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Großbritannien Wie der Brexit plötzlich mehrheitsfähig wird

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Abspaltungsanhänger können mehr charismatische Figuren vorweisen

Zahlreiche EU-Gegner gehören dagegen unteren Einkommensschichten an. Viele von ihnen fühlen sich vom Zustrom osteuropäischer Einwanderer bedroht. Eine Studie der Oxford University zeigt: Die Zahl der EU-Ausländer im Land ist in den vergangenen fünf Jahren um knapp 700.000 auf 3,3 Millionen gestiegen. Dabei hatte der Premier versprochen, die Immigration radikal einzuschränken. Doch die von ihm erreichte vierjährige Blockade von Sozialleistungen für Neuzuwanderer wird die Zuwanderung nicht stoppen, zumal der gerade auf neun Euro erhöhte Mindestlohn Großbritannien für Osteuropäer noch attraktiver machen dürfte.

Britische EU-Befürworter – etwa Unternehmensverbände, international tätige Konzerne und Banken – können zudem kaum charismatische Figuren vorweisen, ganz anders als das Lager der Abspaltungsanhänger. Dort hat der schillernde Londoner Bürgermeister Boris Johnson neuen Schwung in die „Leave“-Kampagne gebracht. Auch Johnson kann zwar nicht schlüssig erklären, wie die Briten nach einem Austritt – und dem Abschied von der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit – weiter vollen Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten sollen. Aber mit seinen Anti-Europa-Auftritten ist Johnson, der selbst Premier werden will, zu Camerons gefährlichstem Gegenspieler geworden.

Mittlerweile rechnen sogar die Devisenmärkte ernsthaft mit einem Brexit: Gegenüber dem Dollar ist das Pfund auf den tiefsten Stand seit Anfang 2009 gefallen, auch im Vergleich zum Euro ist es so schwach wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Dazu trägt die Sorge bei, das britische „twin deficit“ – hohes Haushaltsdefizit und eine Lücke in der Leistungsbilanz – könne nach einem Brexit bedrohlicher werden.

Was die Briten an der EU stört
Nationale IdentitätAls ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen. Quelle: dpa
Finanztransaktionssteuer und Co.Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze. Quelle: dpa
Regulierungen des ArbeitsmarktsGroßbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen. Quelle: dapd
EU-BürokratieDie Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen. Quelle: dpa
MedienDie britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister. Quelle: dpa

Generell kommen Studien zu dem Ergebnis, dass die kurzfristigen Ergebnisse eines Austritts negativ für die britische Wirtschaft sein dürften – die langfristigen Konsequenzen werden davon abhängen, ob und welche Abkommen Großbritannien mit seinen wichtigsten Handelspartnern aushandeln kann. Doch gibt es kaum Zweifel an den Risiken: Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in einem möglichen Abschied Großbritanniens von der EU sogar eine erhebliche Bedrohung für die globale wirtschaftliche Stabilität.

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    Die britische Denkfabrik Oxford Economics rechnet mit einem Rückgang des britischen Bruttoinlandsproduktes von knapp vier Prozent, die Wirtschaftsprüfergesellschaft PwC gar mit einem Minus von über fünf Prozent. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) meint: „Die Vorteile der ökonomischen Verzahnung zwischen Großbritannien und der EU werden oft nur unzureichend erfasst.“ Im schlimmsten Fall könne die britische Wirtschaftsleistung um zehn Prozent oder mehr einbrechen, so das Fazit der IW-Forscher.

    Schon jetzt macht sich die Ungewissheit über das bevorstehende EU-Referendum negativ bemerkbar, der IWF hat seine Wachstumsprognose für Großbritannien im laufenden Jahr – selbst ohne Brexit – um 0,3 Prozentpunkte gesenkt.

    Es könnte zudem ein gutes Jahrzehnt dauern, bis die Briten nach einem Brexit-Votum ihr Verhältnis zu den europäischen Staaten und der restlichen Welt neu geregelt haben. Offiziell sind im EU-Vertrag von Lissabon dafür lediglich zwei Jahre vorgesehen, doch das wird nach Ansicht von Experten kaum genügen. „Die britische Wirtschaft ist stärker von der EU abhängig als umgekehrt“, sagt IW-Ökonom Berthold Busch. Bei Verhandlungen über neue Handelsabkommen könnten die Briten daher den Kürzeren ziehen. Damit droht der einstigen Weltmacht nicht nur ein verlorenes wirtschaftliches Jahrzehnt, sondern der dauerhafte globale Abstieg.

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