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Griechenland "Wir spielen Normalität"

Wahltag: Alles geht seinen gelassenen, demokratischen Gang. Wirklich? Tsipras hat die Stimmung angeheizt und die Abstimmung zu einem Glaubenskrieg erhoben. Die paradoxe Folge: Griechenland ist in Einigkeit gespalten.

Pressestimmen zu Griechenland
„La Stampa“ (Italien)„Die deutsche Kanzlerin ist die Vorsicht in Person. Oder die Unentschlossenheit in Person? Tatsächlich hat sie in der jüngsten Vergangenheit stets an einem gewissen Punkt, oft völlig überraschend, wichtige Entscheidungen getroffen. Als ob sie die Situation immer bis zum Maximum eskalieren lassen würde, bevor sie eingreift. Bislang ist das gut gegangen. Aber es könnte ein gefährliches Spiel sein.“ Quelle: dpa
„Le Figaro“ (Frankreich)„In Wahrheit ist Tsipras' Aufruf ans Volk nichts anderes als ein politischer „Coup“, der unter der Maske der direkten Demokratie versteckt ist. Unfähig, seine Versprechen zu halten und das Land mit seiner radikalen Mehrheit unter den Bedingungen der katastrophalen Lage der Wirtschaft zu führen, ruft er die Bürger auf, zwischen ihm und Europa zu wählen.“ Quelle: dpa
„De Standaard“ (Belgien)„Die Griechen wissen, dass sie außerhalb des Euro kein Heil zu erwarten haben. Aber wenn sie mit Ja stimmen, wäre das keine Legitimierung der Fortsetzung der gescheiterten Schuldenpolitik. (...) In jedem Fall läuft es auf eine Erniedrigung eines besiegten Volkes hinaus.“ Quelle: AP
„Sme“ (Slowakei)„Wenn in Spanien im Herbst Podemos gewinnt und dem Fiskalpakt den Gehorsam verweigert wie jetzt Syriza der ehemaligen Troika, steht Madrid in ein paar Monaten ebenso am Abgrund wie jetzt Griechenland.“ Quelle: dpa
„Times“ (Großbritannien)„So verführerisch es auch ist, dies als Zerfall des europäischen Traums zu sehen, ist es wahrscheinlich doch eher nur ein Beweis für ein anderes Phänomen, das wir überall auf der Welt beobachten - einen Rückzug vom Internationalismus.“ Quelle: AP
„Irish Times“ (Irland)„Als Nato-Mitglied ist Griechenland ein wichtiger strategischer Verbündeter für die USA, und jede Hinwendung der Syriza-geführten Regierung zu Russland stieße in Washington auf erheblichen Widerstand. Syrizas Versöhnungsgesten in Richtung Wladimir Putin haben vor allem auch osteuropäische Mitgliedsstaaten geärgert. In den kommenden Tagen dürften eher Politik als wirtschaftliche Bedenken entscheiden, ob Deal in letzter Minute vereinbart werden kann, um Griechenland im Euro zu halten.“ Quelle: dpa
„Lidove noviny“ (Tschechien)„Wenn Griechenland das einzige verschuldete Euroland wäre, würde es vielleicht bekommen, was es will. Doch im Herbst werden in Spanien Wahlen erwartet, der viertgrößten Wirtschaft der Eurozone. Die dortige Podemos-Bewegung würde gerne wie Syriza in Griechenland die Regierung übernehmen und die Bedienung der Staatsschulden einschränken. Das ist eine vergleichbare Gefahr für ganz Europa wie ein „Grexit“.“ Quelle: dpa

Niemand ist nervös in Athen oder unruhig, alles geht seinen gelassenen, demokratischen Gang, warum auch nicht? Die Griechen haben sich an die Krise gewöhnt wie an die Sommerhitze, sie ist zu einem Teil ihres Alltags geworden, sie lähmt das Land, aber muss man mit ihr zurechtkommen. Jeder weiß, dass dieser Alltag ihn morgen einholen wird, so oder so, ganz gleich, wie das Ergebnis heute Abend ausfällt, die Zeiten waren schwierig, die Zeiten sind schwierig und die Zeiten werden schwierig sein.

25 Prozent Arbeitslosigkeit, Jobverluste, Lohnkürzungen, Renteneinschnitte - die überwältigende Mehrheit der elf Millionen Griechen hat in den vergangenen Jahren ein substantielles materielles Minus hinnehmen müssen. Dass die Griechen seit fünf Jahren jeden Morgen aufstehen und die Touristen mit Frühstück versorgen, dass sie ihre Kinder großziehen, Steuern zahlen, an die Arbeit gehen, kurz: dass sie trotz aller Sorgen und Nöte buchstäblich ihren Alltag meistern, ist ein kleines Wunder. "Wir spielen Normalität", sagt Ilias Kourounis, der seit 20 Jahren Taxi fährt in Athen, "und ich finde, wir spielen das gar nicht so schlecht."

Kourounis weiß noch nicht wirklich, was er heute wählen wird, er ist hin- und hergerissen zwischen "Oxi" (Nein) und "Nai" (Ja), weiß auch nicht wirklich, ob es einen Unterschied macht: "Die meisten Griechen wollen nach fünf Jahren "Nein" wählen und fürchten zugleich die Konsequenzen."  Einerseits hat er kein Verständnis für die Verständnislosigkeit der Deutschen und Europäer den Griechen gegenüber. Andererseits will er den Euro behalten und EU-Europäer bleiben, keine Frage: "Das Beste wäre vielleicht, wenn wir mit 'Ja' Stimmen, um mit den Europäern anschließend einen besseren Deal auszuhandeln.

Wir fahren hinauf nach Norden in den Stadtteil Kypseli, den es vielleicht am schlimmsten getroffen hat in den vergangenen Krisenjahren: Nach dem Krieg war das Viertel ein bevorzugter Zuzugsort für Kleinbürger mit berechtigten Aufstiegshoffnungen, später dann für die gehobene Mittelklasse, kurz: für die Fleißigen, die Ehrlichen, die Steuerzahler. Heute ist Kypseli ein sozialer Brennpunkt - die Mittelklasse konnte sich die Mieten und Ratenzahlungen nicht mehr leisten, die Preise fielen, illegale Migranten hielten Einzug - mit der Folge, dass die Preise weiter verfielen und noch mehr angestammte Bewohner das Weite suchten. Vielleicht der einzige Prominente, der hier noch wohnt, ist Alexis Tsipras - die Straßen rund um sein Wahllokal sind seit dem Morgen abgesperrt.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

 Olympia Faraklou, 46, hat soeben ihre Stimme abgegeben. Die Ingenieurin ist vor wenigen Jahren aus Kypseli weggezogen. Sie ist in ihrem Viertel noch registriert, wohnt aber längst in einem Vorort von Athen - und auch das nicht mehr lange. Faraklou hat Lohneinbußen hinnehmen müssen, dann ihre Arbeit verloren. Aber sie hat das Glück, mit einem Griechen-Amerikaner verheiratet zu sein und wird ihrer Heimat im September den Rücken kehren. New York statt Athen. Bewegung statt Stillstand. Lebensfreude statt Depression. Für Olympia Faraklou ist Griechenland "das schönste Land der Welt", versteht sich, aber auch ein Land, "dem noch ein langer Leidensweg bevorsteht."

 Faraklou hat mit "Ja" gestimmt, aus zwei Gründen: Sie befürwortet die Idee Europa und den Euro und glaubt auch nicht, dass Berlin und Brüssel die größten Fehler in den vergangenen  Verhandlungsmonaten gemacht haben. Vor allem aber traut sie dem griechischen Premier Alexis Tsipras nicht über den Weg, mehr noch: "Ich schäme mich, wie er unser Land repräsentiert." Faraklou bezichtigt Tsipras, den Menschen Falsche Hoffnungen gemacht zu haben: "Er hat allen  alles versprochen - und führt die Menschen an der Nase herum." Es sei nicht mal seine Politik, die sie nicht unterstütze, aber in Teilen durchaus nachvollziehen könne, sondern seine diabolische Art, mit Feindbildern zu spielen, die Menschen mit Halbwahrheiten zu verführen: "Tsipras hat seine Seele dem Teufel verkauft." 

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