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Konjunktur Schweiz "Die Schweiz befindet sich in der Rezession"

Seit der Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro läuft es nicht mehr rund für die Schweizer Wirtschaft: Die Exporte und Innovationen gehen zurück, Arbeitsplätze sind gefährdet. Die größten Probleme der Schweiz.

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Diese Länder wollen in die EU
Türkei Quelle: dapd
Serbien Quelle: REUTERS
Albanien Quelle: REUTERS
Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien: Quelle: REUTERS
Montenegro Quelle: REUTERS
Island Quelle: Reuters
Bosnien-Herzegowina: Quelle: REUTERS

Leere Hotels, Produkte, die in den Geschäften liegen bleiben: Das ist der Anblick, der sich in der Schweiz künftig bieten könnte. Der Franken-Schock hat der Wirtschaft deutlich zugesetzt - wie es weitergeht, ist noch unklar. Im Januar hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Frankenbindung aufgehoben - und damit den Franken gegenüber dem Euro und anderen Währungen deutlich aufgewertet. Der Franken war durch die Entscheidung schlagartig rund 20 Prozent teurer geworden.

Eine Folge: ein Milliardenverlust für die SNB. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres verbuchte sie ein Minus von 30 Milliarden Franken (umgerechnet 28,6 Milliarden Euro). Gerade erst haben Finanzexperten wieder von einer Verschlechterung der Konjunkturerwartungen gesprochen: Demnach ist der ZEW-Erwartungsindikator in der Juli-Umfrage gegenüber dem Vormonat auf minus 5,4 gesunken, wie die Credit Suisse mitteilte.

32 Prozent der befragten Analysten erwarteten in den kommenden sechs Monaten eine Abwertung des Frankens zum Euro. Von einer Aufwertung gingen 27 Prozent aus. Die Mehrheit der Befragten gehe für die Schweiz im laufenden Jahr von einem Wirtschaftswachstum zwischen 0,5 bis 1,0 Prozent und einer Beschleunigung im kommenden Jahr auf 1,0 bis 1,5 Prozent aus.

Wirtschaftliche Beziehungen der Schweiz zu Deutschland und der EU

Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs – und die Schweiz hat mittlerweile ein ernstzunehmendes wirtschaftliches Problem: „Die Schweiz befindet sich in einer Rezession“, sagt Jan-Egbert Sturm, Professor für Angewandte Makroökonomie und Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Export-Einbußen in wichtigen Branchen

Das hat weitreichende Konsequenzen: Die Exporte gehen zurück, weil die Produkte teurer werden: Die Ausfuhren schrumpften in der ersten Jahreshälfte um 2,6 Prozent, wie die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) am Dienstag in Basel mitteilte. Sieben wichtige Exportbranchen erlitten Einbußen, darunter Pharma und Maschinenbau.

Insgesamt exportierte die Schweiz weiterhin deutlich mehr, als sie importierte.

Auch viele Unternehmen können den Währungsschock nicht mehr stemmen – und schalten deshalb in den Krisenmodus: Noch sind die Auftragsbücher nach einem guten Jahr 2014 gefüllt, die Zukunftsaussichten allerdings sind weniger rosig. Zwar komme es derzeit noch nicht zu Entlassungswellen, sagt Sturm, aber es werde auch kaum noch neues Personal eingestellt.

Das liegt auch an den Unklarkheiten über die Umsetzung der Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung": 16 Monate ist es her, dass die Schweizer über neue Zuwanderungsbeschränkungen abstimmen konnten.

In der EU wurde das Votum mit eher negativen Gefühlen aufgenommen – ein EU-Diplomat bezeichnete eine neue Abstimmung sogar als „unvermeidlich“. Damals hatten sich die Schweizer mit knapper Mehrheit für neue Regeln bei der Zuwanderung ausgesprochen und damit auch für eine Kontingentierung und die Bevorzugung von Inländern bei der Stellenvergabe. Innerhalb von drei Jahren müsse das Votum umgesetzt werden, sofern es doch noch kommt.

Diese Hängepartie belastet die Schweizer Wirtschaft zusätzlich. „Die Unternehmen überlegen sich sehr genau, ob sie noch in der Schweiz investieren sollen, da es unklar ist ob sie sich zukünftig noch ausländische Fachkräfte holen können“, sagt Sturm. „Als Hochpreisinsel muss die Schweiz innovativ bleiben – dafür bräuchte sie die richtigen Fachkräfte.“

Erinnerungen an die Frankenkrise 2011 werden wach

In der Folge des Masseneinwanderungseinkommens könnten sich die Beziehungen zur Europäischen Union verschlechtert, bis hin zur Aufkündigung bilateraler Verträge. Für die Schweiz würde das den wirtschaftlichen Abstieg verstärken: 55 Prozent der Exporte gehen zurzeit in die EU, Schweizer Produkte in Europa würden teurer - das könnte vor allem für Konzerne wie Nestlé und Mövenpick Schwierigkeiten bedeuten, die im schlimmsten Fall auch zu Stellenabbau führen könnte.

Die Eidgenossenschaft würde damit den freien Zugang zu einem zollfreien Markt verlieren, der wie die Zuwanderung von Fachkräften aus der EU als Hauptfaktor für den Wirtschaftsboom in der Schweiz gilt.

Die Stärke der Schweizer Wirtschaft gefährdet momentan aber vor allem die Kombination aus der Stärke des Franken, der Wachstumsflaute und der wirtschaftspolitischen Unsicherheit, die nicht zuletzt auch eine Folge der Masseneinwanderungsinitiative - und deren (Nicht-)Umsetzung - ist.

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Vorsichtig positive Nachrichten gibt es trotzdem: Denn die Schweiz ist eines der wenigen Länder, das scheinbar unbeteiligt aus der Griechenlandkrise hervorgeht. Wirklich bedroht war die Wirtschaft des Landes zu keinem Zeitpunkt. Obwohl die Schweiz Mitglied des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist, muss sie - wie auch andere Staaten - keine Verluste tragen, sollte Griechenland seine Schulden nie zurückzahlen, heißt es in einer offiziellen Mitteilung des IWF. So weit so gut: Es bleibt allerdings offen, ob die Mitgliedsländer des IWF nicht doch zur Kasse gebeten werden, sollte ein Zahlungsaufall noch Realität werden. Das vermutet zumindest die "Neue Zürcher Zeitung". Nach deren Berechnungen käme im schlimmsten aller Fälle auf die Schweizer Steuerzahler insgesamt eine Summe von 323 Millionen Franken zu. Das wäre allerdings ein verhältnismäßig kleiner Betrag und beläuft sich damit insgesamt auf nur 0,5 Prozent der "ordentlichen Bundesausgaben."

Dass die Schweizer Wirtschaft derzeit nur eine kleine Delle in ihrem Aufschwung erlebt, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Talfahrt wird wohl vorerst weitergehen - das war zum letzten Mal der Fall bei der Frankenkrise 2011. Damals hatte die SNB schon den sogenannten Franken-Deckel eingeführt, das heißt der Mindestkurs der Währung lag bei 1,20 Franken je Euro - und gleichzeitig den Leitzins auf Null gesetzt, um die Wirtschaft vor Deflation und Rezession zu schützen. Das funktioniert nun aber nicht mehr.

Die Krise dürfte sich auch am Arbeitsmarkt bald zeigen. Um längerfristig mithalten zu können, werden wohl Entlassungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland nötig sein. „Trotzdem ist die Schweiz sehr gut durch die Krise gekommen – und wenn wir nun über eine schlechte Wirtschaft klagen, dann jammern wir auf hohem Niveau,“ sagt Sturm.

Mit Material von dpa und Reuters.

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