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Historiker Ronald G. Asch über den Brexit "Die Briten beanspruchen eine Sonderrolle"

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Die britische Deutung der Weltkriege

Kann man die britische Distanz zur Europäischen Union durch bestimmte dominante historische Ereignisse erklären?

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und vor allem, wie sie gedeutet wird, ist wichtig. Als die EWG gegründet wurde, war sie in gewisser Weise eine Gemeinschaft der Verlierer. Deutschland war ohnehin Verlierer ja anfangs ein Paria. Aber auch Frankreich stand nur formal auf der Siegerseite, war im Krieg besiegt und besetzt worden, Italien hatte ursprünglich auf deutscher Seite gestanden. Die englische Erfahrung dagegen war: Wir haben alleine – zumindest 1940-41 –Hitler in die Schranken verwiesen. Die ganz andere Deutung der traumatischen Zeiten Europas im Ersten und Zweiten Weltkrieg unterscheidet Großbritannien von den meisten anderen Ländern. 

Alle Länder haben unterschiedliche Erwartungen an die EU. Viele Deutsche würden ihre nationale Identität am liebsten in einer europäischen aufgehen lassen.

Dieses Gefühl ist in England natürlich besonders schwach ausgeprägt. Das gab es vor der Eurokrise vielleicht noch in Italien, weil man mit dem eigenen Staat sehr unzufrieden war. In Deutschland war und ist diese Haltung allerdings auch ambivalent: Denn dazu gehörte immer die Hoffnung oder Erwartung, dass Europa ein großes Deutschland werden würde. Wir sind eines der wenigen föderal verfassten Mitgliedsländer mit einem starken, ausgleichenden Verfassungsgericht, das ein Modell für die EU sein könnte. Die Deutschen stellten sich die EU vor allem als Rechtsgemeinschaft vor. Für die Franzosen und andere war das nicht der Fall, wie sich dann beim sorglosen Umgang mit den Maastricht-Verträgen in der Euro-Krise zeigte.

Die schwierige Beziehung der Briten zu Europa

Winston Churchill forderte 1946 in seiner berühmten Züricher Rede zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa auf. Großbritannien solle aber nur deren „Freund“ und Beschützer sein, nicht Mitglied. Es habe schließlich das Commonwealth. Welche Rolle spielen das Commonwealth als Erbe des Empire und die englischsprachigen Staaten außerhalb Europas für die heutige Distanz der Briten zu Kontinentaleuropa?

Ich glaube, beim durchschnittlichen Briten ist dieser Bezug nicht mehr so wichtig. Es gibt Empire-Nostalgiker bei den Konservativen. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt für die Brexit-Befürworter. Außer bei Briten, deren Familien aus Indien, Pakistan und anderen früheren Kolonien stammen. Es gibt eine nicht geringe Zahl konservativer Politiker mit Migrationshintergrund, die scharfe Kritiker der EU sind. Eine der Führerinnen der Kampagne ist die Arbeitsministerin Priti Patel. Sie beschwert sich, dass ein illiterater Osteuropäer jederzeit einwandern könne, aber ein hochqualifizierter Inder nicht. Diese Leuten empfinden die Bindung zu den alten Heimatländern, die zum Commonwealth gehörten, als mindestens ebenso wichtig, wie die zu Europa. Sie fürchten, dass diese Verbindungen abgeschnitten werden, wenn man sich auf einen europäischen Staat einlässt.

Was die Briten an der EU stört
Nationale IdentitätAls ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen. Quelle: dpa
Finanztransaktionssteuer und Co.Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze. Quelle: dpa
Regulierungen des ArbeitsmarktsGroßbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen. Quelle: dapd
EU-BürokratieDie Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen. Quelle: dpa
MedienDie britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister. Quelle: dpa

Was ist das entscheidende Motiv der Brexit-Befürworter?

Entscheidend ist das Bestehen auf der Parlamentssouveränität. Es geht um Demokratie, um Selbstbestimmung, es geht um die Identität der Nation. Viele Briten fürchten, dass in Brüssel Mechanismen am Werk sind, die darauf hinauslaufen, die Nationalstaaten aufzuheben. Möglicherweise ist das berechtigt.

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