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Historiker Jörn Leonhard "Geschichte wiederholt sich nicht"

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard äußert sich über seine Ursachen und Folgen - und über Sinn und Unsinn historischer Vergleiche.

Die zehn größten politischen Risiken
Unruhen in der TürkeiDie Türkei ist verletzlich. Proteste, Korruption und der Bürgerkrieg im Nachbarstaat Syrien destabilisieren das Land unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der wehrt sich nach Kräften gegen die Opposition - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partei. Erdogan schreckt auch nicht davor zurück, die Bürgerrechte einzuschränken. Zuletzt sperrte er den Kurznachrichtendienst Twitter. Quelle: Der Politologe Ian Bremmer hat die zehn größten Gefahren für das aktuelle Jahr zusammengestellt. Quelle: REUTERS
Wladimir PutinRusslands Präsident Wladimir Putin ist der mächtigste Herrscher der Welt in einem der wichtigsten Länder der Welt. Doch die russische Wirtschaft stagniert. Das geht zulasten seiner Popularität - und macht Putin noch unberechenbarer. In der Ukraine-Krise lässt er seine Muskeln spiegeln. Erst annektierte er die Krim, nun greift er nach der Ostukraine. Putin droht einen Flächenbrand zu entfachen. Quelle: AP
Unruhen im Nahen OstenSeit dem arabischen Frühling haben sich die Unruhen im Nahen Osten ausgebreitet. Nach Ägypten und Syrien droht jetzt auch der Irak in blutige Auseinandersetzungen abzurutschen. Der Einfluss des Nachbars Iran wächst - sehr zum Ärger des regionalen Rivalen Saudi Arabien. Dazu kommen die Unsicherheit über die Rolle der USA in der Region, Irans Nuklearprogramm und die Situationen in Ägypten und Tunesien. Quelle: AP
Wiedersehen mit neuem FokusZuerst die gute Nachricht: Die USA sind sicherer vor Angriffen der Terror-Organisation Al Kaida geworden. das heißt jedoch nicht, dass die sunnitischen Extremisten von der Bildfläche verschwunden sind. Im Gegenteil. Die Organisation, zu der auch Osama bin Laden gehörte, profitiert von den Unruhen in der arabischen Welt. Die verhassten, westlichen Staaten haben großes Interesse an Stabilität in der Region. Genau an diesem Punkt sind sie verletzlich. Quelle: REUTERS
Kampf um die InternetvorherrschaftFrüher galt das Internet als weitgehend neutrale Zone, das von den Usern maßgeblich mitgestaltet wurde. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist klar, wie stark sich Staaten in die Internetfreiheit einmischen. Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Für Unternehmer ist das eine schlechte Nachricht. Denn Cyber-Sicherheit wird immer teuerer. Quelle: AP
Ölstaaten unter DruckSteigende Förderkapazitäten, erhöhter Preisdruck und harter Wettbewerb: Für Ölproduzenten wie Russland, Nigeria, Venezuela und Saudi Arabien wird 2014 ein schwieriges Jahr. Deren Volkswirtschaften dürften das zu spüren bekommen - und wie im Falle Russlands auch politischen Druck ausüben. Quelle: dpa
Gratwanderung in Iran2013 hat sich die Situation zwischen Iran und den USA entspannt. Die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran greifen und der Erfolg bei der Präsidentenwahl des als moderat geltenden Hassan Rouhani wurde vom Westen als positives Signal gewertet. Doch die Annäherung findet auf schmalem Grat statt. Erst die diesjährigen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm werden zeigen, ob Stabilität und nukleare Sicherheit in der Region möglich sind. Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Leonhard, Bundespräsident Joachim Gauck hat mit Blick auf die russische Ukraine-Politik gesagt, er beobachte Denk- und Verhaltensmuster, "die wir auf unserem Kontinent für längst überwunden gehalten haben". Was meint er damit? 

Jörn Leonhard: Ich glaube, dass Gauck das nationale Denken des 19. und 20. Jahrhunderts meint. Der Bundespräsident argumentiert damit aus einem sehr deutschen Blickwinkel. Weil die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Katastrophengeschichte von Nationalismus und Nationalstaat gewesen ist, kann das heutige Deutschland für ihn nur der Motor für ein Europa sein, das die Kategorien des Nationalstaats hinter sich lässt.

Die aktuellen Bücher zum Ersten Weltkrieg

Ist es nicht vermessen, wenn der Bundespräsident glaubt, Deutschland könne in Europa die Rolle einer postnationalen Avantgarde spielen?  

Die Deutschen haben aufgrund ihrer beschränkten und geteilten Souveränität nach 1949 einen viel größeren Abstand zu nationalen Deutungsmustern entwickelt als es in Frankreich, Großbritannien, Polen oder Russland der Fall war. Entsprechend selbstverständlich ist es für viele deutsche Politiker, vor allem Europa als ein Ensemble "postnationaler Nationalstaaten" zu begreifen. Manchmal unterschätzt das aber die anhaltende Bedeutung des Nationalen auch in der Gegenwart. Wir sprechen von Europa, aber wir tun es häufig in den Kategorien des Nationalstaats. Diese Ungleichzeitigkeit kann man im Osten Europas besonders gut erkennen: Für die baltischen Staaten war es besonders schwer, ausgerechnet in dem Augenblick, als sie 1989/1991 ihre nationalstaatliche Freiheit zurückbekamen, Souveränität nach Brüssel abzutreten. Anders gesagt: Der europäische Nationalstaat verändert sein Gesicht, weil er sich einerseits in den transnationalen Institutionen der Europäischen Union auflöst. Aber er bleibt andererseits, für viele Staaten und Menschen, ein entscheidender Bezugspunkt, zumal in der historischen Erinnerung. 

Zur Person

Zeigt nicht das gemeinsame Erinnern an den Ersten Weltkrieg, dass wir im Sinne von Gauck transnationaler denken als früher? 

Das mag auf den ersten Blick so wirken. Aber ich finde, dass das Gedenken an den Ersten Weltkrieg keinesfalls in einer Art von gemeinsamer europäischer Gedenkkultur aufgeht. Stattdessen gibt es eine Fülle national imprägnierter Gedächtnisse. In Deutschland steht das Thema Kriegsschuld im Mittelpunkt des Gedenkens. In Frankreich erinnert man sich der Opfer, der einfachen Soldaten, der Frauen und Kinder an der Heimatfront - und der Dritten Republik, die sich im Krieg behauptete und damit bewies, dass auch eine Demokratie einen langen Krieg bestehen konnte. In Großbritannien fragt man sich, ob der Erste Weltkrieg der Anfang vom Ende des Empire und insofern der falsche Krieg des 20. Jahrhunderts war. In Belgien schließlich geht es vor allem um die Gewaltverbrechen der deutschen Besatzer an der Zivilbevölkerung. Es ist wichtig, diese nationalen Unterschiede zu verstehen und sie auszuhalten, bevor man über europäisches Gedenken spricht. Wir dürfen nicht mit artifiziellen europäischen Floskeln so tun, als gäbe es keine nationalen Gedächtnisse mehr. 

Sie halten nichts von offiziellen Gedenkterminen - und glauben nicht, dass sie verbindliche Bilder produzieren? 

Ich möchte vor allem daran erinnern, dass das Spektrum von Erinnerungen sehr breit ist. Symbolische Gesten prägen unsere Bildgedächtnisse, aber darin gehen Erinnerungen nicht auf. Gauck und der französische Staatspräsident Francois Hollande werden Anfang August wie 1962 im Vorfeld der Elyssée-Verträge Adenauer und de Gaulle in Reims sowie 1984 Kohl und Mitterand in Verdun eindrucksvolle Bilder eines gemeinsamen deutsch-französischen Gedenkens vermitteln. Aber es gibt auch andere, spezifisch national bestimmte Gedenkmomente, etwas wenn man in Frankreich im September an den Ausgang der für sie erfolgreichen Marne-Schlacht erinnern wird. Es gibt traumatische Momente, die so sensitiv sind, dass man sich ihrer nicht von vornherein gemeinsam erinnern kann. Man muss diese Unterschiede begreifen und aushalten.

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