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Jürgen Ligi "Wenn es kein Geld gibt, muss man halt weniger ausgeben"

Der estnische Finanzminister Jürgen Ligi ist gegen eine Aufstockung der europäischen Rettungsfonds und fordert die Krisenländer zum Sparen auf.

Jürgen Ligi kritisiert den zögerlichen Sparwillen der Südeuropäer Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Minister, Estland trat im Januar 2011 der Euro-Zone bei. Würden Sie das aus heutiger Sicht wieder tun?

Ligi: In Wirklichkeit sind wir der Euro-Zone 1992 beigetreten, als wir unsere Währung an die D-Mark gekoppelt haben. Im Januar 2011 haben wir dann nur neues Bargeld bekommen. Und wir sitzen mit am Tisch, wenn Entscheidungen gefällt werden.

Wenn Sie sich den Zustand der Euro-Zone ansehen, wie groß ist Ihre Freude, diesem Club noch anzugehören?

Dem Euro beizutreten ist für uns besser, als draußen zu bleiben. Vorher war es unmöglich, Investoren glaubhaft darzulegen, dass wir unsere Währung nie abwerten würden. Mit dem Euro war dieses Risiko vom Tisch.

Dafür müssen Sie sich jetzt an Rettungspaketen für Länder beteiligen, die einen höheren Lebensstandard aufweisen als Estland?

Die Bail-outs sind hier nicht populär. Dass wir nun Ländern mit einer unverantwortlichen Fiskalpolitik und einer höheren Lebensqualität helfen sollen, lässt sich nicht schlüssig erklären.

Wird den Esten aus diesem Grund die Geduld ausgehen mit Ländern, die nicht ausreichend reformieren?

Das Risiko besteht – und nicht nur in Estland. Wenn man heute in den Ländern der Euro-Zone Referenden abhalten würde, ist es gut möglich, dass sich die Mehrheit der Menschen gegen weitere Hilfen aussprechen würde.

Estlands Staatsschuld beläuft sich auf 6,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das ist mit Abstand der niedrigste Wert in der Euro-Zone. Warum schaffen Sie, was anderen misslingt?

Das ist eine Frage der politischen Kultur. Wir hatten immer Koalitionen, in denen mindestens eine Partei auf Sparsamkeit achtete. Wenn wir heute hören, wie andere Länder über Austerität jammern, ist das schon sehr ironisch. Wir Esten haben schmerzhaft erfahren, wie sich Sparsamkeit anfühlt. Wir fragen uns wirklich, warum andere ihre Haushalte nicht in Ordnung bringen können.

In Ihrem Land hat es nie große Proteste gegen Austerität gegeben, selbst wenn Gehälter gekürzt wurden. Sind Esten duldsamer als andere?

Esten sind dem Staat gegenüber loyal und zahlen ihre Steuern. Traditionell werden hier wenige Geschäfte bar abgewickelt, deutlich über 90 Prozent der Banktransaktionen laufen über das Internet. Das verhindert, dass eine große Schattenwirtschaft entsteht. Außerdem gibt es hier eine gewisse Abneigung gegen linke Ideen. Wir haben den Sozialismus erlebt, wir haben schon zu viele rote Fahnen gesehen, als dass man damit heute Politik machen könnte. Wenn es kein Geld gibt, dann muss man halt weniger ausgeben.

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