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Jean-Claude Trichet "Wir müssen so mutig wie möglich sein"

Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet plädiert im Interview für eine Banken- und Fiskalunion. Für ihn ist die aktuelle Krise mehr eine Krise der Banken und einzelner Staaten als eine Krise des Euros.

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Jean-Claude Trichet glaubt, dass der Euro die aktuelle Krise überleben wird. Quelle: dpa

Monsieur Trichet, der November 2003 muss eine für Sie sorglose Zeit gewesen sein. Die Weltwirtschaft boomte, der Häusermarkt in den USA entwickelte sich prächtig, die Investmentbanken meldeten Rekordgewinne. Erinnern Sie sich noch an Ihre Amtseinführung im Frankfurter EZB-Hochhaus?

Jean-Claude Trichet: Natürlich. Aber ich erinnere mich an eine durchaus bewegte Zeit. In drei großen Staaten, Deutschland war einer davon, tobte die Auseinandersetzung um den Bruch des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Am allerersten Tag, ich hatte kaum auf meinem Stuhl in Frankfurt Platz genommen, ging es schon los. Die drei Länder wollten verhindern, dass ein Sanktionsverfahren gegen sie verschärft würde. Und insgesamt herrschte eine Stimmung milder Nachlässigkeit. Darauf mussten wir als Notenbanker reagieren.

Fremdelten Sie noch ein wenig mit der Institution, ihrer diskreten Sprache, ihrer enormen Macht?

Nein, überhaupt nicht, ich war ja als Mitglied des EZB-Rates schon oft da gewesen und als Gouverneur der Banque de France seit Jahren in engem Kontakt mit den anderen Zentralbankchefs wie meinem Freund Hans Tietmeyer. Den kannte ich übrigens schon, als er Staatssekretär im Finanzministerium war und ich das französische Schatzamt leitete. Ich fühlte mich fast wie zu Hause in Frankfurt - auch wenn ich nicht genug Zeit hatte, all die wunderschönen Museen der Stadt zu besichtigen. Freundlicherweise bekam ich im „Frankfurter Hof" immer dasselbe Zimmer, das hat mir geholfen, jedes Gefühl von Fremdheit zu verlieren.

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    Waren Sie stolz? Eine der wichtigsten Positionen, die ein Mensch in Europa erreichen kann, hatten Sie erklommen.

    Ich muss gestehen, dass ich mich schon sehr geehrt fühlte. Und gleichzeitig fühlte ich die schwere Last auf meinen Schultern. Man sieht nicht nur Europa, sondern die ganze Welt aus einer ganz anderen Perspektive.

    Funktionierte die EZB bereits, gab es bereits ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl, oder fühlten Sie sich als Bauleiter auf einer Baustelle?

    Die Bank funktionierte, aber sie war noch jung und musste reifen. Nachdem wir die besten und hellsten Köpfe eingestellt hatten, mussten wir uns auf Effektivität und Effizienz in der täglichen Arbeit konzentrieren, um Preisstabilität für 330 Millionen Bürger zu garantieren. Das war übrigens hochinteressant für mich: zu erleben, wie stark die Bürger nach Preisstabilität verlangen.

    War das so neu für Sie?

    Ich kannte es aus Frankreich, wo die Menschen auch stabile Preise wollen. Aber es war interessant, zu erleben, wie sehr die Menschen „auf der Straße" in Deutschland den Kampf gegen die Inflation unterstützen. Das ist in Deutschland kein Elitenprojekt, sondern im besten Sinne Volkes Wille.

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