Großbritannien Der (bitter)süße Sieg

Euphorie bei Tory-Chef David Cameron. UKIP-Politiker Farage verpasst den Einzug ins Parlament, Labour und Libdems suchen einen neuen Chef und die Finanzmärkte entfachen ein Freudenfeuer. Allerdings: Ein EU-Austritt der Briten könnte nun schon in absehbarer Zukunft Realität werden

Jubel, Triumph und Tränen
Die großen Sieger sind im Norden des Königreiches zu finden: Die Scottish National Party (SNP) könnte es der Prognose zufolge auf 58 von 59 schottischen Sitzen im Parlament in Westminster schaffen. Vor allem der Labour-Partei nahmen sie in deren früherer Hochburg zahlreiche Direktmandate ab. Quelle: dpa
Verlierer und Sieger: Der Schatten-Außenminister und Labour-Wahlkampfmanager Douglas Alexander schaffte es in seinem schottischen Wahlkreis nur auf knapp 18 Prozent der Stimmen und verlor seinen Platz im Parlament an die 20-jährige Politikstudentin Mhairi Black von der SNP (51 Prozent). Sie wird als jüngste Abgeordnete seit 1667 in das britische Parlament einziehen. Quelle: AP
David Cameron wird wohl Premierminister von Großbritannien bleiben. Sein Herausforderer Ed Miliband muss als amtierender Chef der Labour-Partei bei der britischen Parlamentswahl empfindliche Verluste verkraften. Laut einer nach der Wahl am Donnerstag veröffentlichten Wählerbefragung für BBC, Sky und ITV können die Tories 316 Abgeordnete ins Westminster-Parlament schicken, die Labour-Partei nur 239. Noch in der Nacht wurden Spekulationen über einen baldigen Rücktritt von Labour-Chef Ed Miliband laut. Quelle: AP
Nach der jüngsten BBC-Prognose muss die sozialdemokratische Partei massive Verluste hinnehmen und kommt mit Herausforderer Ed Miliband auf nur 232 Sitze. Quelle: AP
Feiert sich, obwohl verbuchbar unter ferner liefen: Die Official Monster Raving Loony Party (etwa: Offizielle Partei der rasenden verrückten Ungeheuer) macht sich seit Jahrzehnten über den Politikbetrieb lustig. Parteichef Alan „Howling Laud“ Hope tritt in weißem Anzug mit einer Rosette in Übergröße, Cowboyhut und Fliege im Leoparden-Look auf – und feiert in der Nacht die paar Tausend Stimmen, die seine Partei abfahren könnte. Das Parteiprogramm "Manicfesto" enthält Vorschläge wie: Klimaanlagen außen an Häusern anbringen, um der Erderwärmung zu begegnen und die Börse mit Airbags ausrüsten, um sie für den nächsten Crash zu wappnen. Einst als übergeschnappt abgetan, wurden einige Vorhaben tatsächlich umgesetzt, darunter Pässe für Haustiere, 24-Stunden-Pubs und Auszeichnungen für die Beatles. Quelle: dpa
Die Liberaldemokraten um Parteichef Nick Clegg verteidigt zwar seinen Parlamentssitz. Der Vize-Premierminister holt seinen Wahlkreis Sheffield Hallam mit 22.215 Stimmen, sein Labour-Konkurrent Oliver Coppard auf 19.862. Laut Nachwahlbefragungen rutschten die Liberaldemokraten von bislang 56 auf nur noch zehn Sitze ab. Auch Clegg hatte der Verlust seines Mandats gedroht. „Es ist nun schmerzhaft klar, dass das eine grausame und bestrafende Nacht für die Liberaldemokraten war", sagte Clegg nach seiner Wiederwahl in einer Rede. Quelle: dpa
Dein Bild des Ukip-Spitzenkandidaten war auf das BBC-Gebäude projeziert. Seine euro-skeptische Partei schnitt laut BBC-Prognose 12,2 Prozent zwar schwächer ab als erwartet, nimmt wohl aber statt einem, zwei Sitze im Parlament ein. Quelle: REUTERS

"So süß wie dieser war noch kein Wahlsieg für mich", schwärmte der britische Premier David Cameron, als er sich am Freitag bei Mitarbeitern der konservativen Partei für den gelungenen Wahlkampf bedankte. Anders als 2010, als Cameron nur mit Hilfe der Liberaldemokraten in die 10 Downing Street einziehen konnte, werden er und seine Tories diesmal alleine regieren können: zwar nur mit einer hauchdünnen Mehrheit, aber immerhin.

Das nahm der alte und neue Regierungschef auch gleich zum Anlass, seinen Landsleuten zu versichern, dass er sein Wahlversprechen einlösen und spätestens in zwei Jahren ein Referendum über die künftige EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs anberaumen will. Bitter für Berlin und Brüssel. In den europäischen Hauptstädten wird man sich also darauf einstellen müssen, dass der Premier nun bald konkrete Forderungen für ein neues gelockertes Verhältnis Großbritanniens zur EU präsentieren wird. Quälende Verhandlungen dürften in den nächsten zwei Jahren folgen.

Wahl des Unterhauses

Bitter ging die Wahl auch für UKIP-Chef Nigel Farage aus. Farage schien den Tränen nahe, als der Wahlleiter im Bezirk South Thanet den Sieg des Tory-Kandidaten und ehemaligen UKIP-Politikers Craig Mackinlay bekanntgab. Denn Farage verpasste damit den heiß ersehnten Einzug ins Parlament um satte 2000 Stimmen und will nun - wie angekündigt - die Parteiführung abgegeben. Alles in allem hat UKIP schlechter abgeschnitten als erwartet. Von bisher zwei Sitzen im Unterhaus blieb nur einer übrig, und auch der wird von einem abtrünnigen Tory gehalten, der in seinem Wahlkreis große persönliche Popularität genießt.

Cameron wird es freuen: nicht nur wird er mit Farage einen lästigen Widersacher los. Er kann auch darauf hoffen, dass die gesamte UKIP-Partei nun in eine tiefe Krise trudelt und möglicherweise sogar zerfällt: Schließlich war Farage bisher der Dreh- und Angelpunkt einer Partei, in der es nur sehr wenige ernstzunehmende Mitglieder gibt. Allerdings dürften Cameron nun die Euroskeptiker in der eigenen Partei wieder mehr unter Druck setzen. Denn angesichts der knappen Mehrheit im Parlament ist der Premier stärker erpressbar, was die Forderung der Tory-Hinterbänkler angeht, als bisher. Aus diesem Grunde ist wohl damit zu rechnen, dass sich der Premier - zumindest inoffiziell - die Unterstützung der acht nordirischen Democratic Unionists (DUP) sichern wird, um größere Spielräume für seine Gesetzesvorhaben zu gewinnen.

Einer seiner Vorgänger, der ehemalige Premierminister John Major, der 1992 ebenfalls überraschend einen Wahlsieg erzielt hatte, gilt nämlich als abschreckendes Beispiel dafür, wie rasch sich ein Wahl-Triumpf in einen Pyrrhus-Sieg verwandeln kann: Major wurde in einer Tour von den Euroskeptikern unter den Tories gepiesackt und musste dann 1997 eine vernichtende Wahlniederlage einstecken. Er schaffte es einfach nicht, den Graben zu schließen, den die Europapolitik bei den Tories aufgerissen hat.

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