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Großbritannien Wie Boris Johnson meine Frau zur Lkw-Fahrerin machen wollte

Großbritannien sucht mit ungewöhnlichen Maßnahmen nach Lkw-Fahrern. Quelle: dpa

Um die massiven Versorgungsprobleme im Land zu überwinden, greift die Regierung zu immer exotischeren Maßnahmen. Eine davon: eine Million Briefe an mutmaßliche Lkw-Fahrer. Ob die das Problem lösen werden, ist allerdings fraglich.

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Meine Frau Caroline hat viele Talente. Einen 40 Tonnen-Lastzug durch England zu fahren, gehört jedoch nicht dazu. Das hat sich aber wohl nicht bis ins Verkehrsministerium in London herumgesprochen. Denn das hat meine Frau in einem Brief dazu ermutigt, genau das zu tun.

Sie habe sicher mitbekommen, dass der Lkw-Fahrermangel „seit einiger Zeit die Lieferketten im Vereinigten Königreich unter Druck setzt“, heißt es in dem unerwarteten Schreiben, das diese Woche in unserem Briefkasten lag. Die Regierung und der Logistiksektor arbeiteten „an einer Reihe von Lösungen“, um die Engpässe zu lindern. „Ihre wertvollen Talente und Erfahrungen waren noch nie so gefragt wie heute!“

Nach Hinweisen auf die sich angeblich ständig verbessernden Arbeitsbedingungen und die vielen Beschäftigungsmöglichkeiten für Lkw-Fahrer führt das Schreiben zwei Links auf Webseiten von Spediteursverbänden auf, über die man weitere Informationen einholen könne. „Wir freuen uns darauf, von Ihnen zu hören“, heißt es abschließend. Unterzeichnet ist das Schreiben mit „Baroness Vere of Norbiton, parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium“.

Korrespondent Sascha Zastiral und seine Frau haben Post vom britischen Verkehrsministerium bekommen. Quelle: Privat

Briefe wie dieser landen in diesen Tagen in hunderttausenden britischen Briefkästen. (Auch ich habe einen bekommen, aber der an meine Frau ist geringfügig lustiger.) Das Verkehrsministerium in London schreibt derzeit alle Führerscheinbesitzer an, die dazu befugt sind, Lkw irgendeiner Größe zu fahren. In britischen Medien ist die Rede von einer Million Schreiben. Da unter anderem die alte Führerschein-Klasse 3 aus Deutschland zum Fahren von Lkws bis zu 7,5 Tonnen berechtigt, sind offenbar auch zehntausende EU-Bürger, die in Großbritannien leben und arbeiten, ins Register der Lkw-Fahrer gerutscht, als sie ihre EU-Führerscheine in britische Fahrausweise umgetauscht haben.

Mit den Schreiben hat die Brexit-Regierung von Premier Boris Johnson nicht nur meine Frau und mich darum gebeten, uns „wieder“ ans Steuer eines Lkw zu setzen. Unter den Empfängern findet sich beispielsweise auch Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien und Mitglied im „Zukunftsteam“ von Armin Laschet.



Der Hintergrund des Schreibens sind die massiven Versorgungsengpässe, die Großbritannien seit Monaten in Atem halten. Bereits seit dem Sommer bleiben in vielen Supermärkten im gesamten Land immer wieder Regale leer, weil Waren nicht geliefert werden konnten. Unternehmen klagen über Probleme in den Lieferketten. Besonders oft fehlt es an Obst und Gemüse, Brot und Frischfleisch. In den vergangenen Tagen hat sich das Problem dramatisch verschärft: Denn jetzt wird überall im Land der Sprit knapp. Das hat zu einem panikartigen Ansturm auf die Tankstellen geführt, wie man ihn seit der Klopapierkrise im vergangenen Jahr nicht mehr gesehen hat. Immer wieder kommt es dabei zu Schlägereien zwischen genervten Wartenden. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.

Denn im gesamten Land fehlen laut Schätzungen 100.000 Lkw-Fahrer. Damit steht Großbritannien nicht allein da – in ganz Europa gibt es derzeit nicht genug Lkw-Fahrer. Doch der Brexit verschärft das Problem. Seit Anfang des Jahres gilt in Großbritannien ein verschärftes Einwanderungsregime. Britische Spediteure können nicht mehr versuchen, Lücken zu schließen, indem sie Fahrer aus EU-Ländern anwerben.

Bereits im August wies der Spediteursverband Road Haulage Association (RHA) darauf hin, dass der Brexit zu dem Problem wesentlich beiträgt. Schließlich seien „viele Fahrer aus der EU aus offensichtlichen Brexit-bezogenen Gründen nach Hause gegangen“, schrieb der Verband in einer Erklärung.

Das Magazin New Statesman rechnete anhand von Zahlen der Statistikbehörde ONS vor, dass die Abwanderung von Lkw-Fahrern sehr wohl ein zentrale Ursache für den aktuellen Fahrermangel und die Versorgungsengpässe ist: Demnach ist die Zahl der EU-Fahrer in Großbritannien zwischen März 2020 und 2021 um 37 Prozent gefallen. Die Zahl der Fahrer, die einen britischen Pass besitzen, sank in diesem Zeitraum nur um fünf Prozent. Offenbar sind zahlreiche Fahrer aus EU-Ländern wegen der Pandemie in ihre Länder zurückgekehrt. Dass sie nun nicht mehr zurückkommen, dürfte vor allem am EU-Austritt liegen.

Die Regierung und führende Brexit-Hardliner bei den Tories versuchen unterdessen immer wieder, die Aufmerksamkeit vom Brexit wegzulenken. So wie Simon Clarke, Unterminister im Schatzamt. Der war am Donnerstagmorgen für die allmorgendliche Medienrunde der Regierung zuständig.

Die Versorgungsprobleme gebe es nicht „einzig in diesem Land“, sagte er in einem Radiointerview. In Europa fehlten 400.000 Lkw-Fahrer. „Das ist ein Problem der Arbeitskräftedemografie, und schlimmer geworden wegen der Covid-Beschränkungen.“ Aber der EU-Austritt habe das Problem verschärft, warf der Moderator ein. Nein, das habe er nicht, entgegnete der Minister. „Die Vorstellung, dass es hier um den Brexit geht, ist der Versuch, uns zu einer ziemlich negativen Konversation zurückzuführen.“



Der Minister erntete für seinen Kommentar reichlich Kritik. Etwa von Gavin Barwell, unter Theresa May Stabschef in der Downing Street. Er sitzt heute für die Tories im Oberhaus des Parlaments. Man könne nicht gleichzeitig argumentieren, schrieb Barwell auf Twitter, dass der Brexit wegen des eingeschränkten Zugangs zu Arbeitskräften aus der EU zu Lohnerhöhungen für britische Arbeiter führen werde, „und gleichzeitig behaupten, der derzeitige Arbeitskräftemangel habe nichts mit der Einschränkung des Zugangs zu EU-Arbeitskräften zu tun“. Tue man das trotzdem, mache man sich „lächerlich“.

Barwell bezog sich mit seiner Äußerung auch auf das jüngste Argument der Regierung, wonach der Brexit britischen Lkw-Fahrern helfe, da diese jetzt höhere Löhne verlangen könnten. Premier Boris Johnson hat dieses Argument kürzlich wiederholt vorgebracht.

Da das Thema Einwanderung gerade unter Brexit-Unterstützern so enorm politisch aufgeladen ist, hat die Regierung lange alle Aufrufe vonseiten der Wirtschaft ignoriert, die Einreisebestimmungen für Arbeiter aus der EU zumindest vorübergehend zu vereinfachen. Bis vor wenigen Tagen: Da kündigte London an, dass Lkw-Fahrer aus EU-Staaten ab sofort Visa für das Vereinigte Königreich beantragen könnten. Deren Zahl werde allerdings auf 5000 begrenzt. Und die Visa würden nur bis Weihnachten gelten. Die Reaktionen auf dieses Angebot fielen so aus, wie man es erwarten würde: Spediteursverbände bezeichneten den Vorstoß als unzureichend. Lkw-Fahrer und Verbände in der EU wiesen das Angebot teilweise gar als „beleidigend“ zurück.

Seitdem werden die Vorschläge vonseiten der Regierung für eine Lösung des Problems immer exotischer. Vor wenigen Tagen war noch die Rede davon, Soldaten dazu abzukommandieren, um Tanklaster zu Tankstellen im ganzen Land zu fahren. Ex-Außenminister Dominic Raab, der offenbar kürzlich zum Justizminister degradiert wurde, weil er trotz des drohenden Falls von Kabul nicht aus dem Urlaub zurückkehren wollte, schlug dagegen vor, offene Lkw-Fahrerstellen Strafgefangenen und Asylbewerbern anzubieten.

Die eine Million Schreiben an alle Besitzer von Lkw-Führerscheinen haben zwischenzeitlich auch für Empörung gesorgt. Denn die wahllos versandt wirkenden Schreiben sind offenbar auch bei zahlreichen Fahrern von Krankenwagen gelandet. Das führte zu dem Vorwurf, dass es die Regierung offenbar in Kauf nehme, bei den Rettungsdiensten für Engpässe zu sorgen, um die derzeitigen Liefer-Engpässe zu überwinden.

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Und die Hiobsbotschaften für die Regierung in London reißen nicht ab. „Stell Dir mich in einem Tanklaster auf der falschen Straßenseite vor“, schreibt meine Frau, die gerade beruflich (ohne Lkw) im Ausland unterwegs ist, als ich Ihr ein Foto des Briefes zuschicke.

Schlechte Nachrichten, Herr Johnson. Meine Frau wird Ihnen wohl nicht dabei helfen, die Versorgungsengpässe zu überwinden.

Mehr zum Thema: Die „Sevington Inlands-Grenzanlage“ soll kilometerlange Lkw-Staus an der britischen Grenze verhindern. Satellitenbilder zeigen jedoch, dass der Platz bisher kaum genutzt wird. Haben sich die Planer bei den Dimensionen hoffnungslos verschätzt? Was dahintersteckt und welche Rolle der Lkw-Fahrermangel spielt.

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