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Jean-Claude Juncker "Ein weiter Weg zum Herzen"

Der EU-Kommissionspräsident  will mehr Bauchgefühl für Europa – und warnt vor Spaltung. Jeder Mitgliedstaat sei allein schlicht zu klein.

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Jean-Claude Juncker Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Juncker, wenn Sie eine Anzeige für Europa gestalten müssten, wie lautete Ihr Text?

Juncker: Europa ist nicht alles, aber ohne Europa ist alles nichts.

Wie finden Sie dazu im Vergleich unsere Anzeigen?

Kreativ und inspirierend. Am besten gefällt mir die Anzeige „Förderung des Friedens – EU-Vertrag Artikel 3“, denn man kann nicht oft genug daran erinnern, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.

Zur Person

Haben Sie den Eindruck, dass der breiten Bevölkerung der Wert Europas bewusst ist?

Nein, das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Es gibt einen unwahrscheinlich breiten Graben zwischen europäischer Politik und der europäischen Öffentlichkeit. Ich glaube nicht, dass die Bedeutung Europas in den Köpfen der Menschen angekommen ist – und in den Herzen schon gar nicht. Wenn man sich die europäische Integration ansieht, kann sich eigentlich niemand rational deren Bedeutung entziehen. Aber der Weg vom Kopf zum Herz und zum Bauch ist irrsinnig weit. Es gibt keine längere Strecke in Europa.

Wie könnten wir diese verkürzen?

Man muss Europa immer wieder als Friedensprojekt erklären – auch wenn das altmodisch klingt. Lange Zeit war Krieg sehr weit weg vom Lebensgefühl der Menschen. Aber mit der Ukraine hat sie das Thema über Nacht wieder erreicht. Wenn wir jetzt davon reden, Europa zu einem Ort des dauerhaften Friedens zu machen, spricht das die Menschen an. Das erzeugt ein sehnsüchtiges Bauchgefühl nach mehr Europa.

Reicht das Thema Frieden aus?

Nein, man muss natürlich auch in die Zukunft blicken. In 20 Jahren sitzt kein einziges EU-Land mehr am G7-Tisch. Unsere Bevölkerungen schrumpfen so sehr, dass unser Anteil an der Weltbevölkerung Ende des 21. Jahrhunderts nur noch vier Prozent betragen wird. Anfang des 20. Jahrhunderts lag er bei 20 Prozent. Das müsste zu Bescheidenheit einladen. Wir denken immer, wir sind die Herren der Welt, aber wir sind es offensichtlich nicht. Europa ist der kleinste Kontinent.

Welche Konsequenz ergibt sich für Sie daraus?

Junge Menschen, die oft leider nur wenig mit Europa am Hut haben, müssen verstehen, dass man unser Europa nicht in kleinere Stücke teilen kann, weil es uns dann nicht mehr geben wird. Stattdessen müssen wir die europäische Integration stärken. Wenn ich nicht Luxemburger wäre, dann würde ich sagen, man muss sich gegen Kleinstaaterei wehren.

Hat sich die deutsche Haltung zu Europa in den vergangenen Jahren verändert?

Ich habe nicht das Gefühl. Ich bin auch kein Anhänger der Denkschule, dass sich Deutschland zum Oberlehrer Europas aufgeschwungen hätte. In meiner direkten Erfahrung nimmt sich Deutschland immer noch sehr zurück, wenn es um europäische Themen geht, aber weniger als zuvor. Ich sehe auf Dauer auch nicht ein, wieso Deutschland nicht nationale Interessen vertreten sollte. Das macht ja jeder. Ich empfinde das nicht als penetrant, sondern als normal.

"Wir würden uns ohne Euro in einem Währungskrieg befinden"

Gleichzeitig litt das Deutschlandbild in der Euro-Krise...

Die Form der Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Griechenland war nicht schön. Mich hat sehr gestört, dass man in Deutschland den Eindruck hat, dass die Griechen allesamt Faulpelze seien, die sich wie Nassauer benehmen würden. Solche Bilder haben wiederum dazu geführt, dass man Angela Merkel auf Plakaten in Nazi-Uniform durch Athen getragen hat. Ich habe mich deshalb – auch gegen viele Widerstände – stets dafür eingesetzt, dass Griechenland in der Währungsunion bleibt.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Es geht nicht nur um währungspolitische und wirtschaftliche Gründe, sondern auch um die Würde der Griechen. Man kann sie nicht einfach aus der Währungsunion hinauswerfen. Die Griechen haben natürlich lernen müssen, dass der Solidarität des einen die Solidität des anderen gegenüberstehen muss.

Der Euro, so der ursprüngliche Ansatz, sollte Europa einen. Wirkt er heute nicht eher als Sprengsatz?

Der Euro ist nicht ursächlich schuld daran, dass sich die Europäische Union auseinanderbewegt.

Sondern?

Wir würden uns ohne Euro in einem Währungskrieg befinden. Das europäische Währungssystem hätte den Irakkrieg, die Attentate vom 11. September, die Finanzkrise und die Ukrainekrise nicht überlebt. Es wäre von diesen Ereignissen gesprengt worden, und jede Zentralbank würde ihre eigene Geldpolitik ohne disziplinierende Wirkung des Euro machen. Wenn man erklärt, dass der Euro auch kontinentale Ruhe bringt, trotz vielfacher externer Schocks, dann kann man die These widerlegen, dass er als Spaltpilz wirkt.

Die Bürger glauben, für die Fehler von Politikern in anderen Ländern zahlen zu müssen.

Europa



Bisher hat noch kein Land einen Cent für Griechenland gezahlt. Viele profitieren von niedrigen Zinssätzen auf Staatsanleihen. Die Summen, um die es geht, sind beeindruckend. Wenn man sie aber auf die Bevölkerung herunterbricht, dann ist nicht Deutschland der Zahlmeister, sondern Luxemburg. Das sage ich übrigens in Deutschland häufiger als in Luxemburg (lacht). Die Vorstellung, dass man aus der europäischen Kasse mindestens herausbekommen muss, was man eingezahlt hat, ist ohnehin ein fataler Irrtum.

Wieso?

Es ist kein europäisches Denken. Es wird immer Länder geben, die mehr aufbringen als andere, weil sie über mehr verfügen. Das ist zum Guten des Ganzen.

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