Leitzins bei null Prozent Schweden sollte der EZB als Warnung dienen

Die EZB fürchtet Deflation und senkt die Zinsen immer weiter. Ein riskanter Weg – zeigt der Blick nach Schweden. Die Skandinavier stehen schon heute vor dem geldpolitischen Scherbenhaufen, der dem Euroraum noch droht.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa
Instrument: SteuererhöhungAusgestaltung: Abgeltungsteuer wird angehoben oder Spekulationsgewinne werden künftig nach individuellem Steuersatz versteuert negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate, Fonds Eintrittswahrscheinlichkeit: SPD-Forderung; nicht im Koalitionsvertrag; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je nach Steuersatz; gerade Aktionäre wären getroffen; ••••∘ Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung; nur Minderheit der Wähler ist betroffen historische Vorbilder: - Quelle: dpa
Instrument: SteuererhöhungAusgestaltung: Grund- und Grunderwerbsteuer werden sukzessive angehoben negativ betroffen wären/sind: Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Eigenheimnutzer schmerzt nur die Grundsteuer; •••∘∘ Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung historische Vorbilder: Ausweitung Spekulationsfrist 1999 Quelle: dpa
Instrument: SteuererhöhungAusgestaltung: Spekulationsfrist wird gekippt negativ betroffen wären/sind: Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Eigenheimnutzer schmerzt nur die Grundsteuer; •••∘∘ Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung historische Vorbilder: Ausweitung Spekulationsfrist 1999 Quelle: Fotolia
Instrument: VerboteAusgestaltung: Verschärfung des Verbots von Mieterhöhungen; zum Beispiel in gefragten Gegenden bei bereits hoher Miete negativ betroffen wären/sind: Immobilien (nur vermietete) Eintrittswahrscheinlichkeit: im Koalitionsvertrag überraschend entschärft; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermieter; •••∘∘ Vorteil für Staaten: Zustimmung von der Mehrheit der Wähler historische Vorbilder: in Deutschland seit 1974 Quelle: dpa

Aus kontinentaleuropäischer Sicht sind es paradiesische Zustände, die da im Herzen Skandinaviens herrschen. Zwischen zwei und drei Prozent Wachstum verzeichnet Schweden in den vergangenen Jahren regelmäßig, die Arbeitslosigkeit sinkt, der Wohlstand nimmt zu.

Doch schon die Parlamentswahl im Sommer ließ ahnen, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann: Die Schweden wählten ihre konservative Regierung ab, obwohl die nach wirtschaftlichen Maßstäben höchst erfolgreich gearbeitet hatte. Stattdessen regiert jetzt ein wackeliges Mitte-Links-Bündnis gegen eine erstarkte rechtspopulistische Opposition.

Trotz Aufschwungs ist das wichtigste skandinavische Land offenbar tief verunsichert. Die vielen Flüchtlinge, die wachsende Kriminalität und zunehmende soziale Ungleichgewichte sind ein paar gesellschaftliche  Erklärungen dafür. Immer offensichtlicher und dramatischer aber werden die Konsequenzen der nervösen Volksseele: Die Schweden trauen sich selbst nicht mehr über den Weg.

Wissenswertes über Schweden

Zwar wächst die Wirtschaft seit der Finanzkrise so beständig wie nirgendwo sonst in Europa, Schweden stellt sogar Deutschland in den Schatten. Selbst in diesem Jahr, wo es in Deutschland quartalsweise bergab geht, legt die schwedische Wirtschaft konstant zu.

Doch anstatt den entstehenden Wohlstand fröhlich zu konsumieren, lassen die Schweden sich von einer abstrakten Krisenangst leiten und horten ihr Geld. Die Folge: In 16 der vergangenen 24 Monate lag die Inflationsrate im negativen Bereich, allein im September waren die Preise 0,4 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Jetzt zieht die Reichsbank, die schwedische Notenbank, den letzten Trumpf der ihr noch bleibt. Vom ohnehin sehr niedrigen Niveau (0,25 Prozent) senkt sie den Leitzins auf 0 Prozent. Man könnte auch sagen: Sie schafft den Leitzins, und damit ihre ganz ursprüngliche Daseinsberechtigung, einfach ab.

Für Banken heißt das, dass sie sich nunmehr Geld leihen können, ohne dafür eine Gebühr zu bezahlen. Sicher, ihr bleiben noch die unkonventionellen Maßnahmen, also der eigenständige Aufkauf von Anleihen am Markt, doch im Kern liest sich das wie der sprichwörtliche Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Für die Notenbank ist der Schritt die allerletzte Chance, endlich die Inflation zurückzubringen ­– die sie selbst auf dem Gewissen hat.

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