Hans-Werner Sinn "Griechen-Hilfen machen Euro-Zone unattraktiv"

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Die Euro-Zone ist mit den Beschlüssen für ein drittes griechisches Hilfspaket nach Einschätzung von ifo-Präsident Hans-Werner Sinn so unattraktiv geworden, dass ein Eintritt Polens und Tschechiens unwahrscheinlich ist.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn Quelle: dpa

„Die getroffenen Entscheidungen legen nun ein für allemal klar, dass sich die Euro-Zone zu einer Transferunion entwickeln wird, in der die nördlichen Länder die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Länder durch Abtretung eines Teils ihrer Einkommen kompensieren“, schreibt Sinn in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche.

Das habe erhebliche Folgen für die weitere Entwicklung der Euro-Zone. „Polen und Tschechien werden nun vorerst ganz bestimmt nicht mehr beitreten“, so Sinn. Auch die Briten sieht Sinn nicht mehr im Boot. „Großbritannien wird sich vielleicht ganz abwenden.“

Darüber hinaus wirft Sinn Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, sich nicht genügend gegen Frankreichs Präsidenten François Hollande gewehrt zu haben. Nach der Einigung von Brüssel „fielen sich François Hollande und Alexis Tsipras in die Arme, während Angela Merkel als der begossene Pudel dastand“, schreibt Sinn. „Wenn sie nicht den Bruch mit Frankreich riskieren wollte, musste Angela Merkel nachgeben.“ Jetzt stehe Europa vor einem Graben. „Frankreichs Europamodell wurde gestärkt, und der Graben, den der Euro durch Mitteleuropa zieht, wurde vertieft. Aber das stört François Hollande nicht“, konstatiert Sinn.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Griechenland ist gut davon gekommen

Auf wenig Verständnis stößt bei Sinn die Kritik in Griechenland am neuen Rettungspaket der Euro-Zone. Griechenland sei deutlich besser weggekommen als noch zum Zeitpunkt des Referendums. „Statt der 53 Milliarden Euro, von denen noch beim Referendum die Rede war, kann er nun 86 Milliarden Euro nach Hause bringen, immerhin ein halbes Bruttoinlandsprodukt“, schreibt Sinn in der WirtschaftsWoche über Tsipras. „Auch wenn von dem Geld circa 50 Milliarden Euro für die Rückzahlung von Schulden beim IWF und der EZB gedacht sind, bleiben ihm 36 Milliarden Euro für sein Budget und die Wiederauffüllung der Konten, die die Griechen bei ihren bankrotten Banken unterhalten.“

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Das seien erhebliche Finanzmittel. Umrechnet sei das „immerhin die Summe von 3200 Euro pro Staatsbürger“, unterstreicht Sinn. „Das sind weitere zehn Prozent zu dem, was bislang schon an öffentlichen Krediten geflossen war.“ Laut Sinn erreichten die Hilfen bislang eine Summe von 30.100 Euro pro Bürger. Die weiteren 3200 Euro seien „ein ordentlicher Zuschlag, mit dem man die nächsten drei Jahre bequem über die Runden kommt“.

Dennoch bleibt Sinn bei seiner Haltung, dass ein Grexit dem Land am besten bekommen würde. „Mit Löhnen von knapp 15 Euro pro Stunde liegt das Land beim Drei- bis Fünffachen der Löhne der Nachbarländer Rumänien, Bulgarien und Türkei.“

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