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Großbritannien vor der Wahl Was ein „Brexit“ für die EU bedeutet

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Der Außenhandel wäre der Leidtragende eines „Brexit“

Die Leidtragenden wären dann vor allem die acht zentralen Sektoren des Außenhandels, die insgesamt 53 Prozent des gesamten britischen Exportaufkommens ausmachen. Dazu gehören unter anderem die Autoindustrie, die Luftfahrt- sowie die Pharma- und Chemieindustrie.

In Deutschland könnte man angesichts dieser Perspektiven jubeln, scheint es. Die Londoner Finanzszene ginge nach Frankfurt, deutsche Autobauer, Pharma- und Chemiekonzerne hätten ein paar ernst zu nehmende Konkurrenten auf Distanz gebracht. Auch emotional scheint sich das Land aus deutscher Sicht in den vergangenen Jahren immer weiter entfernt zu haben. Vielen Deutschen ist daher die Briten-Wahl schlicht egal.

Anteil der britischen Exporte in EU-Länder und Nicht-EU-Länder

Doch das ist gefährlich, sagt der CDU- Bundestagsabgeordnete Andreas Nick. „Ein Austritt Großbritanniens würde die Europäische Union absolut schwächen“ – und das in jeder Hinsicht: Als global vernetzte Volkswirtschaft mit klarer Orientierung zu Freihandel und Wettbewerbsfähigkeit sei London ein wichtiger handelspolitischer Partner für Deutschland in der Welt und zugleich Verbündeter innerhalb der EU.

Zudem würde ein Brexit für die verbleibenden EU-Länder teuer werden, sollten sie den ausfallenden EU-Beitrag kompensieren müssen. „Für Deutschland dürften die dadurch entstehenden zusätzlichen jährlichen Ausgaben gegenwärtig bei rund 2,5 Milliarden Euro brutto liegen. Frankreich müsste knapp 1,9 Milliarden Euro zusätzlich zahlen, Italien fast 1,4 Milliarden Euro und Spanien rund 0,9 Milliarden Euro“, heißt es in der Bertelsmann-Studie.

Die britische Wirtschaft hofft auf Cameron

Man könnte deshalb meinen, dass bald eine gemeinsame Kampagne der britischen Wirtschaft, der deutschen Außenpolitik und der Brüsseler Bürokraten für einen Sieg der Labour-Party starten müsste. Doch alle Beteiligten halten sich bedeckt.

Die britische Wirtschaft treibt die Sorge vor einer Koalition Labours mit den schottischen Nationalisten (SNP) um. Sie fürchten für diesen Fall verschiedene Steuererhöhungen, die vor allem die Wohlhabenderen schröpfen würden, und klammern sich an die Hoffnung, Premier Cameron könnte doch noch in Brüssel Reformen durchsetzen und Kompetenzen von dort auf die Insel zurückholen. Dann könnte bei einem Referendum letztlich doch noch eine Mehrheit für den Verbleib in der Union zustande kommen. Ein ziemlich riskantes Spiel, fielen doch fast alle Volksabstimmungen in anderen Ländern über EU-Themen in den vergangenen Jahren gegen Brüssel aus.

Europa



Sollte mit dem Wahlausgang ein Referendum tatsächlich näher rücken, würde Brüssel massiv versuchen, für einen Verbleib in der Union zu werben. Der anglophile Vizepräsident Frans Timmermans stünde bereit, nach Großbritannien zu reisen, um den Briten die Optionen zu erklären. Doch nach ihm wird es schon eng. Insbesondere Juncker ist für die meisten Briten ein rotes Tuch.

Die Euro-Skeptiker um Nigel Farage machen sich ebenso hemmungslos über ihn lustig wie über den ehemaligen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy. Dem bescheinigte Farage einst das „Charisma eines feuchten Putzlappens“ und ließ Van Rompuys Konterfei auf ein Spültuch drucken. In Margate, bei der Ukip-Veranstaltung, war das von Farage handsignierte Polit-Souvenir der Renner: Nach fünf Minuten war es ausverkauft.

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