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Historiker Heinz A. Richter "Der Kapitalfehler war, die Griechen in den Euro zu lassen"

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"In Griechenland ist man gewohnt, finanziert zu werden"

Was Sie sagen, lässt an afrikanische Verhältnisse denken.

Nicht ganz. Außerdem gibt einen zweiten griechischen Staat, und der ist nicht klientelistisch: nämlich Zypern.

Woher kommt der Unterschied?

Die britische Herrschaft von 1878 bis 1960 hat aus Zypern, das vorher genauso zum Osmanischen Reich gehörte wie Griechenland selbst, einen westeuropäischen Staat gemacht.

Aber Zypern war doch bis vor kurzem bekanntlich auch völlig überschuldet.

Weil man den Griechen zu viel Geld geliehen hatte. Und ein griechischer Bankier die Laiki Trapeza, die Volksbank, geplündert hatte. Aber die Zyprioten hielten sich an die Vorgaben der Troika und sind jetzt wieder auf dem aufsteigenden Ast. In ein paar Monaten werden sie voraussichtlich wieder Nettozahler in der EU sein. Bei Griechenland ist das ausgeschlossen. Dort ist man gewohnt, finanziert zu werden.

Athens Reparationsforderungen an Deutschland

Gibt es innerhalb Griechenlands eine Selbstkritik am Klientelismus?

Wenn ich mit Griechen rede, stimmen mir alle zu – bis auf die direkten Nutznießer des Systems.

Die Weltgeschichte zeigt, dass kollektive Großereignisse manchmal Lernprozesse auslösen und ganze Gesellschaften grundlegend verändern. Gab es nie so eine Gelegenheit für Griechenland, vom Klientelismus loszukommen?

Doch, die gab es. Im Zweiten Weltkrieg während der deutsch-italienischen Besatzung entstand eine breite Widerstandsbewegung, die EAM, die nichts zu verteilen hatte. Die haben leidenschaftlich für eine Republik europäischer Art gekämpft. Aber der britische Premier Winston Churchill wollte die Monarchie und das Vorkriegsregime restaurieren, um seine eigene Mittelmeerpolitik abzusichern.  Die britische Armee griff im Dezember 1944 ein und installierte mit Gewalt das gewünschte Regime wieder.  Nach außen hin war die Rede von einem kommunistischen Aufstand.

Ministerpräsident  Tsipras fordert von Deutschland Reparationszahlungen für die Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 270 Milliarden Euro. Wie ist diese Forderung zu beurteilen?

Es geht um zwei Dinge: Reparationen und die so genannte Besatzungsanleihe. Was die Reparationen angeht: Nur zwei Staaten in Europa haben von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Reparationen erhalten, nämlich Jugoslawien und Griechenland. 1948 bis 1950 bekam Griechenland wie andere alliierte Länder Demontagegüter zugeteilt, also Anteile an deutschen Fabriken. Die Griechen bekamen 30.000 Tonnen. Das war kein Schrott, sondern das waren funktionsfähige Maschinen, Drehbänke, Fräsmaschinen. Güter in einem Wert von 120 Millionen D-Mark von 1950 wurden zum Hamburger Hafen gebracht. 1950 hat ein englisches Schiff 10.000 Tonnen geladen. Aber es fand nie den Hafen von Piräus. Der Rest war nach zwei Jahren verrostet und wurde in England verschrottet. Der Erlös kam nie in Griechenland an.

Wo genau kamen die Maschinen und das Geld denn an?

Das wissen bis heute nur die Götter. Das Geld wurde jedenfalls komplett unterschlagen. Das kann man in einem Spiegel-Artikel nachlesen.  

Und dabei blieb es?

Nein. 1952 hatte das Londoner Schuldenabkommen festgestellt, dass man erst nach einer deutschen Wiedervereinigung über Wiedergutmachung verhandeln werde – also niemals. Adenauer hatte den Amerikanern klargemacht: Uns geht es langsam besser, aber wir können nur entweder Reparationen zahlen oder eine neue Armee aufstellen. Die Amerikaner bewirkten daraufhin, dass die Westeuropäer auf Reparationen verzichteten. Aber dann schien sich eine Annäherung zwischen Chruschtschows Sowjetunion und Titos Jugoslawien abzuzeichnen. Die Amerikaner waren alarmiert und machten Druck auf die Bundesrepublik: Zahlt Tito Reparationen, damit er neutral bleibt. Bonn hat 300 Millionen Mark gezahlt, getarnt als Investitionskredit auf 99 Jahre. Die Griechen bekamen das mit und stellten eigene Forderungen. Bonn wollte erst nicht hören.

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