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Italiens Süden vor der Wahl Die Abgehängten von Kalabrien

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Mafia verdient an Migration nach Italien ordentlich mit

„Die Leute machen aber nichts aus dem Potenzial. Sie weinen und warten“, sagt Loris Rossetto, Deutschlehrer in der Stadt. Aus Frust über ihre Situation würden sie nun Parteien wählen, die ihnen eine Revolution versprechen oder purer Protest seien. Vor allem die Fünf-Sterne-Bewegung ist im Süden stark, auf die sozialdemokratische Regierungspartei ist hier kaum einer gut zu sprechen.

Der Tourismus berge so viele Chancen, aber Hotels gibt es kaum, und wenn, „dann spricht niemand Fremdsprachen“, so Rossetto. Er hat beschlossen, nicht zu jammern sondern etwas zu unternehmen. Er organisiert Leuten aus Crotone Jobs in Deutschland: In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz habe er schon 130 Leute in den Norden vermittelt.

Regeln. Das sei es, was die Leute verstehen müssten, so Rossetto. Es bringe nichts, nur den Politikern die Schuld zuzuschieben, man müsse sich auch selbst an die Regeln halten. Seine Organisation Amici del Tedesco (Freunde der deutschen Sprache) hat zwei alte Gebäude zu Jugendherbergen umfunktioniert, in denen auch regelmäßig deutsche Gruppen zu Besuch kommen. Eines der Häuser war einst im Mafiabesitz und wurde dann beschlagnahmt. „Die Mafia ist hier nicht der Boss, der mit der Pistole rumrennt“, sagt Rossetto und macht mit der Hand eine Schussbewegung. Mafia, das sei mafiöses Denken, Korruption, Vetternwirtschaft.

Italiens große Baustellen

Natürlich. Kalabrien ist die Heimat der 'Ndrangheta, eine der mächtigsten Mafiaorganisationen der Welt. Aus Kalabrien kamen auch die Täter der Mafiamorde von Duisburg, als sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden. Die 'Ndrangheta hat zwar mittlerweile auch in Deutschland ein festes Standbein. Aber die Verquickung von Gesellschaft und Mafia, von Politik und Mafia, von Wirtschaft und Mafia und von Kirche und Mafia ist in Kalabrien omnipräsent.

So verdient die Mafia an der Migration in Richtung Italien ordentlich mit. Und Einwanderung ist eines der Themen, mit denen die Rechtsparteien punkten wollen. In Crotone zum Beispiel steht eines der größten Migrantenlager Italiens. Im Mai letzten Jahres kam ans Licht, dass das Zentrum Sant'Anna, geführt auch von der katholischen Kirche und gefördert mit EU-Geldern, in den Händen der 'Ndrangheta war. Die kassierte das staatliche Geld für die Migranten ein, bei den Einwanderern kam nichts an. Auch ein lokaler Priester wurde festgenommen. Auch heute steht das Lager noch. Genau gegenüber vom Flughafen Crotone, auf dem kein Flugzeug mehr abhebt oder landet, und der ein gutes Mahnmal für den Verfall der Region abgibt.

Von den Politikern wie Berlusconi, die versprechen, rund 600 000 illegale Einwanderer sofort abzuschieben, hat sich im Wahlkampf bisher niemand in Crotone blicken lassen. Matteo Salvini, der seine Lega-Partei mit Hetze gegen Ausländer auch im Süden groß machen will, war bisher einzig in Reggio Calabria, rund zweieinhalb Autostunden entfernt von Crotone.

Aber das große Elend hat auch er sich gespart: In der Nähe von Reggio Calabria, in dem Ort San Ferdinando, ist die große Politik so weit weg wie sie nur sein kann. In dem Ort am Meer steht seit acht Jahren so etwas wie das „Calais des Südens“: ein riesiges Migranten-Ghetto. Eine Baracke, in der bisweilen bis zu 2500 Migranten hausen - oder muss man sagen wie die Tiere leben? Aus Plastikfetzen haben sie sich inmitten einer verwaisten Industriezone etwas zusammengebaut, das wie ein Dach über dem Kopf aussehen soll. Es gibt kein fließend Wasser, keinen Strom. Sie leben im Müll. In Pfützen und Schlamm gammeln Essensreste und unidentifizierbarer Dreck.

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