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IWF-Jahrestagung Nach der Krise ist vor der Krisenangst

Das Schlimmste ist für die Weltwirtschaft vorbei, sagt der Internationale Währungsfonds vor seiner Jahrestagung in Washington. Doch für Entspannung sorgt seine neue Konjunkturprognose nicht. Noch geistern zu viele Schreckgespenster in der Weltökonomie herum.

Die internationalen Geldgeber verstärken ihren Druck auf das krisengeschüttelte Griechenland.

Wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesbankchef Jens Weidmann in dieser Woche nach Washington kommen, sind sie wohl entspannter als bei früheren Reisen in die US-Hauptstadt. Bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank am kommenden Wochenende gehören sie erstmals seit langem nicht zu den Vertretern der größten Sorgenkind-Region. Denn die Eurozone kommt im neuen IWF-Weltwirtschaftsausblick vergleichsweise gut weg. Für Krisenangst sorgen diesmal andere. Nach der Schrumpfkur in diesem Jahr soll das Wachstum in den Euroländern 2014 insgesamt auf 1,0 Prozent steigen, prognostiziert die Organisation. Deutschland liegt mit 1,4 Prozent weit vorn, Frankreich springt auf 1,0 Prozent und selbst schwer angeschlagene Länder wie in Italien und Spanien schaffen es zurück in den grünen Bereich. Die Eurozone „kriecht aus der Rezession“, formulieren das die IWF-Ökonomen, auch wenn sie ihre Aussichten als „verhalten“ beschreiben.

Doch während sie Europa wie gehabt wegen zu langsamer Reformen im Finanz- und Arbeitsmarkt kritisieren und eine stärkere Förderung der Binnennachfrage fordern - echte Sorgen macht sich der internationale Krisenhelfer jetzt über andere Regionen. „Die wichtigen Nachrichten kommen von den aufstrebenden Volkswirtschaften, wo das Wachstum nachgelassen hat - meist mehr als wir prognostiziert hatten“, sagte der IWF-Chefvolkswirt, Olivier Blanchard, am Dienstag.

Nur noch 4,5 Prozent in diesem und 5,1 Prozent im kommenden Jahr sollen die Schwellen- und Entwicklungsländer zulegen, schätzt der IWF. Damit hat er seine Prognose für 2013 seit Januar um einen ganzen Prozentpunkt gesenkt und für 2014 um 0,8. Die Abwärtskorrekturen für Indien, Mexiko oder Russland nehmen ein dramatisches Ausmaß an. Auch China hatte der IWF im Januar noch bei 8,5 Prozent Wachstum in 2014 gesehen, jetzt sind es nur noch 7,3 Prozent.

Die Abkühlung der bisherigen Wachstumsmotoren hänge zwar auch mit normalen Konjunkturzyklen zusammen - aber eben nicht nur. Sinkende Rohstoffpreise und schlechtere Finanzbedingungen schmälerten das Wachstumspotenzial dieser Länder. China müsse den Konsum ankurbeln, Brasilien und Indien die Hürden für Investoren abbauen, rät der IWF. Und Staaten, die von der Kapitalschwemme aus dem Ausland profitieren, müssten sich darauf einstellen, dass es damit allmählich vorbei ist.

Weg von den Niedrigzinsen

Marode Staatshaushalte und Krisenbanken
frau auf einem Balkon mit portugiesischer Flagge Quelle: dapd
SpanienNotleidende Kredite: 10,7 Prozent der Gesamtkredite (Stand: September 2012) Sparer ziehen Einlagen ab, marode Immobilien bringen die Banken ins Wanken Quelle: dpa
Bank of Ireland Quelle: dpa
Bank Societé Générale Quelle: REUTERS
Gebäude der Dexia-Bank Quelle: dpa
Eine niederländische Flagge und Gebäude der ING Quelle: dapd
Rettungsring und Banken Quelle: AP

Letzteres hängt mit dem größten Schreckgespenst des Treffens von Finanzministern und Notenbankchefs der 188 IWF-Mitgliedsländer zusammen. Die US-Notenbank Fed beginnt nach einhelliger Meinung bald, ihre ultralockere Geldpolitik zu bremsen. Obwohl der Währungsfonds darin generell eine Stabilisierung der Verhältnisse sieht, sorgt er sich auch über „die wachsende Ungewissheit hinsichtlich der Folgen“. Es sei Zeit, Pläne für die Abkehr von der sogenannten quantitativen Lockerung und Niedrigzinsen zu machen, sagte Blanchard am Dienstag. „Aber es noch nicht die Zeit, sie umzusetzen.“

Kurz vor der Tagung veröffentlichte der IWF sogar ein umfassendes Forschungspapier mit einer düsteren Warnung an die Länder, die bislang gut von den Kapitalzuflüssen lebten: „Der Zusammenbruch erscheint viel abrupter als der Aufschwung, während dessen die Samen der finanziellen Instabilität gesät wurden“. Wenn die Zentralbanken nun den Geldhahn zudrehten und höhere Zinsen die Investoren in die USA zurücklockten, dann stehe die Weltwirtschaft vor einer harten Herausforderung. „Aufstrebende Staaten sollten in der Lage sein, sich ohne eine große Krise an die veränderten Umstände anzupassen“, hofft Blanchard aber.

In Arbeit
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Was die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht mehr so recht sind und Europa noch nicht wieder sein kann, das müssen laut dem IWF nun die USA übernehmen. „Der Impuls für das globale Wachstum sollte vor allem von den Vereinigten Staaten kommen“, heißt es im IWF-Bericht. Doch ausgerechnet die größte Volkswirtschaft der Welt steckt nicht nur in einem ungesunden Sparprogramm, das zu einer erneuten Senkung der Wachstumsprognose führte, sondern in einer politischen Krise.

Während der Verwaltungsstillstand laut dem IWF keine schlimmen Folgen für die Konjunktur bringen dürfte, wenn er zeitlich begrenzt bleibe, schwebe die zum 17. Oktober notwendige Erhöhung der Schuldenobergrenze wie ein Damoklesschwert über die Weltwirtschaft. Vor „erheblichen Konsequenzen“ warnte Blanchard am Dienstag, sollte der Kongress in Washington nicht rechtzeitig handeln. Nicht nur würde die Erholung der US-Wirtschaft „entgleisen“, sondern die globalen Finanzmärkte könnten „gravierende Störungen“ erleben.

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