Lotto, das Milliardengeschäft Wie Bund und Länder beim Glücksspiel kassieren

Ein EU-Verfahren bringt das staatliche Glücksspielmonopol ins Wanken und mit ihm eine chronisch filzgefährdete Allianz von Politikern und Lottofunktionären. Das Endspiel um das staatseigene Milliardengeschäft beginnt.

Lotto: Der Traum vom Glück ist ein Milliardengeschäft von dem Bund und Länder profitieren. Quelle: Illustration: Dmitri Broido

Am Kölner Friesenplatz verbirgt sich das Glück hinter einer staubigen Schaufensterfront mit sechs aufgeklebten roten Kreuzen. Eine künstliche Orchidee und vergilbte Grußkarten zieren die Auslage. Daneben kündet ein gelbes Plakat vom Ende aller finanziellen Sorgen: 33 Millionen Euro.

Die stolze Summe war am Samstag vor Pfingsten im Lotto-Jackpot und sorgte deutschlandweit für Hochbetrieb in Kiosken und Lottobuden. Millionen Glücksritter drängten zu den Scheinen, um der statistischen Wahrscheinlichkeit von 1:139.838.160 zu trotzen. Am Friesenplatz klaubte noch kurz vor Annahmeschluss ein Rentner Kleingeld aus dem Portemonnaie und schob seinen Tippschein mit den Worten „diesmal lohnt es sich ja richtig“ über die Theke.

Eine Aussage, der sich die Chefs der 16 staatlichen Lotteriegesellschaften anschließen dürften. Wenn ein üppig gefüllter Jackpot lockt, steigen ihre Umsätze.

Lotto am Mittwoch: Wie häufig die Deutschen auf das Glücksspiel setzen

Im Lotto-Normalgeschäft herrscht dagegen Spielverdruss. Kein Wunder: Den staatlichen Glückmachern droht Unbill aus Brüssel. In den kommenden Wochen will die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten und die Öffnung des bisher staatlich geschützten Marktes für Sportwetten und Onlinecasinos erzwingen.

In der Folge könnte auch das staatliche Lotteriemonopol ins Wanken geraten, das die 16 Gesellschaften bisher vor den Widrigkeiten des Wettbewerbs schützt. Denn Sportwetten und Casinospiele sind allen Statistiken zufolge deutlich suchtgefährdender als Lotto. Wenn sie liberalisiert werden, warum dann nicht auch das vergleichsweise harmlose Kreuzchenspiel? Das Endspiel um einen milliardenschweren Jackpot beginnt.

Kampflos, so viel ist sicher, werden sich die staatlichen Losverwalter nicht geschlagen geben. Zu viel steht auf dem Spiel. Schließlich könnten nur über das staatliche Monopol segensreiche Sozial-, Kultur- und Sportprojekte gefördert werden, argumentieren die Lottofunktionäre. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche und des ZDF-Magazins „Frontal21“ gerät mit dem staatlichen Glücksspielmonopol auch ein System in Bedrängnis, das zu Filz einlädt und sich durch eine dubiose Nähe zur Politik auszeichnet.

Die hessische Lottozentrale im Villenviertel von Wiesbaden wirkt wie ein Werbebild für die nächste Sonderauslosung: Auf dem adrett gestutzten Rasen plätschern zierliche Springbrunnen. Rechts führt der Weg zu einem weitläufigen Anwesen, links spiegelt sich die Sonne in einem wuchtigen Glasbau. Im ersten Stock sitzt Hessens Lottochef Heinz-Georg Sundermann in seinem Büro. Hinter Sundermanns Schreibtisch lagert gut ein Dutzend Fußbälle in den Farben der Frankfurter Eintracht, vor seinen Füßen dösen Arusha und Melody, zwei Dalmatiner, die gelangweilt ihre Schnauzen heben, sobald Besuch eintritt.

Seit 2002 führt der promovierte Jurist Sundermann die Geschäfte von Lotto Hessen. „Eine heile, friedliche Welt“, fand er vor, als er den Job antrat, eine Welt ohne große Onlinekonkurrenz, „in der die Lotto-Geschäftsführer wie Lotto-Könige waren“. Doch inzwischen habe sich der Markt gedreht, sagt Sundermann.

Zwar verteidigen die staatlichen Anbieter ihre Hoheit über die Annahmestellen. Schließlich ist ihr Kugelmonopol im Glücksspielstaatsvertrag der 16 Bundesländer fest verankert. Doch im boomenden Digitalgeschäft bringt das wenig. Unternehmen wie Lottoland oder Tipp24 wildern im staatlichen Revier und bieten von Gibraltar und England aus Onlinetippscheine an, die im Prinzip Wetten auf die deutschen Lottoziehungen sind.

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