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Krise in Paris Frankreichs Absturz ist programmiert

Nach dem Platzen der Immobilienblase stehen im Land der Immobilienbesitzer privater Konsum und Konjunktur vor einem langen Siechtum. Auch politisch ist Frankreich in der europäischen Peripherie angekommen.

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Der französische Abstieg, wirtschaftlich sowie politisch, scheint unaufhaltsam - Nicht zuletzt aufgrund der Immobilienblase Quelle: dpa

Finanzmärkte sind nicht rational. Am deutlichsten zeigt sich das derzeit am französischen Aktien- und Anleihenmarkt. Dort wurden Rezession, Schuldenexplosion und politische Skandale im Land bis zuletzt einfach ausgeblendet. Obwohl Frankreichs Staatsschuldenquote wegen der Verpflichtungen gegenüber den europäischen Rettungsfonds 2012 von 85,8 Prozent auf 90,2 Prozent gestiegen ist, sind die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen auf ein Rekordtief von 1,94 Prozent gefallen. Noch erstaunlicher ist der Höhenflug des französischen Aktienmarktes mit Blick auf die sich für 2013 abzeichnende Kontraktion der französischen Wirtschaft. Der Pariser Leitindex CAC 40 kletterte seit Juni 2012 in der Spitze um gut 30 Prozent.  

Rückkehr in alte Krisenzeiten

Dabei ist die Lage Frankreichs nicht fern von jener Spaniens und Italiens - wirtschaftlich und politisch. Nach elf Jahren Euro ist Frankreich inzwischen eher der europäischen Peripherie zuzuordnen. Sorgen bereiten vor allem Zustand und Qualität der politischen Klasse. Nachdem Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy und sein blasser Premierminister François Fillon das Land über Jahre im Reformstau einbetoniert hatten, versetzen der jetzige Staatspräsident François Hollande und die Regierung von Premier Jean-Marc Ayrault Frankreich jetzt mit einer interventionistischen Wirtschaftspolitik zurück in die von Franc- und Wirtschaftskrisen geprägten Siebziger-, Achtziger- und frühen Neunzigerjahre.  

So ist es um die Armut in Europa bestellt
Platz 27: Am wenigsten armutsgefährdet sind die Menschen in Dänemark. Das ergab eine Studie des Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Als armutsgefährdet gilt nach einer Definition der EU, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens eines Landes zur Verfügung hat. Das IW nahm diese Definition als Grundlage für ihre Forschung, kombinierte sie jedoch noch mit weiteren Faktoren, zum Beispiel die subjektive Einkommensarmut und die Deprivation, also das, worauf Menschen aus finanziellen Gründen verzichten müssen. Heraus kam: Nur ein Prozent der Bevölkerung in Dänemark ist arm. Auf Platz 26 schafft es Luxemburg. Quelle: REUTERS
Platz 25: Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen - egal ob in Deutschland oder europaweit. In der EU gilt fast jeder Vierte als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die Menschen in den Niederlanden kommen dabei noch gut weg und landen auf Platz 25: Nur jeder Neunte ist armutsgefährdet. Quelle: AP
Platz 24: Schweden. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Schweden muss erhebliche materielle Entbehrungen hinnehmen. Auf Platz 23 und 22 folgen Finnland und Österreich. Quelle: dpa
Platz 21 für Deutschland - damit liegen wir im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Besonders betroffen von Armut sind in Deutschland Migranten, Alleinerziehende und Arbeitslose. 30 Prozent der Arbeitslosen sind einkommensarm. Quelle: dpa
Platz 20: Vereintes Königreich. Die Briten gehören ins Mittelfeld - ebenso wie Frankreich (Platz 19), die Tschechischen Republik (Platz 18), Belgien (Platz 17) und Slowenien (Platz 16). Doch es gibt deutliche Unterschiede: Während die Tschechen EU-weit die niedrigste Einkommensarmutsquote hat, sind die Briten bei der subjektiven Armut vorne. Quelle: REUTERS
Platz 15 bis 13: Slowakische Republik, Malta, Spanien. Die Länder gehören in Sachen Armut in das untere Mittelfeld. Quelle: AP
Auch die Iren gehören noch ins Mittelfeld, wenn auch ins untere - und belegen im Ranking Platz 12. Etwas größer ist die Armutsgefahr für Estland (Platz 11). Quelle: dpa

Deutschland ist über die gemeinsame Währung, den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und über das Target2-Zahlungsverkehrssystem direkt am französischen Abstieg beteiligt. Politisch steuert Frankreich auf italienische Verhältnisse zu. Wie Silvio Berlusconi lauert der ebenfalls von den Justizbehörden verfolgte Sarkozy auf sein politisches Comeback. Hollande und seine Regierung der Pleiten, Pech und Pannen machen es ihm leicht. Nach der Entlassung von Haushaltsminister Jérôme Cahuzac schlägt die Stimmung im Land gegenüber der politischen Klasse von Geringschätzung in Verachtung um. Ausgerechnet der Haushaltsminister hatte über 20 Jahre Geld am französischen Fiskus vorbei auf ein Schwarzgeldkonto im Ausland geschleust.  

Schwieriges Verhältnis zu Deutschland

Was die Deutschen mit Frankreich verbinden
Was die Deutschen mit den Franzosen verbindenAm 22. Januar jährt sich der Elysee-Vertrag zum 50. Mal. Aus diesem Anlass hat die Deutsche Botschaft am Montag in Paris das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Deutschen den französischen Nachbarn identifizieren. Quelle: dpa
Wir Deutschen erinnern uns gerne an die Dinge, die in der langen Beziehung mit Frankreich über den Rhein zu uns kamen: Vor allem an die französische Küche. Egal ob Käse, Austern (im Bild) oder Coq au Vin - La cuisine francaise zählt zu den Begriffen, die am häufigsten bei der Umfrage genannt wurden. Quelle: REUTERS
Die Baguette wurde bei 27 Prozent der Befragten am häufigsten genannt.
Auch an Wein denken die Deutschen besonders häufig, nämlich 32 Prozent der Befragten. Nicht verwunderlich: Weine aus Frankreich dominieren den Weltmarkt. Im Bild: Eine Degustation in Beaune, im Weingebiet Burgund. Quelle: REUTERS
Auch oft genannt: Der Eiffelturm, das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. 37 Prozent der Befragten dachten spontan als erstes an dieses Monument aus Stahl und Schrauben, das im 19. Jahrhundert gebaut wurde. La Tour Eiffel zählt zu den größten Touristenmagneten der Stadt. Quelle: Reuters
Auf dem ersten Platz: Die Hauptstadt Paris, die bei 56 Prozent der Befragten als erstes genannt wird. Das wirtschaftliche und politische Zentrum Frankreichs verbindet wie wenige Hauptstädte auf der Welt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes. Der Arc de Triomphe und das Büroviertel La Défense (beides im Bild) sind ein gutes Beispiel dafür. Quelle: REUTERS

Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland wird immer schwieriger. Ob Währungspolitik, Industrie- oder Sparpolitik, die Meinungen gehen immer weiter auseinander. Eine konstruktive Diskussion, etwa in Sachen Sparpolitik, ist nicht mehr möglich. Den letzten ausgeglichenen Haushalt präsentierte eine französische Regierung 1974. Die Staatsquote erreicht inzwischen 56 Prozent und die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit 16 Jahren. Trotzdem lehnt Hollande die Sparpolitik ab und sieht den Ausweg aus Arbeitslosigkeit und Schuldenfalle in immer mehr Schulden. Auf Basis dieser Logik will er jetzt die Krise in der konjunkturell wichtigen Bauwirtschaft bekämpfen. Der Immobilienentwickler Nexity rechnet in diesem Jahr nur noch mit dem Beginn von 280.000 bis 300.000 Wohnungsbauprojekten, nach 340.000 im Vorjahr. Das wäre der tiefste Wert seit 50 Jahren. Im Wahlkampf hatte Hollande noch 500.000 neue Wohnungsbauprojekte pro Jahr in Aussicht gestellt. Derzeit erarbeitet die Regierung ein Maßnahmenpaket, um dieses Ziel zu erreichen. Zwangswirtschaft à la française.

Wo die Immobilienblase wächst
RegensburgIn vielen bayerischen Städten beispielsweise übersteigen die Immobilienpreise die erwarteten Mieteinnahmen um ein vielfaches. Innerhalb der letzten fünf Jahre stiegen die Immobilienpreise dreimal so schnell wie die Mieten. Quelle: dpa
WürzburgÄhnlich gefährlich sieht es in Würzburg aus. Dort halten sich Angebot und Nachfrage im Moment noch die Waage, doch Experten meinen, auch hier braue sich etwas zusammen. Von „massiven Preisübertreibungen“ ist die Rede. Quelle: dpa
JenaAuch anderswo in Deutschland schießen die Immobilienpreise durch die Decke. Attraktive Studentenstädte wie Erlangen und Freiburg aber auch Jena haben in den letzten Jahren enorme Preissteigerungen erlebt. In Jena stieg der Quadratmeter-Kaufpreis für Eigentumswohnungen in den letzten fünf Jahren um 19 Prozent. Quelle: ZB
OldenburgNoch gravierender sind die Preissteigerungen in den westdeutschen Mittelstädten. In Oldenburg lag der Kaufpreis für einen Wohnungsquadratmeter im Jahr 2006 bei 1706 Euro. Inzwischen sind die Preise um ein Viertel gestiegen. Quelle: dapd
TrierIn Trier sind die Preise im gleichen Zeitraum sogar um 26 Prozent angestiegen. Experten sehen hier allerdings eine Sondersituation: Die Nachbarschaft zum europäischen Finanzzentrum Luxemburg soll für die starken Preissteigerungen verantwortlich sein. Quelle: dpa/dpaweb
HamburgAuch in den deutschen Metropolen steigen die Preise rasant, wobei die Blasengefahr unterschiedlich eingeschätzt wird. Während in Frankfurt, Stuttgart oder Köln Kaufpreis und Miete im Gleichschritt steigen, entsteht in Hamburg im Moment ein Missverhältnis. In der Hansestadt stiegen die Kaufpreise für Eigentumswohnungen in den letzten zwei Jahren um 22 Prozent. Quelle: dpa
MünchenEinsame Spitze bei den deutschen Immobilienpreisen bleibt allerdings München. Für eine 100 Quadratmeter-Eigentumswohnung in einem Vorort der bayerischen Hauptstadt zahlen Investoren eine halbe Million Euro. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis für eine Eigentumswohnung liegt bei 3.800 Euro. Verglichen mit anderen europäischen Städten sind das allerdings „Peanuts“,... Quelle: dpa

Ähnlich wie Bill Clinton in den Neunzigerjahren in den USA hatte Ex-Staatspräsident Sarkozy in seinen letzten Amtsjahren vielen seiner Landsleute zu Wohneigentum verholfen. Auf politischen Druck wurden in Frankreich in den vergangen Jahren viele Kredite an einkommensschwache Haushalte vergeben. 2011 flossen 45 Milliarden Euro staatliche Subventionen in die Immobilienbranche. Das entspricht 2,25 Prozent der jährlichen französischen Wirtschaftsleistung. Da will der Sozialist Hollande nicht zurückbleiben.

Europa



So droht auch in Frankreich über die Zunahme der strukturellen Arbeitslosigkeit eine Subprime-Krise mit all den aus den USA bekannten Folgewirkungen für Hausbesitzer, Banken und Konjunktur.  

Der französische Immobilienmarkt dürfte das Konjunkturpaket für die Bauindustrie mit einem weiteren Preiseinbruch quittieren. Die Immobilienblase in Frankreich ist bereits geplatzt. Die Preise für Luxusimmobilien in Paris sind gemäß Barnes International seit Anfang 2012 bereits zwischen 8 und 15 Prozent gefallen. Die Immobilienagentur schätzt, dass sich der Preisrückgang bis Ende 2013 auf 20 Prozent ausweiten wird. Erinnerungen werden wach an die Neunzigerjahre. Damals brachen die Preise um mehr als 60 Prozent ein. Im Land der Immobilienbesitzer stehen privater Konsum und Konjunktur vor einem langen Siechtum.

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