Italien auf der Suche nach sich selbst Renzi gibt den Supermann für ein neues Italien

Nach Regierungsjahren des Chaos verspricht Ministerpräsident Matteo Renzi nun einen politischen Neubeginn. Darauf warten seine Landsleute schon Jahrzehnte. Der Regierungschef zwischen Supermann und Blender.

Macht alles neu? Italiens Regierungschef Matteo Renzi. Quelle: REUTERS

Und sie bewegt sich doch. In Quistello südlich von Mantua rüstet Kärcher sein Werk auf, um die Produktion des Fenstersaugers WV50 hochzuschrauben. Das Gerät, ein Bestseller unter den Reinigungshilfen des schwäbischen Weltmarktführers, hält Kärcher-Chef Hartmut Jenner für eine bahnbrechende Innovation auf dem Weg zum streifenfrei gereinigten Glas. Zehn Millionen Euro steckt er in die Fabrik in der Lombardei. 2014 sind 70 bis 80 Neueinstellungen geplant – in einem Land, dessen tiefe Krise nach wie vor täglich Hunderte Jobs vernichtet. Für seine Standortentscheidung sprächen die vielen Zulieferer vor der Tür, das Know-how in der Reinigungstechnik und kreative Arbeitskräfte. „In der Kärcher-Welt gehören die Werke in Italien zu den effizientesten“, sagt Jenner. Ist Italien ein Land, in dem es sich wieder lohnt, zu investieren?

Matteo Renzi – der "Verschrotter" Italiens
Mit nur 34 Jahren bestieg Matteo Renzi den Bürgermeisterstuhl der toskanischen Kunstmetropole Florenz. Mit gerade einmal 38 kürte man ihn zum Chef der sozialdemokratischen Regierungspartei PD. Nur ein paar Monate später - inzwischen hat er seinen 39. Geburtstag gefeiert - sägte Renzi lange genug am Stuhl des Ministerpräsidenten, der immerhin sein Parteifreund in der Partito Democratico ist: Nach einem flammenden Plädoyer für einen Neuanfang ohne Letta und tiefgreifendere Reformen für das Krisenland Italien stellte sich die Partei hinter ihn. Letta blieb nur der Rückzug. Quelle: REUTERS
Bekanntgeworden ist Renzi als radikaler „Verschrotter“, vor allem durch seine Mitteilungen über den Internet-Kurznachrichtendienst Twitter. Um junge Anhänger zu erreichen, prägte Renzi den Slogan #rottamare (verschrotten): Renzi sagt, er wolle eine Generation Politiker loswerden, die „an ihren Stühlen kleben“. Quelle: dpa
Auch gegenüber seiner eigenen Demokratischen Partei (PD) ist Renzi gnadenlos - seit seiner Wahl zum Vorsitzenden im Dezember forderte er von Letta Reformen und zuletzt sogar, den Weg für eine neue Regierung freizumachen. Quelle: REUTERS
Seinem Ziel - dem Regierungspalast Chigi in Rom - dürfte Renzi damit ganz nahe gekommen sein. Seinen Machtanspruch hatte der Aufsteiger aus der Toskana zuletzt noch einmal massiv untermauert. Quelle: REUTERS
Doch für dieses radikale Vorgehen erntete er auch Kritik: Ihm wurde immer wieder vorgeworfen, nur seinen eigenen Ehrgeiz zu bedienen und sich illoyal zu verhalten. Einige Parteifreunde halten ihn zudem für einen Populisten und wollen seinen radikalen Reformkurs nicht mittragen. Quelle: REUTERS
Mit großer Mehrheit war Renzi im Dezember zum Chef der PD gewählt worden - und hatte seitdem immer wieder gegen Letta geschossen. Ein Jahr zuvor war sein Griff nach der Macht noch gescheitert. Renzi verlor damals in der Urwahl der PD gegen den deutlich älteren Pier Luigi Bersani. Renzi wurde nicht Spitzenkandidat seiner Partei für die Parlamentswahlen, doch er gab nicht auf. Quelle: dpa
Für den Großteil seiner Landsleute ist der Jurist ein Hoffnungsträger. Ihm trauen die Unterstützer des Mitte-Links-Bündnisses zu, im Lager des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi um Stimmen zu werben. Quelle: REUTERS

Kärcher hat schon einmal Weitsicht bewiesen. Im Juni 2012 rückte das Unternehmen in Florenz an, um die Fußböden in den Innenhöfen des Palazzo Vecchio zu reinigen. Ihr Renaissance-Rathaus ist den Florentinern ein Herzensort, doch in Zeiten leerer Kassen auch ein schweres Erbe. Die Putzprofis aus Schwaben gaben den Natursteinen ihre alte Pracht zurück. Der dankbare Hausherr im Palazzo Vecchio hieß: Matteo Renzi.

Inzwischen ist der 39-Jährige zum „Bürgermeister Italiens“ aufgestiegen. Der volksnahe Heißsporn will seinem Land mit einer Schocktherapie verlorene Wettbewerbskraft zurückgeben. Renzi versprach eine Strukturreform pro Monat. Das Land wartet schon 30 Jahre darauf. In Quistello verfolgt man den ungestümen Sozialdemokraten, den vierten Ministerpräsidenten in nur zweieinhalb Jahren, interessiert. Es bewegt sich was. Nur wohin?

Seit sich Renzi vor drei Wochen mit einer Palastintrige ins Regierungsamt katapultiert hat, stellt sich die Frage: Ändert er Rom und bekommt die ewig stockende Politikmaschine flott? Oder ändert Rom, was viele für wahrscheinlicher halten, den selbst ernannten Erneuerer Renzi? Ist er Supermann? Oder ein Blender?

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich am Montag dieser Woche ein Bild von ihrem neuen italienischen Kollegen. Die beiden haben sich bereits beschnuppert. Im vergangenen Juli empfing die Kanzlerin den jungen Florentiner Bürgermeister morgens um halb sieben in ihrem Büro. In Brüssel begegneten sie sich auf dem EU-Krisengipfel zur Ukraine. „Wir zwei haben viel gemeinsam zu arbeiten“, bemerkte die Kanzlerin. Renzi sieht das nicht anders. Beim Besuch in Berlin hat er sein 100-Tage-Programm für ein neues Italien im Gepäck. Sein Plan steht unter dem Motto: „Wir ändern uns, um Europa zu verändern.“ Merkel muss er davon überzeugen, dass seine Versprechen den gewünschten Effekt erzielen. Die Kur, die Renzi am vergangenen Mittwoch in Rom unter „Hashtag #DieguteWende“ ankündigte, bedarf der Zustimmung aus Brüssel. Denn sie kostet Geld.

Wie ein Teleshop-Verkäufer, in der einen Hand die Fernbedienung der PowerPoint-Präsentation, die andere in der Hosentasche, inszenierte Renzi sich vorigen Mittwoch als Ausbund von Energie und Entschlossenheit, als er sein Sofortprogramm präsentierte. Kern der Renzonomics: spürbare Steuersenkungen für Geringverdiener, finanzielle Entlastungen für Unternehmen, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. So will er dem krisengelähmten Land einen heilsamen Schock versetzen.

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