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Länderportrait Polens schwieriger Weg zum Euro

Seit zehn Jahren gehört Polen zur EU und hat wirtschaftlich ordentlich aufgeholt. Nun wird es Zeit, auch den Euro einzuführen, findet Regierungschef Donald Tusk. Doch die Meinungen im Land gehen auseinander.

Er hat es im Kampf um den Euro-Beitritt nicht leicht: Premierminister Donald Tusk. Quelle: dpa

Wer nach Polen reisen möchte, für den reicht Koffer packen zur Vorbereitung nicht aus, auch Geld tauschen gehört zur Reiseplanung dazu. Dass Polen auch zehn Jahre nach dem EU-Beitritt immer noch anders ist, wird auch in den Innenstädten deutlich: Zahlreiche Wechselstuben und Touristen, die mit den fremden Geldscheinen in ihrem Portemonnaie kämpfen, prägen das Bild der Polen-Besucher. Wirtschaftsboom oder gar Konkurrenz aus den Osten? Daran denkt fast niemand.

Fakt ist aber, dass kaum eine andere Volkswirtschaft der Europäischen Union so schnell wächst, wie die Polens. Schon jetzt hat das Land, das beinahe unauffällig zwischen dem Westen und Russland vor sich hin wirtschaftet, im innereuropäischen Vergleich eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte, nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden und Spanien. 2013 wuchs Polens Wirtschaft um 2,05 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: In Deutschland waren es nur 0,4 Prozent, in Frankreich 0,3 Prozent. „Polen ist mittlerweile neben Frankreich zum wichtigsten Partner Deutschlands aufgestiegen“, sagt auch Michael Kern, Leiter der Außenhandelskammer Polen (AHK). Zwar profitiere in erster Linie Polen von Deutschland, allerdings habe Polen, obwohl es kein Euroland ist, maßgeblich die deutsche Fiskalpolitik unterstützt und mitgetragen. Ginge es nach Premierminister Donald Tusk würde sich zumindest die Sache mit den Euroland bald ändern. Er macht Druck, dass der Zloty bald der Vergangenheit angehört. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Wissenswertes über Polen

Zunächst gibt es den Wunsch der Mitbestimmung: Bis 2016 möchte Tusk, angenommen es ändert sich nichts an der aktuellen Situation auf dem Finanzmarkt, gerne dem Euro-Raum beitreten, um endlich zum "inner-circle" der Europäischen Union zu gehören und damit zum Kreise der Nationen, die auf kontinentaleuropäischer Ebene die Nase vorn haben. Längst gibt es in Brüssel das Europa der zwei Geschwindigkeit: Die Mitglieder der Euro-Zone nähern sich einander immer weiter an, die restlichen EU-Staaten stehen bei der Vertiefung der Staatengemeinschaft immer mehr im Abseits.

Hinzu kommt: Mit dem Beitritt zur EU hat sich Polen verpflichtet, früher oder später den Euro als Währung zu akzeptieren. Zudem hat die Gemeinschaftswährung auch einen praktischen Nutzen: Durch den Wegfall des Währungsrisikos, Kosteneinsparungen im In- und Export und vereinfachte Investitionsplanungen dürfte die polnische Wirtschaft langfristig vom Euro profitieren. Auch Deutschland dürfte den Beitritt Polens in die EU begrüßen, dürfte der östliche Nachbar doch ein enger Partner sein bei allen Fragen und Abstimmung rund um die Stabilitätspolitik.

Kein Euro - keine Probleme?

Die Wahrheit über Polen
"Polen sind fleißiger als Deutsche", sagte Gauck und sorgte mit dieser Aussage für einiges Aufsehen. Statistisch gesehen hat er Recht: Polen arbeiten im Durchschnitt mehr als Deutsche. Die OECD spricht von 1.939 Jahresstunden in Polen und 1.419 Arbeitsstunden pro Jahr in Deutschland. Quelle: dpa
Von einer „polnischen Wirtschaft“ sprachen viele Deutsche früher, wenn sie einen schlecht geführten, unordentlichen Betrieb bezeichneten. Auch wenn man Unordnung schwer quantifizieren kann, so sprechen zumindest die Wachstumserfolge der gegenwärtigen polnischen Volkswirtschaft dafür, dass sie nicht so vollkommen chaotisch sein dürfte. Das Bild zeigt den früheren Präsidenten Lech Walesa an seiner ursprünglichen Wirkungsstätte, der Danziger Werft. Quelle: dpa
Polen ist besonders korrupt, lautet ein anderes Vorurteil. Tatsächlich liegt Polen nach dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International in Europa im Mittelfeld. Neun andere EU-Staaten sind korrupter als Polen – allen voran: Griechenland. Quelle: dpa
Für ihren unverrückbaren Katholizismus sind die Polen bekannt. Ein reines Vorurteil war – und ist – das sicher nicht. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. – bürgerlich Karol Wojtyla – wird auch postum noch verehrt. Im Vergleich zu anderen europäischen Nationen sind die Polen sehr katholisch (etwa 90 Prozent) – allerdings mit ebenso abnehmender Tendenz wie in anderen westlichen Ländern. Die Zahl der Kirchgänger ist seit 1989 um ein Drittel geschrumpft. Quelle: dpa
Ebenso legendär wie ihr Katholizismus ist die Vaterlandsliebe der Polen. Auch die Aufteilung des alten polnischen Königreichs unter Preußen, Österreich und Russland und die Nichtexistenz eines unabhängigen Staates während fast des gesamten 19. Jahrhunderts änderte nichts am Nationalstolz. Gegen russische und deutsche Besatzer lehnten sich die Polen immer wieder auf, stets wurden sie geschlagen. Besonders brutal schlug im September 1944 die deutsche Besatzungsmacht einen Aufstand in Warschau nieder. Bundeskanzler Gerhard Schröder verneigte sich vor einer Gedenkglocke bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes am 1. August 2004. Quelle: AP
Wenn es um Galanterie geht, stehen die Polen traditionell ganz vorne. Einige Polen behaupten, dass der angedeutete Handkuss, mit dem ein Mann eine Dame begrüßt, von polnischen Adligen nach Frankreich exportiert wurde. Quelle: gms
Heilig ist in Polen nicht nur die Kirche und das Vaterland, sondern auch die Gastfreundschaft. In polnischen Familien wird an Weihnachten ein zusätzliches Gedeck aufgetragen, das nicht nur an verstorbene Verwandte erinnern soll, sondern auch einem unangemeldeten Gast zur Verfügung steht. Quelle: dpa

Doch trotz wirtschaftlicher und politischer Vorteile, die ein Euro-Beitritt mit sich bringen würde, gehen die Meinungen in der Politik wie in der Bevölkerung weit auseinander. Der Grund, warum viele dem Euro skeptisch gegenüberstehen, ist die Finanzkrise, die seit 2008 ganz Europa beschäftigt. Während die Euro-Staaten abstürzten, fing Polen die Krise gut auf - dank der eigenen Währung. „Polen hatte die Möglichkeit durch Schwankungen im Zloty die Nachfrage nach polnischen Produkten zu steigern“, betont Michael Kern. Ausländische Produkte wurden teurer, polnische Erzeugnisse konnten günstiger exportiert werden. US-Ratingagenturen belohnten das mit einer deutlichen Aufwertung der Kreditwürdigkeit des Landes. Staatsanleihen aus Polen entwickelten sich zu einem Renner. Die Folge: Kaum ein Land hat das mittlerweile gut sechs Jahre andauernde Finanzfiasko so unbeschadet überstanden wie Polen. „Der flexible Wechselkurs hat uns während der Krise sehr geholfen und uns wettbewerbsfähiger gemacht“, meint auch Andrzej Kozlowski, Leiter der Abteilung für Entwicklung und Projektmanagement des polnischen Mineralölunternehmens PKN Orlen.

So geht es dem polnischen Außenhandel

Auch Oppositionspolitiker aus den Reihen der PiS (Recht und Gerechtigkeit) wie Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski fordern den Erhalt der währungspolitischen Souveränität Polens – und damit den Erhalt des Zloty als Währung. Und so kämpft Tusk seinen Kampf um den Euro vorerst noch mit geringer Unterstützung. Noch fehle ihm die notwendige Mehrheit um Verfassungsänderungen zum Euro-Beitritt im Parlament durchzusetzen sagte Tusk der liberalen polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza".

2015 steht die nächste Parlamentswahl an, dann kommt das Thema erneut auf den Tisch. Tusks Ziel ist klar, bis 2016 möchte er den Euro in seinem Land einführen. Experten aus Politik und Wirtschaft sprechen aufgrund der umstrittenen politischen Lage aber eher von einem Beitritt 2017 oder gar frühestens 2019.

Auch die polnische Bevölkerung steht alles andere als geschlossen hinter einem möglichen Beitritt zum Euro. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS von 2013 ergab, dass viele Polen den Euro nach wie vor ablehnen. 37 Prozent der befragten Polen fürchten, dem Land werde es mit dem Euro schlechter gehen, nur jeder Siebte hält die Euro-Einführung für gut. Dabei sind es vor allem die jungen Leute, die sich den Euro wünschen, während die älteren befürchten, der Euro könne die Wirtschaft des Landes schwächen.

„Vor allem Senioren fordern den Erhalt des Zloty. Ich glaube sie haben Angst vor der neuen Währung, weil sie sehen, was die Krise mit den Euroländern gemacht hat. Sie denken: Warum etwas ändern, was so lange so gut funktioniert hat?“, beschreibt Julia Fusiecka, 22, das Problem. Sie selber würde einen Eurobeitritt aber begrüßen. „Gerade wir jungen Leuten sind doch so vernetzt in Zeiten der Globalisierung. Wir haben Freunde in ganz Europa, studieren im Ausland und reisen viel. Ich fühle mich da immer ein bisschen außen vor, wenn ich jedes Mal erst Geld wechseln muss, um in Europa zu reisen.“

 

Pläne für die Zukunft

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Zumindest die Wirtschaft steht hinter dem Projekt "Euro-Einführung" von Donald Tusk. Der Grund: Nach und nach verliert auch in Polen das Wirtschaftswunder seinen Zauber. Nach dem beispiellosen Aufschwung nach der Jahrtausendwende und der raschen Erholung von der Wirtschaftskrise, hat sich 2013 auch in Polen das Wirtschaftswachstum verlangsamt. Jetzt sollen mehr Investitionen und höhere Staatsschulden her, um die Volkswirtschaft wieder auf Trab zu bringen und die Konjunktur anzukurbeln. Jenseits der rosaroten Brille zeigt sich: Auch Polen hat noch große Defizite.

Andrezj Kozlowski sieht die vor allem auf Unternehmensebene: „Wir fallen noch weit hinter Deutschland zurück, was Entwicklung und Innovation angeht. Um mit führenden europäischen Wirtschaftsmächten gleichzuziehen müssen wir das Risiko eingehen und den Fokus stärker auf Innovation und technischen Fortschritt legen.“ Das sei weder billig, noch einfach, aber notwendig um dauerhaft die eigenen Standards an die deutschen anzugleichen.

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Auch ein Blick auf die Arbeitslosenrate macht deutlich, dass sich hinter einer nach außen starken Wirtschaft noch tiefliegende Probleme verbergen. 10,1 Prozent betrug die Arbeitslosenquote in Polen 2013 und erreichte den höchsten Stand seit sieben Jahren. Damit waren gut doppelt so viele Menschen auf Arbeitssuche wie in Deutschland. Auch der Jugendarbeitslosenanteil überstieg mit 27 Prozent deutlich deutsche Verhältnisse. "Viele junge Leute zieht es deshalb zum Arbeiten vermehrt ins Ausland", meint Sonia Pietraszewska, Soziologiestudentin. Auch für ältere Leute sei die Situation schwierig. "Wer älter ist als 40 Jahre und seinen Job verliert, hat es schwer, nochmal Fuß zu fassen", erzählt die Studentin. Besonders kompliziert sei die Situation auf dem Land.

Nicht nur die Arbeitsmarktstruktur ist verbesserungswürdig, Michael Kern sieht zudem Handlungsbedarf bei der Infrastruktur: „In dem Bereich hat Polen noch deutliche Defizite. Es gibt keine funktionierende Nord-Süd Verbindung. Da muss noch viel getan werden“, meint er. Es sei also noch ein weiter Weg.

Aber nicht umsonst gelten die Polen als „Europameister des Optimismus“: 2014 wolle man die Trendwende schaffen, so Premier Tusk, der mit einer Konjunkturaufhellung Rückenwind gewinnen will auf dem schwierigen Weg Richtung Euro-Einführung.

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