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Griechenland Yanis Varoufakis und wie er die Welt sieht

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis erregt mit scharfen Worten und schrillem Auftreten Aufmerksamkeit und Gemüter. In seinem Buch gibt der Ökonomie-Professor nun Einblick in sein Denken.

Diese Akteure entscheiden den Griechenland-Poker
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
Giannis Varoufakis Quelle: dpa
Mario Draghi Quelle: dpa
Christine Lagarde Quelle: dpa
Jean-Claude Juncker Quelle: dpa

Der Mann eckt an. Seit Yanis Varoufakis Ende Januar als griechischer Finanzminister die europäische Bühne betreten hat, äußern Gesprächspartner mehr oder weniger deutlich ihr Befremden über die lautstarke Rhetorik des Ökonomie-Professors. Nachdem sich Varoufakis am Wochenende wieder einmal in widersprüchlichen Aussagen verheddert hat, ließ Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Montag über seinen Sprecher verkünden, dass Varoufakis in diesen Tagen doch ein wenig zu viel rede.

Geredet hat der 53-jährige Jung-Politiker seit seinem Amtsantritt in der Tat viel, aber nicht nur in Brüssel haben sich die Verhandlungspartner gefragt, wie der Mann eigentlich denkt. In den Sitzungen der Eurogruppe hat er sein Gegenüber sehr deutlich spüren lassen, dass er sich als einziger kompetenter Ökonom im Raum fühlt.

Die schrägsten Varoufakis-Zitate

Berechtigte Hinweise

Ist der Dünkel berechtigt? In einem schmalen Band mit 64 Seiten gibt Varoufakis einen Einblick, wie er als Ökonom tickt. „Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“ ist seit heute auch auf Deutsch erhältlich. Mit dem britischen Co-Autoren Stuart Holland arbeitet Varoufakis seit 2010 an seiner Medizin für die Eurokrise, 2013 kam James K. Galbraith, Sohn des US-Ökonomen Kenneth Galbraith, mit ins Team. Damals entstand eine Version 4.0 des Vorschlags, den Varoufakis für die deutsche Ausgabe mit einem neuen Vorwort versehen hat, geschrieben auf dem Rückflug von seinem ersten Treffen mit Finanzminister Schäuble in Berlin.

In diesen Zeilen schildert Varoufakis wie der aktuelle Umgang mit der Eurokrise in den Gesprächen durchweg als alternativlos dargestellt wird. Dies in Frage zu stellen, ist ein Verdienst des Buches. Berechtigt ist auch der Hinweis, dass ein Großteil des Geldes der „Rettung“ Griechenlands an Banken floss.

Das sind Griechenlands führende Köpfe
Alexis TsiprasGeballte Faust, offener Hemdkragen, starke Worte: Der neue griechische Ministerpräsident präsentierte sich im Wahlkampf kämpferisch und als Mann des Volkes. Der 40-Jährige ist redegewandt; er gibt sich freundlich und umgänglich. Viele Griechen, die ihren Job verloren haben und sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen, versprechen sich von ihm echte Verbesserungen im Alltag. Unmittelbar nach dem Wahlsieg signalisierte „O Alexis“ (Der Alexis), wie er von seinen Anhängern genannt wird,  den internationalen Geldgebern Gesprächsbereitschaft. „Es wird keinen katastrophalen Streit geben“, sagte er vor jubelnden Anhängern. Doch schickte er auch eine Warnung hinterher: Griechenland werde sich den internationalen Kreditgebern nicht länger unterwerfen. Tsipras kündigte im Wahlkampf an, eine Allianz gegen Deutschland schmieden zu wollen. Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen und Griechen sollen sich erheben und gegen das Spardiktat aus Berlin kämpfen, betonte er immer wieder. Quelle: AP
Giannis VaroufakisDer 53-Jährige neue Finanzminister soll den Kampf für die Rettung Griechenlands in der Eurogruppe führen. Sein Vorteil: Er ist vom Fach. Als Wirtschaftsprofessor hat er unter anderem in Sydney und Glasgow gelehrt. Zuletzt war er an der Universität von Texas in Austin angestellt. Seit Jahren betreut er ein populäres englischsprachiges Blog. Ganz damit aufhören will er auch als Finanzminister nicht. Der kahlrasierte Varoufakis treibt viel Sport und präsentierte sich schon in der Vergangenheit oft als streitsüchtig. Eine seiner bekanntesten Aussagen: „Wenn es in Griechenland kein Wirtschaftswachstum gibt, werden die Kreditgeber keinen Cent sehen.“ Quelle: AP
Giannis DragasakisDer 1947 auf Kreta geborene Ökonom ist das genaue Gegenstück zu dem draufgängerischen Varoufakis. In seinen eher seltenen Interviews und Fernsehauftritten gibt sich Dragasakis überlegt und höflich. Seine politische Laufbahn startete der grauhaarige Wirtschaftsexperte vor rund 50 Jahren in der Kommunistischen Partei. Jahrzehntelang wirkte er dabei vor allem als Stratege. Dragasakis bringt als einziger im neuen griechischen Kabinett  Erfahrung als Regierungsmitglied mit. 1989 war er stellvertretender Wirtschaftsminister in einer überparteilichen Übergangsregierung des konservativen Ministerpräsidenten Xenophon Zolotas. Dragasakis engagierte sich über Jahre in verschiedenen Vorgängerbewegungen der heutigen Linkspartei Syriza. Dragasakis wird als stellvertretender Regierungschef die Aufsicht über den gesamten Bereich Finanzen und Wirtschaft haben und auch an den Verhandlungen mit den Geldgebern teilnehmen. Quelle: REUTERS
Panos KammenosDer Chef der rechtspopulistischen Partei der Unabhängigen Griechen, Panos Kammenos, ist auf den ersten Blick ein völlig unpassender Partner für Griechenlands neuen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Im Gegensatz zum Chef der linkspopulistischen Syriza fischte Kammenos seine Wähler am rechten Rand und schreckte dabei auch vor antisemitischer Stimmungsmache nicht zurück. Nun verhilft der 49-Jährige mit seiner Partei Anel „Syriza“ zur Macht. Im neuen Kabinett übernimmt er als Verteidigungsminister einen der Schlüsselposten. Was Tsipras und dem kräftigen, aufbrausenden Rechtspopulisten eint, ist die Ablehnung der Sparpolitik. Einst lief er  mit einem T-Shirt durchs Parlament auf dem stand: „Griechenland ist nicht zu verkaufen.“ Eine frühe Kampfansage an Brüssel und Berlin, wo Kammenos und Tsipras unisono die Hauptschuldigen für das „desaströse Spardiktat“ ausmachen. Kammenos ist von Haus aus Ökonom und einstiger Staatssekretär für die Handelsmarine. Schon mit 27 Jahren schaffte er den Sprung ins Parlament in seiner Geburtsstadt Athen. Fünf Mal wird er wiedergewählt, für die konservative Nea Dimokratia des gerade ausgeschiedenen Ministerpräsidenten Antonis Samaras. Als Samaras Anfang 2012 seine Unterschrift unter das "Memorandum" mit der Gläubiger-Troika setzt, kehrt Kammenos dem Regierungschef den Rücken. Er gründet die rechtspopulistische Partei Unabhängige Griechen (Anel). Quelle: REUTERS
Nikos KotziasNeuer griechischer Außenminister wird ein Technokrat, der Politik-Professor der Universität Piräus, Nikos Kotzias. Damit wolle Tsipras signalisieren, dass er einen ruhigen Kurs in außenpolitischen Themen fahren wolle, erklärten Analysten in Athen. Quelle: AP

Varoufakis, der die griechische und australische Staatsbürgerschaft besitzt und sich gerne als Mann von Welt inszeniert, der auf drei Kontinenten gelebt und gelehrt hat, schaut indes mit einem sehr nationalen Blick auf die Probleme Griechenlands, den seine beiden Co-Autoren offensichtlich nicht korrigiert haben. Das zentrale Argument des Buches beruht darauf, dass Griechenland ein Opfer der Finanzkrise geworden ist. Die Autoren verschweigen jedoch den eigentlichen Grund der griechischen Misere: Griechische Regierungen haben den öffentlichen Dienst so weit aufgebläht, dass er unbezahlbar wurde. Varoufakis schließt sich damit dem Gros der griechischen Politiker an, die gerne die Krise als etwas darstellen, das von außen über das Land hineingebrochen ist. Man könnte das auch Legendenbildung nennen.

Vier schwer umsetzbare Strategien

Varoufakis und seine Co-Autoren präsentieren ihre insgesamt vier Strategien als Hiebe, mit denen Europa den Gordischen Knoten aus „Schulden und Defiziten“ finanzieren könnte. Sie betonen, dass sich alle vier Strategien ohne Änderung der europäischen Verträge umsetzen ließen, doch die Ideen würden schnell auf juristische Hemmnisse stoßen, etwa die erste Strategie, den europäischen Rettungsschirm ESM in eine Behörde zur Bankenrettung umzubauen.

Griechenlands Schwächen

Die Entschuldung der Eurostaaten über die Europäische Zentralbank (EZB), Vorschlag Nummer zwei, scheint nur schwer vereinbar mit dem Verbot, Staatshaushalte zu finanzieren. Strategie Nummer drei zielt auf höhere Investitionen vor allem in der Peripherie ab. Ein ähnliches Programm hat die EU-Kommission unter Präsident Jean-Claude Juncker bereits angestoßen, allerdings in deutlich geringerem Umfang. Auch hier fehlt ein Hinweis, dass Investitionen in Griechenland bisher nicht nur an mangelndem Geld, sondern an praktischen Hemmnissen scheiterten. Nach wie vor fehlt ein umfassendes Grundbuch.

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Besonders befremdlich ist die vierte Strategie, ein Notprogramm für soziale Solidarität, gespeist aus den Zinsen der Ungleichgewichte der Target2-Zinsen, um die „humanitäre Krise“ aufzufangen. Kein Wort dazu, dass die Probleme in Griechenland so groß sind, weil ein Sozialstaat bisher fehlt. Sozialhilfe gibt es bisher nur in ausgewählten Regionen als Pilotprojekt – auf Druck der Troika.

Schon bei der ersten Vorlage des „Bescheidenen Vorschlags“ 2010 machten sich Varoufakis und Holland „keine Illusionen, dass die amtierenden Verantwortlichen unseren Vorschlag rasch aufgreifen würden“. 2015 wird sich daran wohl nichts ändern.

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