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Großbritannien Warum die Briten weiter mit AstraZeneca impfen – und was sie vom EU-Impfstopp halten

Während auf dem europäischen Festland AstraZeneca vorerst nicht mehr verimpft wird, impft der Gesundheitsdienst in Großbritannien ohne Unterbrechung weiter mit dem Corona-Impfstoff. Quelle: REUTERS

Während in vielen europäischen Ländern die Impfkampagne mit dem AstraZeneca-Impfstoff gestoppt wurde, geht es in Großbritannien weiter. Doch mit welcher Absicht?

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Die Berichte über den vorübergehenden Stopp der Impfkampagne mit dem AstraZeneca-Impfstoff in vielen europäischen Ländern haben in Großbritannien vor allem für eine Reaktion gesorgt: Verblüffung. Denn der betroffene Impfstoff wurde in Großbritannien seit seiner Eilzulassung Ende Dezember bereits elf Millionen mal verabreicht. Und das, ohne dass größere Zwischenfälle bekannt geworden wären.

Dabei nahm man die Berichte über häufiger auftretende und bisweilen tödliche Blutgerinnsel und Thrombosen in anderen Ländern in den vergangenen Tagen in Großbritannien durchaus ernst. Die britische Medikamentenzulassungsbehörde MHRA sah dennoch keinen Anlass, die Impfkampagne mit dem AstraZeneca-Impfstoff zu stoppen. Phil Bryan, der bei der Behörde für Impfstoffsicherheit zuständig ist, sagte dazu Anfang der Woche: „Wir prüfen die Berichte genau, aber die verfügbaren Hinweise deuten nicht darauf hin, dass der Impfstoff die Ursache ist.“ Die Zahl der aufgetreten Blutgerinnsel nach der Verabreichung eines Impfstoffs in Großbritannien sei nicht höher, „als die Zahl, die in der geimpften Bevölkerung auf natürliche Weise aufgetreten wäre“.

Paul Hunter, Medizinprofessor an der University of East Anglia, sagte dem Guardian, dass die Zahl der berichteten Fälle in Deutschland – etwa sieben von 1,6 Millionen Geimpften – zwar erhöht sei, aber nicht so stark, dass es sich nicht auch um natürliche Fälle handeln könnte. Dass eine höhere Zahl an ansonsten eher seltenen Erkrankungen aufgezeichnet worden sei, könne auch damit zusammenhängen, dass genauer auf deren Ursache geachtet werde, wenn diese kurz nach einer Impfung aufträten.

Großbritanniens Entscheidung, die Verabreichung des Impfstoffs nicht auszusetzen, sei richtig gewesen, fügte der Professor hinzu. „Ich denke, Großbritannien hat den Ansatz gewählt, der letztendlich zu weniger Todesfällen führen wird.“ Das Risiko für einen Mann in den Vierzigern, an Covid 19 zu sterben, liege etwa bei 1000 pro einer Million – also weitaus höher als die berichteten Komplikationen.

Was der Professor meint, wird deutlich, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich sich die Fallzahlen in Großbritannien und auf dem europäischen Festland entwickeln. Denn während diese in Ländern wie Deutschland derzeit wieder rasant ansteigen, sinken sie in Großbritannien seit einem Hoch im Januar kontinuierlich. Dazu dürfte die erfolgreiche britische Impfkampagne entscheidend beigetragen haben. Denn mit bereits rund 24,8 Millionen Geimpften haben in Großbritannien schon jetzt beinahe vier von zehn Erwachsenen mindestens eine Impfdosis erhalten. Allein am Dienstag wurde 386.685 Inselbewohnern eine Impfung verabreicht. Europa hinkt da Monate hinterher.

Schon in den kommenden Tagen und Wochen sollen die Corona-bedingten Beschränkungen daher zurückgefahren werden. Läuft alles nach Plan, soll das öffentliche Leben bereits im Juni wieder in weitgehend normalen Bahnen verlaufen.

Auch Premier Boris Johnson bemühte sich nach den Impfstopps, Zweifel an der Sicherheit des AstraZeneca-Impfstoffs zu zerstreuen. Die Zulassungsbehörde MHRA sei „einer der strengsten und erfahrensten Regulierer der Welt“, sagte Johnson. Die Regierung habe „großes Vertrauen“ in das Impfprogramm.

Johnsons Äußerungen wirkten aus guten Grund zurückhaltend. Seit dem kürzlichen Hickhack mit der EU, bei dem es noch um die Verteilung der Impfstoffe ging, formuliert die britische Regierung ihre Äußerungen in Richtung Europa betont vorsichtig.

Das sieht in Teilen der konservativen und rechtslastigen Presse des Landes ganz anders aus. Da wird (und auch nicht erst seit dem Brexit) jede noch so banale Meinungsverschiedenheit mit europäischen Nachbarn oder mit der EU beinahe reflexartig zu einem nationalen Schlagabtausch stilisiert. Die Ablehnung eines britischen Impfstoffs durch Behörden in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Staaten fiel zweifellos in diese Kategorie.



„Briten unbeeindruckt von der Angstmacherei europäischer Staaten gegen den AstraZeneca-Impfstoff“, befand etwa das Revolverblatt Daily Mail am Dienstag. Auf den waffenklirrenden Titel folgte jedoch eine wesentlich sachlichere Zusammenfassung von den Sichtweisen Dutzender Briten, die beteuerten, dass sie sich keine Sorgen wegen etwaiger Nebenwirkungen nach ihren Impfungen machten.

Am selben Tag schlug dasselbe Blatt einen beinahe triumphalen Ton ein, als es berichtete, Italien und Frankreich „knickten“ mit ihrer Ablehnung des AstraZeneca-Impfstoffs ein. Gemeint waren Äußerungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und des italienischen Regierungschefs Mario Draghi. Beide hatten erklärt, dass sie die Impfungen mit dem Impfstoff rasch wieder aufnehmen würden, wenn die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) grünes Licht gibt.

Im Daily Telegraph, der den regierenden Tories besonders nahe steht, klingt die Berichterstattung über den Impfstopp seit Tagen so, als fühle man sich persönlich angegriffen. Doch auch eine BBC-Reporterin fragte am Dienstag in einem Nachrichtensegment, wieso eigentlich in so vielen Staaten nur ein Stopp gegen den AstraZeneca-Impfstoff verhängt worden sei, wenn nach der Gabe anderer Impfstoffe ebenfalls in ähnlich vielen Fällen Blutgerinnsel und Thrombosen aufgetreten seien.

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Eine Autorin der weitaus nüchterneren Nachrichtenwebseite Politico kam ihrerseits zu dem Schluss, dass den Impfstopps in vielen europäischen Ländern tatsächlich etwas Politisches anhaftete. Denn die Länder, die diese Stopps verhängt haben, hätten sich damit nicht nur den Empfehlungen der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA widersetzt, die sich für eine Fortsetzung der Impfungen ausgesprochen habe. Auch die Gesundheitsminister diverser EU-Staaten hätten sich zunächst ausgetauscht, bevor sie beschlossen hätten, die Impfungen in ihren Ländern vorübergehend auszusetzen.

Auch, wenn die Impfstopps mit großer Sicherheit in erster Linie nicht politisch motiviert waren, zeigen die Reaktionen darauf doch, wie sehr das Thema mittlerweile zum Politikum geworden ist. So ist es nur wenige Wochen her, dass Brüssel im Impfstreit mit London, offenbar in einer Art Kurzschlussreaktion, mit der Einführung von Kontrollen an der inner-irischen Grenze gedroht hat – um kurz darauf zurückzurudern. Seitdem hängt das Thema Impfstoffe wie ein Damoklesschwert über den britisch-europäischen Beziehungen.

Kein Wunder, dass viele Briten auch hinter den aktuellen Impfstopps politische Absichten wittern.

Mehr zum Thema: Der plötzliche Stopp von AstraZeneca hat viele Ärzte überrascht. Impfarzt Pascal Nohl-Deryk über Sorgen, Enttäuschungen und mangelhafte Kommunikation durch Jens Spahn.

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