WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Leitzins unverändert EZB halbiert Anleihenkäufe auf 15 Milliarden Euro

Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt Quelle: dpa

Europas Währungshüter halten Kurs auf ein Ende ihrer umstrittenen Anleihenkäufe. Damit ist die Politik des billigen Geldes aber noch lange nicht vorbei.

Der Anti-Krisen-Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) neigt sich langsam dem Ende zu. Wie im Juni in Aussicht gestellt, halbiert die Notenbank das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe ab diesem Oktober auf 15 Milliarden Euro. Ein Ende des – vor allem in Deutschland – umstrittenen Programms zum Kauf von Staats- und Unternehmenspapieren peilen die Währungshüter unverändert zum Jahresende 2018 an.

Die Entscheidungen des EZB-Rates vom Donnerstag in Frankfurt zementieren aber zugleich ein Andauern der Phase extrem niedriger Zinsen: Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von null Prozent, zudem müssen Geschäftsbanken weiterhin 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken.

Die Aussicht auf eine Normalisierung der Geldpolitik in der Euro-Zone hat der Gemeinschaftswährung am Donnerstag Rückenwind gegeben. Der Euro stieg um ein halbes Prozent auf 1,1683 Dollar und erreichte den höchsten Stand seit Ende August. Analystin Esther Reichelt von der Commerzbank führte die Euro-Stärke vor allem auf Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi zurück, der einen überwiegend positiven Ausblick auf die wirtschaftlichen Aussichten gegeben habe. „Es zeichnet sich immer mehr ab, dass die EZB die Geldpolitik normalisieren wird", sagte Reichelt. Außerdem habe der Euro Auftrieb bekommen vom Dollar, der sich auf breiter Front abschwächte. Der Dollar-Index, der den Wert der US-Devise zu anderen Währungen abbildet, fiel um 0,3 Prozent auf 94,55 Punkte. Der Dollar kam unter Druck, nachdem die US-Inflationsdaten schwächer ausfielen als erwartet. Die Verbraucherpreise stiegen im August um 2,7 Prozent zu. Experten hatten mit einem Plus von 2,8 Prozent gerechnet.

Eine Wende hin zu höheren Zinsen wollen die Währungshüter frühestens im Herbst 2019 einläuten. Der EZB-Rat bekräftigte seine Einschätzung, dass die Zinsen bis „mindestens über den Sommer 2019“ auf dem aktuellen Niveau bleiben werden. Volkswirte rechnen damit, dass die EZB dann zunächst die Strafzinsen für Kreditinstitute verringern wird. Sparer dürften auf eine erste Zinserhöhung noch länger warten müssen. Andererseits profitieren Kreditnehmer somit weiterhin von relativ guten Konditionen.

An den Anleihenmärkten wird die EZB auch dann noch ein gewichtiger Marktteilnehmer bleiben, wenn sie keine neuen Papiere mehr erwirbt: Gelder aus auslaufenden Anleihen will sie wieder investieren. Seit Beginn des Programms im März 2015 bis Ende August 2018 hat die EZB Wertpapiere im Gesamtwert von gut 2,5 Billionen Euro gekauft. Ziel ist, auf diesem Weg der Konjunktur in den 19 Euroländern auf die Sprünge zu helfen und zugleich die Teuerung anzuheizen.

Die EZB hat angesichts der schwächeren Weltwirtschaft ihre Wachstumsprognosen für die Euro-Zone leicht nach unten korrigiert. Das Bruttoinlandsprodukt in der Währungsunion soll in diesem Jahr um 2,0 Prozent und 2019 um 1,8 Prozent zulegen, wie die Notenbank-Ökonomen in ihren am Donnerstag in Frankfurt veröffentlichten Projektionen mitteilten. Noch im Juni waren jeweils 0,1 Punkte mehr vorhergesagt worden. Für 2020 werden unverändert 1,7 Prozent erwartet.

„Unsicherheiten in Bezug auf zunehmenden Protektionismus, Anfälligkeiten in Schwellenländern und die Schwankungen der Finanzmärkte haben in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen", sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Dennoch werde es eine „anhaltende, breit angelegte Expansion der Wirtschaft“ in der Euro-Zone geben.

Ihre Inflationsprognosen ließen die EZB-Ökonomen unverändert. Demnach werde die Teuerungsrate bis 2020 bei jeweils 1,7 Prozent liegen. Die Notenbank strebt knapp zwei Prozent als optimalen Wert für die Wirtschaft an. Angesichts der konjunkturellen Belebung sei er zuversichtlich, dass sich die Inflationsrate diesem Ziel annähern werde, sagte Draghi.
Im August lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach Zahlen des Statistikamtes Eurostat um 2,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Mittelfristig strebt die EZB Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an. Das ist weit genug entfernt von der Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher dazu bringen, Investitionen aufzuschieben – das könnte die Konjunktur abwürgen.

Seit dem Frühjahr wird dieses Inflationsziel wieder erreicht, nachdem es jahrelang verfehlt worden war. Die jüngste Entwicklung ist ein Grund mehr für die EZB, ihre Geldpolitik nach Jahren im Krisenmodus allmählich zu normalisieren - ungeachtet von Handelskonflikten, die die Risiken für die Weltwirtschaft wieder zunehmen lassen.

Ungewiss bleibt, ob EZB-Präsident Mario Draghi zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit im Herbst 2019 noch die erste Zinserhöhung in Kraft setzen wird oder das seinem Nachfolger überlässt. Die Chancen, dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann als erster Deutscher auf dem EZB-Chefsessel Platz nehmen wird, scheinen sich angesichts des politischen Postenpokers in Europa verschlechtert zu haben.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%