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Jens Bastian "Putin kann Tsipras gar nicht finanziell unterstützen"

Was erhofft sich der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras von seinem Moskau-Besuch? Der Ökonom Jens Bastian erklärt: Finanzspritzen kann Athen jedenfalls nicht erwarten.

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Alexis Tsipras bei Wladimir Putin Quelle: dpa

Herr Bastian, kurz vor dem orthodoxen Osterfest besucht der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Darf Tsipras Ostergeschenke in Form von russischen Krediten erwarten?  

Jens Bastian: Nein, das will er auch gar nicht. Die griechische Regierung hat vor dem Besuch in Moskau mehrmals betont, dass es keine Kreditanfrage an Russland richten wird.

Zur Person

Aber Griechenland braucht dringend Geld. Bis Mitte Juli muss das hochverschuldete Land Kredite von mehr als 2,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds zurückzahlen.

Dass Griechenland Geld braucht, steht außer Frage. Aber wir überschätzen die gegenwärtigen finanziellen Möglichkeiten Russlands. Das Land steckt selbst in einer tiefen Wirtschaftskrise, ausgelöst durch den Verfall des Ölpreises und die westlichen Sanktionen. Um es klar zu sagen: Russland ist derzeit überhaupt nicht in der Lage, Griechenland finanziell zu unterstützen.

Dass Russland anderen Ländern Kredit gewährt, ist aber nichts Ungewöhnliches. In diesem Jahr hat Russland einen Milliardenkredit an Weißrussland verlängert und 270 Millionen Dollar an Armenien verliehen.

Das sind ehemalige Sowjetrepubliken, die Russland unterstützt. Griechenland sollte sich lieber an Zypern orientieren: Vor zwei Jahren musste der Finanzminister Zyperns mit leeren Händen aus Moskau abreisen, als er um neue Hilfsgelder für seine maroden Banken bat. Damals hat sich Russland ganz und gar nicht flexibel gezeigt.

Griechenlands Verflechtungen mit Russland

Was also kann Tsipras von seinem Treffen mit Putin erwarten?

Griechenland ist ein wichtiger Handelspartner für Russland, hat aber umgekehrt wenige direkte Investitionen aus Russland.  Deswegen will Tsipras Investitionen beschließen. Schon die Vorgängerregierung unter dem ehemaligen Premierminister Antonis Samaras hatte sich wiederholt dafür stark gemacht, dass der russische Staatskonzern Gazprom Großinvestor in Griechenland wird.

Das hat 2013 nicht funktioniert, weil Gazprom Zweifel an der Finanzlage des staatlichen Gaskonzerns in Griechenland hatte. Jetzt verhandeln Putin und Tsipras wieder über Gasgeschäfte. Worum geht es? 

Griechenland beabsichtigt, mehrere hundert Kilometer der Gasleitungen des Projektes „Turkish Stream“ von Gazprom durch Griechenland legen zu lassen. Deshalb ist auch der griechische Energieminister Panagiotis Lafazanis Teil der griechischen Delegation in Moskau. Die Details werden jetzt verhandelt.

Ein neuer Frühling zwischen EU und Russland?

Außerdem verhandelt Tsipras über den Gaspreis, den sein Land für russisches Flüssiggas zahlt. Was ist hier das Ziel der griechischen Regierung?

Gazprom kontrolliert mit seinen Gaslieferungen rund 60 Prozent des griechischen Gasmarktes. Aber der Preis liegt mit 300 Dollar pro 1000 Kubikmeter über dem Durchschnitt des Preises, der sonst in Europa gezahlt wird. Tsipras wird sich bemühen, einen Preisnachlass zu bekommen.

Wo Griechen und Russen zusammenarbeiten könnten

Alexis Tsipras hat gesagt, er wolle mit seinem Besuch „einen neuen Frühling“ zwischen der EU und Russland einleiten. Was halten Sie von diesen diplomatischen Ambitionen?

Ein einzelnes Land, noch dazu so klein wie Griechenland, kann das nicht in Eigenregie schaffen. Da sollte Tsipras die eigenen Möglichkeiten nicht überbewerten. Aber Griechenland kann durchaus eine Mittlerrolle zukommen.

Europa



Obwohl Griechenland so klein ist, wurde die Aufregung über den Besuch von Tsipras bei Putin im Westen bis heute immer größer.

Da wird viel zu viel hinein interpretiert, das Treffen wird deutlich überbewertet. Wir sollten mehr Realitätssinn und Gelassenheit bei der Beurteilung der griechischen Besuchsdiplomatie walten lassen. Der Antrittsbesuch des Ministerpräsidenten in einer europäischen Hauptstadt sollte nicht zur Gretchenfrage über die griechische Verlässlichkeit gemacht werden.

In Brüssel und Berlin wird zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger gedroht, das ist unnötig. Als der zypriotische Präsident Nikos Anastasiades Ende Februar in Moskau war und sogar ein Militärabkommen ausgehandelt hat, störte sich niemand daran.

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