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IW-Ökonom Jürgen Matthes „No-Deal-Brexit wäre kaum gesamtwirtschaftlicher Schaden“

Deutsche, britische und EU-Flagge vor dem Kanzleramt während des Kurzbesuchs von Theresa May bei Angela Merkel am 9. April. Quelle: imago images

Die Auswirkungen des Brexit für deutsche Unternehmen dürften geringer werden als die mediale Aufregung vermuten lässt. Ökonom Jürgen Matthes vom IW Köln sieht wenig Anlass für Dramatisierung.

WirtschaftsWoche: Laut German British Business Outlook erwarten zwar die meisten Unternehmen einen Rückgang der britischen Wirtschaftsleistung. Die konkrete eigene Geschäftsentwicklung sehen sie allerdings viel positiver. Ein Gutachten Ihres Instituts für das Wirtschaftsministerium Nordrhein-Westfalens zeigt sogar, dass die ersten Brexit-Auswirkungen mehrheitlich positiver Natur sind. Könnte es sein, dass die deutsche Wirtschaft gar nicht wirklich Angst vor dem Brexit hat, sondern eher allgemeine politische Befürchtungen widerspiegelt?
Jürgen Matthes: Darauf möchte ich mit einem vorsichtigen Ja antworten. Allerdings hängt die Einschätzung von dem Brexit-Szenario ab. Ein No-Deal-Szenario, das offen lässt, welche Zölle angewandt werden, wie lange die Wartezeiten sind und welche Regeln zum Beispiel nun für Derivate-Absicherungen oder andere Finanzkontrakte gelten, wäre natürlich in der kurzen Frist deutlich schlimmer als ein weicher Brexit mit einer Zollunion.

Außerdem kann jedes Unternehmen seine Risikopositionen in Bezug auf den Brexit zu einem großen Teil selbst steuern. Viele betroffene Unternehmen haben ihre Hausaufgaben schon sehr früh zu machen begonnen, teils schon vor dem Referendum 2016. Manche haben daraufhin ihre Geschäftspartner ausgewechselt oder eigene Wertschöpfungsketten umgebaut. Für BMW, die den Mini in England bauen, ist das natürlich nicht so leicht wie für andere, die einfach einen Lieferanten wechseln können.

Bereitet also die politische Ungewissheit für Investitionsentscheidungen mehr Sorgen als die tatsächlichen möglichen Auswirkungen von Zöllen?
Ungewissheit macht immer Sorgen und kann zudem stärker in der Breite wirken. Denn Unsicherheit kann ansteckend wirken sogar für Unternehmen, die im Vereinigten Königreich gar nicht besonders exponiert sind, aber Kunden oder Geschäftspartner haben, die dort tätig sind. Auch die Medien mit ihrer Neigung zu Negativschlagzeilen tragen zur Verunsicherung bei. Die Unsicherheit über den Brexit dürfte auch eine der Ursachen dafür sein, dass die Konjunkturindikatoren für die Industrie in den letzten Monaten nach unten gegangen sind.

Werden sich wegen des Brexits die Exportanstrengungen der deutschen Industrie mehr auf andere Länder konzentrieren?
Ja, ziemlich wahrscheinlich. Dabei dürften es wohl eher Nachbarländer in der EU sein als außereuropäische oder ganz neue Märkte. Aber letztlich hängt das natürlich von den einzelnen Unternehmen ab. Je internationaler es schon aufgestellt ist, desto mehr wird es seine Fühler auch über Europa hinaus ausstrecken.

Wie groß ist generell die Bedeutung von Zöllen für Investitionsentscheidungen im Ausland?
Wenn ein als Markt attraktives Land Zölle erhebt, steigt eher der Anreiz, dort zu investieren. Denn durch Produktion vor Ort kann man die Zollhürden überspringen. Dafür müssen die Zölle aber schon recht hoch sein. Und natürlich müssen die Rahmenbedingungen für Investoren stimmen, wovon in  Großbritannien allerdings auszugehen ist.

Unter Fondsmanagern und anderen Börsianern scheint man den Brexit - und sei es einer ohne Abkommen - nicht für ein Ereignis zu halten, das die Märkte grundlegend und langfristig erschüttert. Zu Recht?
Für Deutschland und andere Länder Kontinentaleuropas: Ja. Ein ungeregelter No-Deal-Brexit würde spürbar sein, aber handhabbar bleiben und nicht zu einem größeren gesamtwirtschaftlichen Schaden führen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle rechnet damit, dass ein No-Deal-Brexit etwa 100.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährden würde. Das ist für die Betroffenen natürlich schlimm, aber mit Bezug auf die über 45 Millionen Beschäftigten in Deutschland ist das weniger als ein Viertel Prozent. Aus makroökonomischer Perspektive sieht die Bewertung folglich weniger dramatisch aus.  Aber für den britischen Markt gibt es begründete Erwartungen einer Rezension und eines abstürzenden Pfundes. Auch Irland dürfte relativ hart getroffen werden.  

Jürgen Matthes ist Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln e.V.

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