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Historiker Heinz A. Richter "Der Kapitalfehler war, die Griechen in den Euro zu lassen"

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"Der Kapitalfehler war, die Griechen in die Eurozone reinzulassen"

In Deutschland haben vermutlich viele Beobachter den Eindruck, dass Griechenland ein Fass ohne Boden sei. Wenn man Ihre Forschungsergebnisse über die neuere griechische Geschichte kennt, könnte man sich in diesem Eindruck bestätigt sehen.

Das stimmt. Der Kapitalfehler war, die Griechen in die Eurozone reinzulassen. Ohne den Euro wäre die Katastrophe ein paar Zehnerpotenzen kleiner. Wenn ich mit griechischen Geschäftsleuten diskutiere, stimmen die mir zu.

Gab es vor der Einführung der Währungsunion in Griechenland warnende Stimmen?

Dass man in die Eurozone wollte, wurde in der oligarchischen Herrschaftsclique beschlossen. Die griechischen Bürger wurden nicht gefragt. Demokratische Prozesse sind in Griechenland ziemlich unüblich.

Die letzten Parlamentswahlen haben aber doch einiges bewegt. Die alten Parteien verschwanden fast in der Bedeutungslosigkeit, neue Parteien, vor allem die linke Syriza des aktuellen Ministerpräsidenten kamen hoch. 

In Griechenland stimmt man bei Wahlen nicht wie in Westeuropa für eine Partei. Sondern man stimmt gegen die Partei, die in der Vergangenheit nicht das geliefert hat, was man erwartete. Tsipras zu wählen, war ein verzweifelter Versuch, aus der Misere herauszukommen. Die Vorgängerregierung unter Papandreou hat halbwegs vernünftig agiert, indem sie versuchte, eine Volksabstimmung durchzusetzen. Er wollte das Volk hinter sich bringen, sozusagen als Gesamtklientel.

Die Europäer erscheinen gegenüber Griechenland immer wie ein Schulmeister, der die Griechen zu einer neuen Finanzpolitik erziehen will. Geht das?

Auf Griechisch würde ich sagen: Apokliete – es geht nicht. 1897 waren die Griechen so pleite wie heute. Sie wurden unter Finanzaufsicht der Schuldnerstaaten gestellt. In ganz Griechenland saßen Finanzkontrolleure aus europäischen Staaten. Und plötzlich war Geld in der Kasse. Ich höre auch aus Griechenland den Ruf: Nehmt uns unter Kontrolle. Vernünftige Griechen wissen, dass es ohne Kontrolle einfach so weitergehen wird.

Die Aufnahme Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft 1981 hatte zum Ziel, das Land ebenso wie Portugal und Spanien an europäische Verhältnisse heranzuführen und nach dem Ende der autoritären Regime zu stabilisieren und zu demokratisieren. Das scheint, wenn man ihre Diagnose hört, in Griechenland gescheitert zu sein.

Der europäische Süden besteht aus zwei Teilen. Die südwesteuropäischen Länder Portugal, Spanien, Italien ähneln mitteleuropäischen Gesellschaften - mit gewissen Eigenheiten. Europa ist von Portugal bis Polen im Grunde relativ homogen, zumindest von außen betrachtet. Aber Südosteuropa, also der gesamte ehemals zum Osmanischen Reich gehörende Balkan, ist anders. Diese Völker waren dreihundert Jahre lang von Europa abgekoppelt durch die osmanische Herrschaft. Alle geistigen Bewegungen Europas – Reformation, Gegenreformation, Aufklärung – haben dort nicht stattgefunden. Diese Länder sind allesamt klientelistisch organisiert. Ich habe neulich einer Journalistin aus Mazedonien ein langes Interview gegeben und ihr Griechenland erklärt. Sie sagte am Schluss: Das verstehe ich gut, denn das ist genau wie bei uns. Aber in Brüssel und Berlin versteht man es nicht.

Wenn Sie den Rettern in Brüssel oder Berlin etwas zu raten hätten…

Es läuft letztlich darauf hinaus, dass die Europäer Griechenlands Schulden bezahlen müssen. Und diese nehmen von Monat zu Monat zu. Die einzige vernünftige Lösung wäre: Als Gegenleistung für die Schuldenübernahme durch die Europäer verlassen die Griechen freiwillig den Euro und kehren zur Drachme zurück. Dann haben sie die Chance, den Tourismus auf Touren zu bringen, weil Urlaub in Griechenland sehr preisgünstig würde. Dies könnte vielleicht die Lösung sein.

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