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Herfried Münkler "Wir sind die Gegenstimme des Leichtsinns"

Seite 5/6

Furcht und Bewunderung

Reichstag und die Flagge der EU Quelle: dapd

Ist Deutschland eine europäische Großmacht wider Willen?

Früher absichtsvoll und militärisch – heute absichtslos und ökonomisch.

Mercedesstern statt Eisernes Kreuz?

Ja, offenbar sind wir Deutschen, was den Auto- und Maschinenbau, vermutlich auch die Chemieindustrie anbetrifft, besonders tüchtig. Das tut andern weh – genauso wie es uns weh tut, nicht das ganze Jahr unter südlicher Sonne verbringen zu können. Wir gehen in grauen und nebligen Gefilden Tag und Nacht unserer Arbeit nach. Es sollte aber auch zum Borussischen gehören, daraus keinen großes Thema zu machen.

Was bedeutet es für den deutschen Politikstil, dass Europa wieder mit einer Mischung aus Furcht und Bewunderung auf Berlin blickt?

Die deutsche Politik muss vor allem klug sein, damit Bewunderung und Furcht nicht in Neid und Hass umschlagen. Das hat man jetzt gelegentlich in Griechenland beobachten können, als wieder die Geschichte mit dem Hakenkreuz ausgepackt wurde. Irgendwie scheinen da einige Grundtatsachen verrutscht zu sein: Wir stehen für die Schulden anderer gerade – und bekommen dafür die Symbole unserer Schande gezeigt.

Und – was lernen wir daraus?

Erstens, dass die deutsche Politik besonders verletzbar ist. Zweitens, dass unsere Verletzlichkeit denjenigen, die die politische und wirtschaftliche Macht der Bundesrepublik zügeln wollen, Möglichkeiten eröffnet, mit den Instrumenten von shaming und blaming zu arbeiten. Und drittens, dass wir zu politischer Umsicht verdammt sind. Wir sind gezwungen, auf Katzenpfoten Politik zu machen. Das ist gut so. Aber das muss man auch lernen.

Lernen, auf gleichsam unpreußische Weise preußische Politik zu machen?

Genau. Deutschland muss das Kunststück vollbringen, sein Preußentum als nicht preußisch zu camouflieren, um es zur Wirkung zu bringen.

Insofern ist das preußische Erbe…

...ein schwieriges, ja: ein gefährliches Erbe. Wir können mit diesem Erbe nicht wuchern. Die Deutschen können nicht auf Preußen zeigen und sagen: Wir wollen jetzt wieder so sein. Wir müssen behutsam umgehen mit dem preußischen Erbe – den einen Teil zurücknehmen und den anderen vorsichtig akzentuieren. Es kann daher nicht schaden, wenn wir uns Preußen nicht nur über Friedrich den Großen, sondern auch über Immanuel Kant nähern.

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