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Lockdown-Ende verschoben Großbritannien zieht die Notbremse

Proteste vor dem Westminister-Palast gegen die Verschiebung des Lockdown-Endes. Quelle: AP

Premier Boris Johnson erklärte eine Woche vor dem Termin, an dem das weitgehende Ende der Covid-Beschränkungen geplant war, dass dieser um mindestens vier Wochen verschoben wird. Johnson hat sich erneut verkalkuliert.

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„Es gibt die reale Möglichkeit, dass das Virus die Impfungen überholen könnte“, sagte Johnson in einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. „Es könnte tausende weitere Todesfälle geben, die vermieden werden könnten.“ Die Regierung wolle dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS „einige Wochen mehr geben, um mehr Impfungen in die Arme zu bekommen.“

Johnsons Ankündigung kam nicht überraschend. Schon seit Wochen breitet sich die weitaus ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus in ganz Großbritannien aus, die zum ersten Mal im März in Indien entdeckt worden ist. Und diese Variante ist offenbar in der Lage, eine große Zahl von Personen zu infizieren, die bereits eine Impfdosis erhalten haben. Die Fallzahlen, die seit Monaten rückläufig waren, steigen derzeit wieder rapide an. Am Ende blieb Johnson nichts anderes übrig, als die Notbremse zu ziehen.

„Wir werden darauf abzielen, dass bis Montag, den 19. Juli, zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung zweifach geimpft haben“, sagte Johnson. Das beinhalte alle Über-50-Jährigen, alle anfälligen Personen und Mitarbeiter des Gesundheitsapparat, die „an vorderster Front“ tätig sind, alle Pflegekräfte und alle Über-40-Jährigen, die ihre erste Dosis vor Mitte Mai erhalten haben. Die Gabe der zweiten Impfdosis an alle Über-40-Jährigen würde ebenfalls beschleunigt. Alle jüngeren Erwachsenen sollten bis zum 19. Juli ihre erste Dosis erhalten.

Chris Witty, der oberste Gesundheitsbeamte des Landes, war bei der Pressekonferenz ebenfalls anwesend. Er stellte die Zahlen vor, auf deren Basis die Regierung ihre Entscheidung getroffen hat. So hätten derzeit 41,7 Millionen Personen die erste Impfdosis erhalten - was in etwa 80 Prozent der Erwachsenen entspricht. 30 Millionen von ihnen hätte beide Dosen erhalten.

Dessen ungeachtet sei die Zahl der registrierten Covid-Neuerkrankungen in allen Landesteilen zuletzt um 64 Prozent pro Woche gestiegen. Zugleich sei auch ein Anstieg bei den Einweisungen Covid-Erkrankter in Krankenhäuser zu beobachten. Die absoluten Zahlen seien noch relativ niedrig, erklärte Witty, aber es sei schon jetzt eine wöchentliche Verdopplung der Fälle zu beobachten. Bei 96 Prozent der Neuinfektionen, bei denen untersucht worden sei, um welche Variante des Virus es sich handelt, sei zudem festgestellt worden, dass es sich um die neue Delta-Variante handele.

Diese Variante hat sich in den vergangenen Wochen in Windeseile im gesamten Land ausgebreitet. Sie ist laut Schätzungen des Gesundheitsbehörde Public Health England um etwa 60 Prozent ansteckender als die in Großbritannien bislang vorherrschende Alpha-Variante (die in Europa als „britische Variante“ bekannt ist). Und sie scheint zu etwas schwereren Krankheitsverläufen zu führen als die früheren Varianten.

Die Gesundheitsbehörde Publish Health England kam in einer kürzlich veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass sowohl der Biontech/Pfizer- als auch der Oxford/AstraZeneca-Impfstoff nach der ersten Dosis nur einen etwa 33-prozentigen Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung bieten.

Eine Studie, die am Montag im Wissenschaftsmagazin The Lancet erschienen ist, beziffert die Wirksamkeit des Pfizer- und AstraZeneca-Impfstoffs gegen die Delta-Variante mindestens zwei Wochen nach der Gabe der zweiten Dosis auf 79 und 60 Prozent. Bei der vorherigen Alpha-Variante lag die Wirksamkeit nach zwei Dosen noch bei 92 Prozent (Pfizer) und 73 Prozent (AstraZeneca).

Die Entwicklungen in Großbritannien zeigen, wie zerbrechlich Erfolge im Kampf gegen die Pandemie sein können. Nach einer verspäteten und desaströsen anfänglichen Antwort auf die Coronakrise durch die Regierung in London brachte die rasch angelaufene und erfolgreiche Impfkampagne die Kehrtwende. Der staatliche Gesundheitsdienst NHS lieferte die Impfstoffe bis in die hintersten Landesteile, wo niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser und lokale Gesundheitsbehörden ausgesprochen schnell und erfolgreich den Großteil der Personen erreichten, die einen Anspruch auf eine Impfung hatten. Die Menschen in Großbritannien erwiesen sich zudem als impfwilliger als gedacht. Die Fall-, und Todeszahlen, die im Januar für einige Tage noch die höchsten weltweit waren, gingen rapide zurück.

Noch vor wenigen Wochen sah alles danach aus, als würde Großbritannien seine Covid-Einschränkungen zum Sommer hin beinahe vollständig zurückfahren können. Es wäre ein beachtlicher Erfolg für den Brexit-Premier Boris Johnson gewesen. Die Regierung hätte die erfolgreiche Impfkampagne und den vergleichsweise raschen Ausstieg aus den Covid-Beschränkungen als Brexit-Erfolge feiern können. Und das sogar mit einiger Berechtigung.

Doch dann hat Johnson - mal wieder - die Warnungen der Experten ignoriert und zu später reagiert, als eine potenziell gefährlichere Variante des Coronavirus entdeckt worden ist. Wegen hoher Covid-Fallzahlen setzte die Regierung Pakistan und Bangladesch bereits am 2. April auf die „rote Liste“ der Länder, für die strengste Auflagen gelten. Indien kam erst 17 Tage später hinzu. Die Labour-Abgeordente Yvette Cooper wies anschließend mit einer Grafik in einem Tweet darauf hin, dass die Fallzahlen in Indien damals deutlich höher waren als in Pakistan und Afghanistan.

Offenbar wollte Johnson die indische Regierung nicht mit Einreisebeschränkungen verärgern. Der Brexit-Premier erhofft sich von Delhi ein großzügiges Handelsabkommen.

Das dürfte für viele Briten handfeste Konsequenzen haben. Denn nun führen immer mehr Staaten aus Sorge vor der Delta-Variante und den rapide steigenden britischen Fallzahlen Einschränkungen für Reisende aus Großbritannien ein. Ab Dienstag werden sich Reisende aus Großbritannien in den Niederlanden für bis zu zehn Tage in Quarantäne begeben müssen. Die niederländische Regierung stuft Großbritannien derzeit wegen der hohen Verbreitung der Delta-Variante als Land mit einem „sehr hohen Infektionsrisiko“ ein.



Auch die Vereinigten Arabischen Emirate - bislang eine Enklave für selbsternannte Lockdown-Rebellen und Influencer - hat Großbritannien von seiner Liste der Länder entfernt, aus denen sich Reisende nicht in Quarantäne begeben müssen. Italien und Irland erwägen Berichten zufolge, weitere Einschränkungen für Reisende aus Großbritannien einzuführen. Die französische Regierung hat bereits seit Ende Mai die Einreise von Personen aus Großbritannien stark eingeschränkt.

Mehr zum Thema: Wie gefährlich sind die Corona-Mutationen? Die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff sagt voraus, dass es Dritt- oder Viertimpfungen geben wird und wie lange es dauert, um die Impfstoffe an die Mutationen anzupassen.

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