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Großbritannien vor der Wahl Was ein „Brexit“ für die EU bedeutet

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Großbritannien profitiert von starkem Wachstum

Derweil scheint die britische Wirtschaft alles zu versuchen, um den Kontinentaleuropäern ihre Bedeutung zu versichern. Großbritannien wächst derzeit stärker als die übrigen G7-Länder und auch stärker als der EU-Durchschnitt, in diesem Jahr wird ein Plus von rund drei Prozent erwartet; der Internationale Währungsfonds prognostiziert für 2015 ein Wachstum von 2,7 Prozent nach 2,6 Prozent im Vorjahr. Viele neue Jobs wurden geschaffen, die Immobilien gewinnen wieder an Wert. Zugleich erkennen manche angesichts des Booms, wie verwundbar die mit dem Kontinent so stark verwobene Wirtschaft ist.

„Je nach Ausmaß der handelspolitischen Abschottung wäre das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Vereinigten Königreich im Jahr 2030 zwischen 0,6 und 3,0 Prozent geringer als bei einem Verbleib in der EU“, heißt es in einer der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegenden Studie der Bertelsmann-Stiftung. Im ungünstigsten Szenario verliere das Land sämtliche Privilegien, die sich aus den 38 existierenden Handelsabkommen der EU mit anderen Ländern ergeben. Aber auch in Deutschland „wäre das reale BIP je Einwohner wegen der nachlassenden Handelsaktivitäten im Jahr 2030 schätzungsweise zwischen 0,1 und 0,3 Prozent geringer als ohne einen Brexit“, so die Studie weiter.

Was die Briten an der EU stört
Mittelstand könnte beim Brexit-Referendum am 23. Juni den Ausschlag geben Quelle: dpa, Montage
Nationale IdentitätAls ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen. Quelle: dpa
Finanztransaktionssteuer und Co.Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze. Quelle: dpa
Regulierungen des ArbeitsmarktsGroßbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen. Quelle: dapd
EU-BürokratieDie Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen. Quelle: dpa
MedienDie britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister. Quelle: dpa

Denn es ist ziemlich unklar, wie ein Austritt der Briten ablaufen würde. Zunächst einmal gälte es, Artikel 50 im EU-Vertrag von Lissabon umzusetzen. Großbritannien wäre dann automatisch von den Abstimmungen in der EU ausgeschlossen, zweijährige Austrittsverhandlungen würden folgen. Am Ende könnte dann ein Austrittsvorschlag an die Briten stehen, ganz nach dem Motto: Friss oder stirb.

Es gibt auch optimistischere Szenarien. Ukip und euroskeptische Tories sind voller Zuversicht, ein austrittswilliges Vereinigtes Königreich werde ein Freihandelsabkommen mit der restlichen EU und damit einen unverändert freien Zugang zum Binnenmarkt aushandeln können, schließlich sei das angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtungen auch im Interesse der übrigen Europäer.

Die Brexit-Befürworter träumen von einer Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum – der European Economic Area (EEA) – oder von einem Modell nach dem Vorbild der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU. Dabei lassen sie außer Acht, dass auch für die Schweizer längst friss oder stirb gilt, wie die aktuellen Verhandlungen um eine eigenständige Auslegung der Freizügigkeitsregeln zeigen.

Großbritannien

Großbritannien wäre nach einem Brexit in keiner guten Position

Auch im Land sind die meisten Experten skeptisch. „Es gibt gute Gründe dafür, dass ein solches Freihandelsabkommen nicht erreicht wird“, sagt John Springford vom Centre for European Reform (CER). Denn nur sieben Prozent der EU-Ausfuhren haben das Vereinigte Königreich zum Ziel. Damit befände sich Großbritannien nach einem Brexit in einer schwachen Position. Die anderen europäischen Staaten würden darauf achten, dass ihnen keine Wettbewerbsnachteile entstehen.

Migration in Großbritannien

Als Gegenleistung für den Zugang zum Binnenmarkt dürften die übrigen EU-Länder von Großbritannien deshalb eine Reihe von Zugeständnissen verlangen: Dazu könnten weiterhin Beiträge zum europäischen Budget, die Einhaltung gewisser EU-Standards und die volle Freizügigkeit für Arbeitskräfte aus der EU gehören, meint der Experte.

Darauf könnte sich Großbritannien allerdings kaum einlassen, denn das Motiv für einen Austritt ist vor allem die Befreiung von den als bürokratisch empfundenen EU-Bestimmungen und die Begrenzung der Zuwanderung (siehe Grafik). Vor allem die Polen und andere Osteuropäer, die nach der EU-Osterweiterung 2004 ungehindert nach Großbritannien strömten, haben für die euroskeptische Stimmung der Briten gesorgt.

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