieb in der spanischen Zeitung „El País“: „Die Bürger des ganzen Südens müssen zusammenstehen und aus dem Dunkel der Austerität aufstehen.“ Und Italiens größtes Nachrichtenmagazin „Espresso“ fragte am Freitag auf dem Cover: „Brauchen auch wir mehr Podemos?“

Das sind Griechenlands führende Köpfe
Alexis TsiprasGeballte Faust, offener Hemdkragen, starke Worte: Der neue griechische Ministerpräsident präsentierte sich im Wahlkampf kämpferisch und als Mann des Volkes. Der 40-Jährige ist redegewandt; er gibt sich freundlich und umgänglich. Viele Griechen, die ihren Job verloren haben und sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen, versprechen sich von ihm echte Verbesserungen im Alltag. Unmittelbar nach dem Wahlsieg signalisierte „O Alexis“ (Der Alexis), wie er von seinen Anhängern genannt wird,  den internationalen Geldgebern Gesprächsbereitschaft. „Es wird keinen katastrophalen Streit geben“, sagte er vor jubelnden Anhängern. Doch schickte er auch eine Warnung hinterher: Griechenland werde sich den internationalen Kreditgebern nicht länger unterwerfen. Tsipras kündigte im Wahlkampf an, eine Allianz gegen Deutschland schmieden zu wollen. Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen und Griechen sollen sich erheben und gegen das Spardiktat aus Berlin kämpfen, betonte er immer wieder. Quelle: AP
Giannis VaroufakisDer 53-Jährige neue Finanzminister soll den Kampf für die Rettung Griechenlands in der Eurogruppe führen. Sein Vorteil: Er ist vom Fach. Als Wirtschaftsprofessor hat er unter anderem in Sydney und Glasgow gelehrt. Zuletzt war er an der Universität von Texas in Austin angestellt. Seit Jahren betreut er ein populäres englischsprachiges Blog. Ganz damit aufhören will er auch als Finanzminister nicht. Der kahlrasierte Varoufakis treibt viel Sport und präsentierte sich schon in der Vergangenheit oft als streitsüchtig. Eine seiner bekanntesten Aussagen: „Wenn es in Griechenland kein Wirtschaftswachstum gibt, werden die Kreditgeber keinen Cent sehen.“ Quelle: AP
Giannis DragasakisDer 1947 auf Kreta geborene Ökonom ist das genaue Gegenstück zu dem draufgängerischen Varoufakis. In seinen eher seltenen Interviews und Fernsehauftritten gibt sich Dragasakis überlegt und höflich. Seine politische Laufbahn startete der grauhaarige Wirtschaftsexperte vor rund 50 Jahren in der Kommunistischen Partei. Jahrzehntelang wirkte er dabei vor allem als Stratege. Dragasakis bringt als einziger im neuen griechischen Kabinett  Erfahrung als Regierungsmitglied mit. 1989 war er stellvertretender Wirtschaftsminister in einer überparteilichen Übergangsregierung des konservativen Ministerpräsidenten Xenophon Zolotas. Dragasakis engagierte sich über Jahre in verschiedenen Vorgängerbewegungen der heutigen Linkspartei Syriza. Dragasakis wird als stellvertretender Regierungschef die Aufsicht über den gesamten Bereich Finanzen und Wirtschaft haben und auch an den Verhandlungen mit den Geldgebern teilnehmen. Quelle: REUTERS
Panos KammenosDer Chef der rechtspopulistischen Partei der Unabhängigen Griechen, Panos Kammenos, ist auf den ersten Blick ein völlig unpassender Partner für Griechenlands neuen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Im Gegensatz zum Chef der linkspopulistischen Syriza fischte Kammenos seine Wähler am rechten Rand und schreckte dabei auch vor antisemitischer Stimmungsmache nicht zurück. Nun verhilft der 49-Jährige mit seiner Partei Anel „Syriza“ zur Macht. Im neuen Kabinett übernimmt er als Verteidigungsminister einen der Schlüsselposten. Was Tsipras und dem kräftigen, aufbrausenden Rechtspopulisten eint, ist die Ablehnung der Sparpolitik. Einst lief er  mit einem T-Shirt durchs Parlament auf dem stand: „Griechenland ist nicht zu verkaufen.“ Eine frühe Kampfansage an Brüssel und Berlin, wo Kammenos und Tsipras unisono die Hauptschuldigen für das „desaströse Spardiktat“ ausmachen. Kammenos ist von Haus aus Ökonom und einstiger Staatssekretär für die Handelsmarine. Schon mit 27 Jahren schaffte er den Sprung ins Parlament in seiner Geburtsstadt Athen. Fünf Mal wird er wiedergewählt, für die konservative Nea Dimokratia des gerade ausgeschiedenen Ministerpräsidenten Antonis Samaras. Als Samaras Anfang 2012 seine Unterschrift unter das "Memorandum" mit der Gläubiger-Troika setzt, kehrt Kammenos dem Regierungschef den Rücken. Er gründet die rechtspopulistische Partei Unabhängige Griechen (Anel). Quelle: REUTERS
Nikos KotziasNeuer griechischer Außenminister wird ein Technokrat, der Politik-Professor der Universität Piräus, Nikos Kotzias. Damit wolle Tsipras signalisieren, dass er einen ruhigen Kurs in außenpolitischen Themen fahren wolle, erklärten Analysten in Athen. Quelle: AP

Das befeuert eine Idee, die Intellektuelle im Mittelmeerraum begeistert, seitdem der italienische Philosoph Giorgio Agamben sie 2012 wiederbelebte: ein sozioökonomisches Lateineuropa. Eine Idee, die Podemos genauso propagiert wie Linkspolitiker, Blogger, Philosophen und Autoren rund ums Mittelmeer. Lateineuropa ist das Gegenteil von Merkel-Europa. Das wird im Süden nicht über Austerität gleich Prosperität gleich Wohlstand definiert, sondern durch: Staaten retten Banken.

Der Franzose Edgar Morin findet: Der Süden messe den Wert des Lebens nicht quantitativ, sondern qualitativ – unvereinbar mit dem Kapitalismus. Das Vorbild: der französische Bürgerkönig Louis-Philippe I. Der forderte im 19. Jahrhundert seine Landsleute auf, gegen die Ausbreitung anglophiler Lebensgewohnheiten zu kämpfen. Was macht das Konzept plötzlich wieder attraktiv?

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