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Hoffnung auf bessere Zeiten Spanien ruft zur Aufholjagd

Das krisengeplagte Euro-Land startet hoffnungsfroh ins neue Jahr. Raus aus der Bankenaufsicht, steht die viertgrößte Volkswirtschaft der EU wieder auf eigenen Beinen – wenn auch auf wackeligen.

Quelle: dpa

Wer in den ersten Januarwochen über die Einkaufsstraßen von Madrid bummelt, merkt schnell: Hochstimmung herrscht noch keine - aber Erleichterung. Erleichterung über ein gutes Jahr 2014, in dem die spanische Volkswirtschaft die Rezession endgültig hinter sich gelassen hat. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Spaniens Regierung hat die Ausgaben gekürzt, zahlreiche Staatsbedienstete entlassen und trotz Widerstands der Gewerkschaften den Arbeitsmarkt reformiert.

Doch statt Pessimismus und Unsicherheit macht sich langsam wieder Optimismus breit. Zurecht: 2014 hat Spanien das höchste Wachstumstempo aller Länder im Westen des europäischen Kontinents hingelegt. Bereits im Januar durfte das Mittelmeerland den Rettungsschirm verlassen.

Europas Baustellen
Arbeitslose stehen vor einem Jobcenter in Madrid Schlange Quelle: dpa
Seit dem 01.01.2014 sind die letzten Jobschranken für Rumänen und Bulgaren gefallen. Quelle: dpa
Die Flagge der Europäischen Union weht im Wind. Quelle: dpa
Verhandlungsführer des Transatlantischen Freihandels- und Investitionsabkommens (TTIP) Ignacio Bercero und Dan Mullane. Quelle: REUTERS
Die große Euro-Skulptur steht in Frankfurt am Main vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Quelle: dpa
Hetze gegen die EUIm Europa-Parlament machen Antieuropäer wie Marie Le Pen, Chefin der rechtsextremen Front National in Frankreich und Rechtspopulist Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei PVV Stimmung gegen das sogenannte "Monster Brüssel". Als Bündnispartner ziehen sie gemeinsam in die Europawahl, um ihre Rolle zu stärken. Was derzeit noch eine Randerscheinung ist, könnte mit ihrer europafeindlichen Rhetorik bis Mai 2014 aber schon viele Wähler aus der bürgerlichen Mitte auf ihre Seite gebracht haben, so das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Centre for European Studies. Die Wirtschafts- und Euro-Krise mache es ihnen leicht, den Hass auf die EU zu schüren. Quelle: AP
Mitglieder des Europäischen Parlaments während einer Sitzung in Straßburg (Frankreich).i Quelle: dpa

Der Wirtschaftswissenschaftler Juan Tugores warnt allerdings vor verfrühtem Optimismus: „Von einem Wirtschaftsaufschwung zu sprechen, ist noch zu früh. Wir befinden uns noch im Anfangsstadium einer wirtschaftlichen Erholung und bevor nicht klar ist, ob es weiterhin bergauf geht, sollten wir eher vorsichtig optimistisch sein.“

Denn die Staatsverschuldung liege mit 100,2 Prozent vom BIP immer noch 40 Prozent über der erlaubten Maastricht-Grenze. Es gehe aufwärts, aber langsam; schleichend und mit Rückschritten.

Auch der Spanien-Experte Thomas Stehling der Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid betont: „Wenn wir uns mal nur die reinen Wirtschaftsfakten anschauen, sehen wir, dass es beim BIP von 2011 bis 2014 Verbesserungen gab, aber nicht so signifikant, dass wir von einem Aufschwung sprechen könnten.“

Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

2014 wuchs die spanische Wirtschaft um 1,1 Prozent, für 2015 sagen Experten von Germany Trade & Invest und der Außenhandelskammer den Iberern ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,7 und 2,0 Prozent voraus. Und auch Anleger haben neues Vertrauen gefunden.

Ende November fielen die Zinsen für spanische Staatsanleihen auf 1,96 Prozent und damit auf einen historischen Tiefstand. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Juli 2012 waren für Zehn-Jahres-Anleihen noch Zinsen in Höhe von 7,75 Prozent gezahlt worden. Derzeit liegt Spaniens Risikoprämie auf den internationalen Kapitalmärkten bei rund 1,4 Prozent.

Spanien als Wachstumslokomotive?

Für einige geben diese Zahlen Anlass zu kühnen Träumen. „Spanien könnte das nächste Deutschland werden“, titelte die „Welt“ im vergangenen August und zitierte damit Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley. Alvaro Tamargo, Student der Politikwissenschaften, unterstreicht: „Spanien war lange genug der kranke Mann der Eurozone.“

Thomas Stehling dagegen hält nichts davon, Spanien als neue Wachstumslokomotive in Europa zu bezeichnen. „Wir neigen leider immer zu Extrembetrachtungen“, erklärt er. „Sowohl in guten wie in schlechten Zeiten. Die Folge sind dann überzeichnete Prognosen.“

Starker Norden, schwacher Rest
Platz 81 - Griechenland:Griechenland ist am härtesten von der Euro-Krise getroffen worden – überwunden hat es sie noch lange nicht. Der griechische Gütermarkt liegt weltweit auf Platz 85, was zum einen an dem schwachen Wettbewerb liegt (Rang 71) und zum andern an dem unflexiblen Arbeitsmarkt (Rang 118). Nichtsdestotrotz fruchten die Reformen: Das Haushaltsdefizit hat sich verringert. Will Griechenland wieder wettbewerbsfähig werden, ist die Arbeit damit aber noch lange nicht getan. Griechenlands Institutionen sind nach wie vor ineffizient, ebenso die Regierung (Rang 129). Der Finanzmarkt hat sich von der Krise bis heute nicht erholt (Rang 130), genau so wenig der Bankensektor (Rang 141). Der Zugang zu Krediten gehört zu einem der größten Probleme der griechischen Wirtschaft (Rang 136). Die Innovationsfähigkeit Griechenlands (Rang 109) und das Bildungssystem (Rang 111) sind ebenfalls große Baustellen. Es ist noch viel zu tun. Quelle: dpa
Platz 49 - Italien:Weit vor Griechenland aber immer noch weit entfernt von einer Topplatzierung liegt Europas drittgrößte Volkswirtschaft: Italien. Die staatlichen Institutionen gelten als ineffizient (Rang 106) genau so wie die Arbeit der Regierung (Rang 143). Der Arbeitsmarkt ist unflexibel und trägt nicht zum Aufschwung bei (Rang 136). Auch finanziell läuft es in Italien nicht besonders gut. Die Unternehmen leiden nach wie vor unter den Schwierigkeiten, an frisches Geld zu kommen (Rang 139) und an den hohen Steuern (Rang 134). Italien hat Reformen dringend nötig, die helfen, seine guten Voraussetzungen zu nutzen. Es verfügt über starke Unternehmen (Rang 25), die ein nicht zu verachtenswertes Innovationspotenzial haben (Rang 39) und sich auf wettbewerbsintensiven Märkten messen (Rang 12). Solange Italien aber nicht die notwendigen Reformen umsetzt, wird es sein Potenzial nicht umsetzen können und weiter wenig wettbewerbsfähig sein. Quelle: dpa
Platz 36 - Portugal:Die Probleme der Banco Espirito Santo rufen den Portugiesen die beinahe überwunden geglaubte Finanzkrise zurück in die Erinnerung. Entmutigen lassen sollte sich das Land davon aber nicht. Ganze 15 Ränge ist es seit dem vergangen Jahr aufgestiegen, was zeigt, dass die ambitionierten Reformen wirken. Der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden (Rang 119) – allerdings ist hier noch einiges zu tun. Weiter aufbauen kann Portugal auf seine starke Infrastruktur (Rang 18) und seine gut ausgebildeten Arbeitskräfte (Rang 29). Die Konzerne in Portugal haben allerdings nach wie vor ein Schuldenproblem (Rang 129), ebenso der Staat selbst (Rang 138). Der Finanzsektor hat sich bis jetzt nur minimal erholt (Rang 104), weswegen der Zugang zu Krediten weiter eingeschränkt ist (Rang 108). Der Arbeitsmarkt muss flexibler werden (Rang 40) und an der Innovationsfähigkeit muss auch weiter gearbeitet werden (Rang 37). Trotzdem sehen die Autoren Portugal auf einem guten Weg. Quelle: REUTERS
Platz 35 - Spanien: Auch Spanien loben die Autoren. Hier zeigen die Reformen erste Wirkungen. Das Haushaltsdefizit ist zwar nach wie vor hoch, aber gesunken (Rang 128). Der Finanzsektor ist robuster geworden (Rang 85), der Arbeitsmarkt flexibler (Rang 120) – in beiden Bereichen ist aber noch viel Luft nach oben. Die staatlichen Institutionen gelten als korrupt (Rang 80) und die Regierung als ineffizient (Rang 105). Trotzdem profitiert Spanien von seiner exzellenten Infrastruktur (Rang 6) und einer gebildeten Bevölkerung (Rang 8). Würde der Arbeitsmarkt besser funktionieren (Rang 120), könnte Spanien diese Potenziale noch weiter ausschöpfen. Auch das Innovationspotenzial Spaniens ist ausbaufähig (Rang 60) – zum Beispiel durch höhere Investitionen in die Forschung (Rang 52). Quelle: REUTERS
Platz 29 - Estland: Estland ist nicht nur eines der jüngsten Euro-Länder, sondern auch, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht, das stärkste osteuropäische Land. Das liegt vor allem daran, dass Estlands Arbeitsmarkt effizienter ist als der anderer Länder in der Region (Rang 11). Daneben glänzt Estland mit einem starken Bildungs- und Ausbildungssystem (Rang 20), was hoffen lässt, dass Estland sein Innovationspotenzial (Rang 30) weiter ausbaut. Auch in die Infrastruktur sollten die Esten laut den Autoren deutlich mehr investieren (Rang 38), denn sie liegt weit unter dem westeuropäischen Standards (Rang 58). Quelle: dpa
Platz 25 - Irland:Als Enda Kenny 2011 irischer Ministerpräsident wurde, hatte er alle Hand voll zu tun. Irland hatte die Finanzkrise übel mitgespielt. Immer noch ist die finanzielle Lage Irlands nicht gut und die Staatsverschuldung hoch (Rang 130). Dafür funktionieren der Güter- (Rang 10) und der Arbeitsmarkt (Rang 18) hervorragend, was sich auf lange Zeit auszahlen wird. Die Unternehmen sind innovativ (Rang 20) und technologisch gut ausgestattet (Rang 12). In Kombination mit dem exzellenten Bildungs- und Ausbildungssystem (Rang 8) und einer jungen Bevölkerung, werden diese Faktoren dazu führen, dass Irlands Wettbewerbsfähigkeit weiter zunimmt und weiter zu den führenden Euro-Staaten aufschließt. Quelle: dapd
Platz 23 - Frankreich:Europas zweitgrößte Volkswirtschaft bereitet den Europäern schon länger Sorgen. Als Frankreichs Präsident François Hollande gewählt wurde, versprach er den Umbruch: Er wollte Unternehmens-freundliche Reformen umsetzen, um Wirtschaftswachstum zu schaffen und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Auf Frankreichs Arbeitsmarkt hat sich bis dato allerdings wenig verändert (Rang 61, vorher: Rang 71). Die hohe Staatsverschuldung hat dazu geführt, das Frankreichs Kreditwürdigkeit herabgestuft wurde. Nichtsdestotrotz besteht für Frankreich nach wie vor Hoffnung. Die Infrastruktur gehört zu den besten der Welt. Auch in puncto Bildung schneidet Frankreich gut ab, was Frankreich hohes technologisches Potenzial auch künftig befördern wird (Rang 17). Zudem bietet Frankreich ein gutes Umfeld für Innovationen. Trotzdem läuft etwas schief. Der Abstand zu Ländern wie Irland wird kleiner. Quelle: dpa

Stand heute gilt: Die Sparmaßnahmen und Reformen – die um einiges umfassender waren als ähnliche Reformen beispielsweise in Italien – zeigen Wirkung. Positive, aber auch negative.

Um die Staatsschulden zu begleichen, kürzte die spanische Regierung in den vergangenen Jahren die Löhne, am stärksten von allen Krisenländern. Dadurch liegen die spanischen Löhne 15 bis 20 Prozent niedriger als früher.

Durch die Arbeitsmarktreform sanken die Gehälter um durchschnittlich 0,2 Prozent. Vor der Krise stiegen sie alljährlich noch um ein Prozent. Gewerkschaften beklagen außerdem die vielen Teilzeitjobs ohne feste Verträge. Das Ergebnis: Die Kaufkraft der Bürger ist gering, der Binnenkonsum liegt am Boden.

Auch die Arbeitslosigkeit ist mit 25,45 Prozent unvermindert hoch, die Jugendarbeitslosigkeit liegt laut Statista sogar bei 53,8 Prozent.

„Problematisch ist im Moment, dass der Aufschwung nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung ankommnt. Der Großteil spürt von der wirtschaftlichen Verbesserung noch nichts“, sagt Stehling.

Spanien plant eine Steuerreform

Auch für Pedro Antonio Sanchez ist die Krise noch da. Täglich fährt der zweifache Familienvater stundenlang mit Metro und Bahn quer durch Madrid und hält seinen Monolog. Die Kurzform: „Liebe Fahrgäste. Seit der Finanzkrise habe ich keine Arbeit mehr und muss zwei Kinder ernähren. Ich bitte daher um eine kleine Spende.“ Hin und wieder hat ein Fahrgast Mitleid und lässt ein bisschen Kleingeld in Pedros Hand fallen.

„Klar sagen die Zahlen, dass es wieder bergauf geht. Aber das ist nur eine Seite der Münze“, erzählt Pedro. „Wen die Krise damals so richtig getroffen hat, für den ist sie noch da. Wir sind doch die eigentlichen Opfer. Aufschwung hin oder her – bei einem Großteil der Spanier kommt davon noch nichts an.“

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