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Kommentar Risse im System der Notenbanken

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Bilanz um weit mehr als 2000 Milliarden Euro durch den Kauf von Staatsanleihen aufblasen. Diese Aussicht hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) in Panik versetzt.

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Die Schweizernotenbank Quelle: Bloomberg

Endstation! Zweieinhalbjahre hat Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), den Finanzmärkten ein großangelegtes Ankaufprogramm für Staatsanleihen in Aussicht gestellt. Jetzt muss er liefern. Andernfalls fliegen der EZB die europäischen Anleihenmärkte um die Ohren. Im Vertrauen auf Draghis Versprechen und die Durchsetzungskraft der EZB haben Spekulanten massiv auf europäische Staatsanleihen gesetzt. Selbst in den Krisenstaaten der Eurozone liegen die Renditen inzwischen weit unter dem Niveau vergleichbarer US-Staatsanleihen. Die EZB hat eine gigantische Anleiheblase aufgepumpt.

Um Deflationsbekämpfung, wie es die EZB und ihr akademisches Fußvolk um die Ökonomen Paul Krugman und DIW-Präsident Marcel Fratzscher vorgeben, geht es bei den geplanten Staatsanleihenkäufen nicht. Selten war eine geldpolitische Diskussion absurder. Denn es gibt in der Eurozone überhaupt keine Deflation, sondern höchstens eine milde Inflation.

Die noch größer aufgeblasene Bilanz der EZB versetzt die SNB in Panik. Quelle: dpa

Das unabhängige Londoner Researchhaus Capital Economics hat ermittelt, dass zwei Drittel des Rückganges der Konsumentenpreisinflation seit Anfang 2013 auf den Rückgang der Energiepreise zurückzuführen sind - ein Einmaleffekt also. Rechnet man diesen Faktor heraus, wären die Preise in der Eurozone im Dezember im Jahresvergleich nicht um 0,2 Prozent gefallen, sondern um 0,6 Prozent gestiegen.

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    Selbst wenn es tatsächlich Deflation gäbe in der Eurozone würde die EZB mit ihren geplanten Eingriffen nicht viel daran ändern. Ökonomen der US-Investmentbank Morgan Stanley schätzen, dass ein Staatsanleihenkaufprogramm im Volumen von 1000 Milliarden Euro - die Summe hat die EZB als offiziellen Testballon in Umlauf gebracht - nur einen Effekt von jeweils 0,4 Prozentpunkte auf Inflation und Wirtschaftsleistung hätte. Interne Analysen der EZB sollen zu ähnlich mageren Ergebnissen gekommen sein. Analysten der Royal Bank of Scotland gehen deshalb davon aus, dass die EZB ihre Bilanz daher nicht nur um 1000 Milliarden Euro, sondern um 2300 Milliarden Euro auf 4500 Milliarden Euro aufblasen wird. Das erscheint plausibel mit Blick auf das EZB-Inflationsziel von knapp zwei Prozent. Für ein bisschen mehr Inflation und Wirtschaftswachstum aber setzte die EZB den Euro aufs Spiel.  

    Villalón gibt grünes Licht

    Nachdem am vergangenen Mittwoch auch noch Cruz Villalón, der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshof (EuGH), der EZB grünes Licht für ihr Anleihekaufprogramm gegeben hatte, geriet die Schweizerische Nationalbank (SNB) offenbar in Panik. Bei 1000 Milliarden Euro EZB-Bilanzverlängerung mag ein Mindestkurziel von 1,20 Schweizer Franken je Euro vielleicht noch zu verteidigen gewesen sein. Doch bei 2300 Milliarden Euro hätte die SNB schätzungsweise um die 20.000 Euro pro Eidgenosse einsetzen müssen, um den Euro zu stützen – pro Jahr.

    Angesichts dieser Summen hat die SNB dann lieber die Reißleine gezogen und betreibt Verlustbegrenzung. Mit den Marktinterventionen am Devisenmarkt und der abrupten Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro am Donnerstag um zeitweilig 30 Prozent hat sich die SNB einen geschätzten Verlust von bis zu 100 Milliarden Dollar eingehandelt. Das wären rund 20 Prozent der Schweizerischen Wirtschaftsleistung. Neben den herben Kursverlusten am heimischen Aktienmarkt droht der Schweiz nun auch eine lange Rezession. Der öffentliche Aufschrei wird groß sein.

    Die SNB ist die erste bedeutende Notenbank, die von den Marktkräften in die Knie gezwungen wurde. Der psychologische Effekt auf die Investoren sollte nicht unterschätzt werden. Die Finanzmärkte wurden in den vergangenen Jahren nur durch das Vertrauen in die Omnipotenz der Notenbanken zusammen- und am Laufen gehalten. Jetzt werden erste Risse im System der geldpolitischen Zwangswirtschaft sichtbar. Panikreaktionen sind jederzeit möglich. Zumal sich die Märkte inzwischen Welten von ihren Fundamentaldaten entfernt haben.

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      Historische Turbulenzen nach SNB-Entscheidung

      Sicher aber ist jetzt schon: Die nächste Notenbank, die in die Bredouille geraten wird, wird die EZB sein. Ihr wird bei einem Platzen der Spekulationsblase an den Anleihenmärkten dasselbe Schicksal widerfahren wie der SNB. Nur mit dem Unterschied, dass die Verluste der EZB, für die der deutsche Steuerzahler entsprechend des deutschen EZB-Kapitalanteils mit 26 Prozent haftet, weitaus größer ausfallen werden. Die SNB wird das Desaster politisch überleben. Für die EZB aber sieht die Zukunft ungewisser aus. Über das groß angelegte Kaufprogramm für Staatsanleihen führt die EZB durch die Hintertür Eurobonds ein und treibt damit die Haftungsgemeinschaft in der Eurozone weiter voran - ohne demokratische Legitimation. Der politische Ärger ist damit programmiert.

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