Griechenland vor der Pleite

Mit Schuldenerlass ist noch eine Lösung möglich

Griechenland hat es mit der aggressiven Verhandlungstaktik übertrieben und steht vor einem Scherbenhaufen. Aber bis zur Fälligkeit der EZB-Kredite am 20. Juli ist noch eine Lösung möglich - wenn Vernunft Einzug hält.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa
Die Institutionen, die in den vergangenen Jahren Griechenland immer wieder mit neuen Krediten ausgeholfen haben, haben sich schließlich dafür selbst verschuldet. Ein Beispiel dafür ist der europäische Rettungsschirm EFSF, dem der griechische Staat 131 Milliarden Euro schuldet. Um das Geld aufzutreiben, hat der EFSF Anleihen an Fonds, Banken und Versicherungen verkauft. Diese Anleihen sind mit staatlicher Garantie versehen. Die Euro-Staaten müssten dafür geradestehen, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr tilgt. Deutschland etwa müsste mit 39 Milliarden Euro einspringen, Frankreich mit 29 Milliarden Euro. Quelle: Handelsblatt Online
Dasselbe Prinzip gilt für die 104 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen, die die Europäische Zentralbank in ihrer Bilanz hält. Sollte es zu einem „Grexit“ kommen und die EZB die Anleihen Griechenlands im Portfolio abschreiben müssen, dann müssten die Staaten der Eurozone nach dem vereinbarten Kapitalschlüssel das Eigenkapital der EZB aufstocken. Deutschland wäre über die Bundesbank mit rund 29 Milliarden Euro dabei. Quelle: dpa
Ein kritischer Posten sind auch die etwa 50 Milliarden Euro, mit denen Griechenland bei seinen eigenen Banken verschuldet hat. Die Institute wären bei einem offiziellen Staatsbankrott sofort pleite. Sparer müssten um ihre Einlagen fürchten. Quelle: REUTERS

Der bisherige Verlauf des Griechenland-Streits befand sich in einem kritischen Stadium, aber die handelnden politischen Akteure, vor allem die Eurogruppe, schienen in den andauernden Gesprächen die Lage noch unter Kontrolle zu haben. Die Tür für eine gütliche Einigung war stets offen. Durch die einseitige Handlung der griechischen Verhandlungsseite, ein Referendum ohne vorherigen Beschluss mit der Eurogruppe zu verkünden und womöglich nicht in Betracht zu ziehen, dass die Eurogruppe sich der Idee des Referendums nicht beugen würde, droht die Lage nachhaltig außer Kontrolle zu geraten.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Nur mit Hilfe eines beherzten Eingreifens der europäischen Führungsriege um die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Staatspräsidenten Hollande sowie der Einsicht von griechischer Seite kann nach jetzigem Stand der Dinge der gordische Knoten noch durchschlagen und ein Grexit verhindert werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die EWU-Staats- und Regierungschefs hierfür nicht nur einen positiven Ausgang des Referendums, sondern auch politische Konsequenzen in Griechenland als Bedingung stellen.

Die Folgen für die Finanzmärkte dürften überschaubar bleiben. Zwar sollte die Volatilität zunächst zunehmen. Aber letztendlich sollte sich die Meinung durchsetzen, dass es für den Euroraum insgesamt besser ist, wenn man sich an die eigenen Regeln hält. Außerdem kann die EZB einer möglichen deutlichen Ausweitung der Zinsaufschläge an den europäischen Anleihemärkten durch die laufenden Programme entgegenwirken. Rein wirtschaftlich hat Griechenland eine relativ geringe Bedeutung, so dass es am Aktienmarkt kaum langfristige Folgen geben sollte.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

Aber selbst wenn es noch zu einer Einigung kommt, sind die eigentlichen, grundlegenden Probleme in Griechenland, wie die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und ein fehlendes „Geschäftsmodell“ des Landes in einer globalisierten Welt, nicht gelöst. Hierfür braucht es sicherlich noch lange. Große Anstrengungen der Regierung und der Bevölkerung sind nötig. Die Probleme würden also mit großer Wahrscheinlichkeit dann in einigen Monaten wieder auftauchen.

So spotten Griechen über ihre Geldautomaten
Die Situation im Land sei nur mit Humor zu ertragen, meint der griechische Journalist Vagelis Theodorou, der diese Fotomontage ins Netz stellte. Quelle: Handelsblatt Online
"Herr, erbarme dich!" schreibt er zu einem Foto, dass ein überarbeitetes Bild einer Prozession zeigt. Statt einer Monstranz trägt eine Gruppe Männer im Anzug einen Geldautomaten spazieren. Einer der Träger: der ehemalige griechische Ministerpräsident Antonis Samaras, Amtsvorgänger von Alexis Tsipras. Das Originalbild der Prozession scheint aus dem Jahr 2011 zu stammen. Quelle: Handelsblatt Online
Vielfach geteilt wurde in Griechenland am Wochenende dieses gestellte Foto. Quelle: Handelsblatt Online
„Nur Abhebungen über 500 Euro. Wir haben keine 50, 20 und 10 Euro-Scheine. Gehen Sie für Wechselgeld zur deutschen Botschaft." Quelle: Handelsblatt Online
Ein beliebtes Spiel: Die Anzeige eines Geldautomaten mit einem anderen Motiv austauschen. Ein griechischer Experte für Gasgeräte teilte diese Bildmontage, die auf den Videospiel-Klassiker Pacman im Geldautomaten-Display zeigt. Quelle: Handelsblatt Online
Der griechische Comedian „Blink Mike“ wählte ein anderes Motiv. Er kombinierte Bilder von riesigen Rockkonzerten und einem Truppenaufmarsch aus dem Filmepos „Herr der Ringe“ und verglich sie mit dem Gedränge vor griechischen Geldautomaten. Quelle: Handelsblatt Online
Das Foto eines Geldautomaten auf der Insel Mykonos, geschmückt mit einem ironischen Zettel: „Kein Geld hier. Nur Liebe!“ Quelle: Handelsblatt Online
Deftige Worte sind in der Bildmontage dieses Geldautomaten zu lesen. Quelle: Handelsblatt Online
In diesem Geldautomaten lauert eine unangenehme Überraschung. Quelle: Handelsblatt Online
Ein Bild, das vielfach die Runde machte: Angela Merkel grüßt vom Geldautomaten. Die Montage stammt allerdings aus dem Jahr 2013 und bezog sich auf die damalige finanzielle Krise Zyperns, als auch Geldautomaten austrockneten. Erstellt worden war sie offenbar von einer spanischen Zeitung. Quelle: Handelsblatt Online

Ein anderer Aspekt, der in den vergangenen Wochen zunehmend sichtbar wurde, ist die grobe Fehleinschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bezüglich der Widerstandsfähigkeit der griechischen Wirtschaft. In Folge dieser falschen Einschätzung waren die Reformauflagen für die gewährten IWF-Kredite zu streng, was maßgeblich zur tiefen Rezession in Griechenland beigetragen hat und damit auch teilweise verantwortlich ist für die politische Entwicklung in Griechenland.

In der Tat ist es bislang kaum einem Land gelungen, in einer solch kurzen Zeit das strukturelle Defizit so stark zu reduzieren. Dass die zukünftig erforderlichen Einschnitte trotzdem noch so groß sind, ist ein weiterer Hinweis auf die völlig unzulängliche strukturelle Verfassung der griechischen Wirtschaft. Ein Grund für die Probleme der letzten Monate ist somit in der Konstruktion und der zeitlichen Dichte der geforderten Reformauflagen zu suchen. Dies ist zwar kein Grund, die notwendigen Reformen nicht weiter voranzutreiben. Jedoch kann man diese Erkenntnis in zukünftige Programme – und nicht nur für Griechenland - einfließen lassen.

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