WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Knauß kontert

Das Licht kommt aus dem Westen

Seite 2/2

Die Idee der Freiheit?

Und natürlich ist erst Recht nicht von den entscheidenden geistigen Voraussetzungen dieser ökonomischen Entwicklung der Neuzeit die Rede, die in jenem europäischen Landzipfel stattfand und immer noch stattfindet, der für Frankopan so weltgeschichtlich nebensächlich ist. Die Idee der Freiheit, der einzigartige Schatz des Westens, den die griechischen Philosophen anlegten, ist ihm keine Erwähnung wert. Weder die religiöse, noch die politische, noch die Freiheit des Denkens, die die Voraussetzung von Wissenschaft (und damit von Technik und damit von ökonomischer Entwicklung) ist. Wie überhaupt die Geistesgeschichte allenfalls als Anhängsel von Handelsbeziehungen Erwähnung findet.

Geradezu obszön ist das Schlusskapitel. Frankopan feiert hier unkritisch den despotischen Luxus der heutigen zentralasiatischen Kleptokraten-Herrscher von Aserbaidschan oder Turkmenistan. Dass in Aschgabad für Hunderte Millionen Euro ein neuer Palast für den despotisch regierenden Präsidenten und in Baku Luxus-Hotels von Hilton, Radisson und Ramada gebaut werden, sind ihm Indizien dafür, dass diese Länder „vor unseren Augen wiederaufleben“.

Zum Buch

Frankopans Buch und dessen Erfolg in Nordamerika und Europa ist vor allem eins: Beleg dafür, dass dem Westen nicht nur der Glauben an seine machtpolitische Überlegenheit verloren gegangen ist (obwohl die doch gerade im Vergleich mit Frankopans Lieblingsländern immer noch allzu offensichtlich ist). Verloren gegangen ist dem westlichen Bildungsbürgertum ganz offensichtlich auch das Bewusstsein für die kostbare Einzigartigkeit der westlich-europäischen Kultur, in der seit den alten Griechen die Idee der Freiheit immer wieder leitend war.

Warum ist dieses Hohelied auf den Mittleren Osten nicht vor Ort in Bagdad oder Kabul geschrieben worden, sondern von einem Westler, einem Engländer an der Universität Oxford?

Weil es in der Weltregion, die Frankopan als Herzstück der Welt ausmacht, zwar eine Jahrtausende alte Geschichte großer Kulturen und Reiche gibt, aber bis heute keine Kultur der freien Wissenschaft – auch keine Kultur der Erforschung der eigenen reichen Geschichte. Noch immer sind die besten Orientalisten, Indogermanisten und vorderasiatischen Archäologen an europäischen und nordamerikanischen Universitäten zu finden.

Nein, das Licht kommt eben nicht aus dem Osten. Mag sein, dass die religiöse „Erleuchtung“ von dort kam (und noch kommt).

Aber seit mindestens 500 Jahren kommt das Licht der Freiheit und der Erkenntnis aus dem Westen. In jenem zerklüfteten geographischen Fortsatz des riesigen asiatischen Kontinents, der Europa heißt, wurde eine Idee geboren und gepflegt, die es in den Weiten des Orients, in den einst so prächtigen Städten am Euphrat, in Persien oder am Hindukusch bis heute unendlich schwer hat, nämlich die der Freiheit.

Dass das einem Star des aktuellen geschichtswissenschaftlichen Betriebes und seinen zahlreichen Claqueuren keine Erwähnung wert ist, spricht dafür, dass Europa nicht nur politisch in einer schweren Krise ist.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%