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Homöopathie in FrankreichKein Geld mehr für Zuckerkugeln

In Frankreich haben die Anhänger der Homöopathie ihren verbissenen Kampf um die Kostenerstattung verloren. Die Entscheidung ist auch ein Signal für die anhaltende Diskussion in Deutschland.Karin Finkenzeller 10.07.2019 - 09:30 Uhr

Homöopathische Mittel werden als Medizin vermarktet, eine Wirkung konnte aber nie nachgewiesen werden. In Frankreich fällt deshalb nun die Kostenerstattung durch die Krankenkassen weg.

Foto: imago images

In Frankreich witzelten mache schon: Ausgerechnet der Mann, der dem Land gleich mehrere Rosskuren verordnet hat, sollte über die Zukunft der Homöopathie entscheiden. Aber die Sache ist ernst, deshalb zögerte Staatschef Emmanuel Macron. Immerhin hat der – nach eigenen Angaben – weltgrößte Fabrikant seinen Sitz ausgerechnet in Frankreich und drohte mit einem signifikanten Verlust von Arbeitsplätzen, sollte der Präsident den Daumen über die Erstattung der alternativmedizinischen Mittel senken. Anstatt einer Therapie, die für die Anhänger der Globuli verträglich schien, wählte der Präsident dennoch den scharfen Schnitt. Ab dem 1. Januar 2020 sinkt die Kostenerstattung von heute 30 auf 15 Prozent. Ein Jahr später dann fällt sie komplett weg.

Ähnlich wie in Deutschland tobt der Glaubenskrieg zwischen Befürwortern und Gegnern der Homöopathie auch in Frankreich seit Jahren. Deshalb dürfte auch hierzulande das Signal aus Paris seine Wirkung nicht verfehlen.

Ein Blick auf die Zahlen lässt den heftigen Zank wie einen Sturm im Wasserglas erscheinen. Im vergangenen Jahr betrugen die Kostenerstattungen für homöopathische Mittel in Frankreich lediglich knapp 127 Millionen Euro – von insgesamt 20 Milliarden Euro, die die Kassen für Medikamente bezahlten. Allerdings hat Macron dem gesamten Gesundheitswesen einen Sparkurs verordnet, um an den notwendigen Stellen zu investieren: Die Summe, die für Homöopathie ausgegeben wurde, ist fast doppelt so hoch wie die die 70 Millionen Euro, die die Regierung den Krankenhäusern für eine bessere Ausstattung der Notfallaufnahmen versprochen hat.

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Den Ausschlag gab dann eine vor wenigen Tagen von der obersten Gesundheitsbehörde (HAS) veröffentlichte Untersuchung. Der zufolge ist den homöopathischen Mitteln keinerlei medizinische Wirkung nachzuweisen.

Wirklich überraschend war das Ergebnis nicht. Seit die alternativen Behandlungsmethoden mit den vor mehr als 200 Jahren veröffentlichten Vorstellungen des deutschen Arztes Samuel Hahnemann begründet wurden, konnte nie ein wissenschaftlich anerkannter Nachweis über deren pharmakologische Wirksamkeit erbracht werden.

Dennoch meinen auch 72 Prozent der Franzosen laut Umfragen, dass die Streukügelchen und Tropfen mit den extrem verdünnten Wirkstoffen durchaus gesundheitsfördernd seien. Und etwas mehr als die Hälfte gaben an, sie zumindest gelegentlich schon mal eingenommen zu haben.

Daran war die bisherige Erstattungspraxis nicht unbeteiligt: Zuletzt wurden noch 30 Prozent der Kosten von den Kassen übernommen. Vor einigen Jahren waren es sogar noch 65 Prozent. Nach Angaben des Branchenverbands Echamp entfielen auf Frankreich 33 Prozent der europäischen Umsätze von zuletzt 1,3 Milliarden Euro. Auf Platz zwei folgte Deutschland mit 27 Prozent, Platz drei mit 13 Prozent belegte Italien. Zum Vergleich: In Großbritannien, wo die Kosten für homöopathische Mittel seit zwei Jahren von den Konsumenten komplett selbst getragen werden müssen, sind sie praktisch vom Markt verschwunden.

Eine ähnliche Entwicklung in Frankreich fürchtet nun auch der nach Eigendarstellung weltweit größte Hersteller Boiron aus Lyon. Als „unverständlich und inkohärent“ kritisiert die Unternehmensführung die Entscheidung und fordert „dringend“ einen Termin beim Staatschef. Man werde die Maßnahme, die sich gegen eine äußerst beliebte Praxis richte, „mit allen Mitteln bekämpfen“.

Bisher machte Boiron etwa 60 Prozent des Umsatzes von gut 600 Millionen Euro auf dem heimischen Markt. In den vergangenen Wochen führte die Firma eine lautstarke Kampagne für den Erhalt der Kassenberechtigung an, mit über einer Million gesammelten Unterschriften und mehreren Demonstrationen. Seit Januar hatten die Aktien des Unternehmens bereits rund ein Drittel ihres Werts eingebüßt. Sollten ihre Produkte die Kassenberechtigung verlieren, würden mindestens 1000 der 3600 Stellen gestrichen, warnte die Firmenleitung.

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Damit übte sie nicht nur Druck auf die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn – eine Ärztin – aus, sondern gewann auch prominente Mitstreiter aus der Politik. Mit dem Lyoner Bürgermeister Gérard Colomb warb ein enger Vertrauter Macrons um Aufschub, der noch bis zum vergangenen Herbst Innenminister war. Auch der Regionalpräsident im nordfranzösischen Hauts-de-France, selbst ehemaliger Gesundheitsminister unter Präsident Nicolas Sarkozy, machte sich zum Fürsprecher der Homöopathie. Eine Streichung der Kassenberechtigung werde sich negativ auf die Kaufkraft der Bürger auswirken und zudem ihre Wahlfreiheit beschränken, kritisierte Xavier Bertrand. Wenn die aktuelle Regierung auf Beweise für die Wirksamkeit der Mittel dringe, solle sie entsprechende Studien anstoßen. Auch sein Kollege aus der südlichen Region Auvergne-Rhônes-Alpes pflichtete ihm bei. In beiden Regionen stehen wichtige Werke von Boiron.

Die amtierende Gesundheitsministerin Buzyn versucht die möglichen Folgen klein zu rechnen. „Für rund sieben Millionen Franzosen betrug die durchschnittliche Kostenerstattung 2018 etwa 18 Euro pro Jahr – also 1,5 Euro pro Monat,“ sagte sie der französischen Tageszeitung „Le Parisien“ in einem Interview. „Selbst die stärksten Konsumenten bekamen von der Krankenkasse voriges Jahr nur 25 Euro zurück. Das betraf weniger als ein Prozent der Franzosen.“ Sie glaube deshalb nicht, dass sich die Bürger künftig von der Homöopathie abwendeten, nur weil der Staat dafür nicht mehr bezahle. Die Übergangsphase bis 2021 lasse außerdem Patienten und Industrie genügend Zeit, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Auch hindere niemand die Ärzte im Übrigen daran, die Mittel weiter zu verschreiben.

Allerdings hat der neu gewählte französische Ärztepräsident Patrick Bouet bereits die Frage aufgeworfen, ob Kollegen den Titel „Homöopath“ noch tragen sollten. Der Ärzteverband werde darüber im Oktober entscheiden. Einige Universitäten haben entsprechende Diplome bereits von ihrer Liste gestrichen. Der Verband der Allgemeinmediziner hatte vergangenen Freitag in einem offenen Brief die verbleibenden etwa 15 Hochschulen aufgefordert, dem Beispiel zu folgen.

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